Will Smith - Willennium

 

Willennium

 

Will Smith

Veröffentlichungsdatum: 16.11.1999

 

Rating: 4 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 15.10.2016


Das eine Mal, im Studio, als Will nicht wirklich wusste, was er dort machen sollte.

 

Ich schreibe gerade an einem Computer. Microstar, mit Windows 10 - ich Volltrottel - drauf. Warum steht das hier? Na, weil die Welt danach lechzt, es zu wissen! Warum auch sonst? Ich hab aber, für den unwahrscheinlichen Fall, dass das doch nicht der Realität entsprechen sollte, auch eine Ausweichbegründung parat. Denn 2000 sollte ich eingeschult werden und schon glaubte die Welt, die Technik würde den Dienst verweigern, alles würde dem ultimativen Absturz entgegengehen. Typisches Millennium eben. Passiert ist interessanterweise nichts, außer dass ich wirklich eingeschult wurde. Viel heiße Luft, wie bei jeder Massenhysterie. ABER! vielleicht war es ja gar kein Millennium, sondern eben doch das "Willennium". Will Smith hat es angekündigt und wenn der es sagt oder gar rappt, dann könnte da schon etwas dran sein. Und in Anbetracht dessen, wie mäßig die LP geraten ist, wäre das auch eine mögliche Erklärung dafür, warum es im neuen Jahrtausend eigentlich nur mehr bergab gegangen ist.

 

Dagegen spricht, dass schon das zweite Album nach dem Comeback nicht mehr wirklich irgendwas zu Will Smiths Superstarstatus beizutragen hatte. Das "Willennium" war ein kommerzieller Flop, sofern man zweieinhalb Millionen verkaufte Einheiten als solchen bezeichnen darf. Aber wer hat das damals nicht angebracht? Rhethorische Frage, ich erwarte keine Antwort. Die Smith'sche Unterwältigung könnte damit zu tun haben, dass Wild Wild West als Filmtheme ein weniger überzeugender Anreißer war als Men In Black. Unter anderem deswegen, weil der dazugehörige Film...schwierig war, aber auch, weil der Track mit dem Stevie Wonder-Sample noch einmal hirnloser wirkt als alles, was "Big Willie Style" zu bieten hatte. Was ihn nicht per se grässlich macht, trotzdem ist es ein Track, bei dem man sich dafür hassen muss, ihn aufgrund seiner eigentlich lächerlichen over-the-top Produktion doch partiell anziehend zu finden. Zumindest als Partytrack geht er mit seinen offensichtlichen Anleihen an den "besseren Tagen" des Hip-Hop immer noch durch. Und wie mir von eigentlich allen Seiten in meinem Leben angetragen wurde, muss sowas auch mal sein.

 

Was allerdings doch die Frage aufwirft, warum die LP als Ganzes so nicht und nicht sein muss. Diese ohnehin etwas fragwürdige Kombination aus hemmungslos hedonistischen Songs, die lediglich größtmöglicher Tanzbarkeit entgegenarbeiten, und den schmalzig und doch banal wirkenden langsameren Tracks findet weder gemeinsamen Nenner noch lebendige Anziehungskraft. Keine Viertelstunde muss vergehen, da wirkt alles bereits ermüdet, inhalts- und konturlos. Zu Beginn spielt Smith noch manches entgegen, ohnehin scheint er nach dem durchwachsenen Auftritt des Vorgängers raptechnisch wieder mehr in Form. I'm Comin', Will 2K und Freakin' It entbehren zwar auch nur einer Zeile, derentwegen sich die Zeit lohnen würde, dafür passen die rockig angehauchten Samples, darunter The Clashs Rock The Casbah, verdammt gut in das überdrehte Musikgerüst. Das ist lebendiger, eklektischer und auch chaotischer als noch zwei Jahre vorher. Gut daran ist, an Dynamik mangelt es der Eröffnung nicht, zwischen Scratches, Background-Chor, Rock-Riff, Keys und Beat passt aber auch wirklich kein Blatt Papier. Was dann in Kombination mit der glatten Natur all dieser Tracks auch Abzüge bedeutet, denn vier Minuten dieser vollgestopften Soundcollagen erzeugen ein leicht klaustrophobisches Gefühl. Man wird so nicht in Ruhe gelassen, soll unbedingt den nächsten Dancefloor suchen. Na gut, bei Will 2K oder Freakin' It könnte man es sich einreden lassen.

 

Aus schwer nachvollziehbaren Gründen hat Smith allerdings entschieden, dass "Willennium" die Stundenmarke knacken muss, was in Verbindung damit, dass bald selbst der Durchschnitt den Plafond darstellt, nicht gut ist. Wirklich nicht. Noch in der ersten Hälfte springt er vom funkigen Old-School-Auftritt Da Butta inklusive Lil' Kim zum Latin-Sound von La Fiesta und bald zur Schmalz-Ballade Afro Angel, ohne dabei irgendwas in sonderlich bekömmlicher Form hinzubekommen. So anspruchslos Partymusik auch sein darf, so kanten- und letztlich nuancenfrei wie diese Songs sollte kein guter klingen. Nicht, weil die Ohren sich beleidigt fühlen würden - bei Afro Angel schon, aber den Text muss man auch mal schlucken -, sondern weil sie schlicht uninteressant sind; und eben nicht kurzweilig genug, um das abfedern zu können. Da kommt Smith allein schon deswegen nicht heraus, weil er sich mit seinen ernsteren Tracks gehörig verzettelt. Abgesehen vom Titelverbrechen, ist Potnas auch sonst nur ein zähes Gemisch aus kitschigen, trotzdem jenseitigen Lyrics und einem ermüdend schwachen Beat mitsamt banaler Elektronikbegleitung. Gleiches Spiel mit der Pseudo-Romantik von No More und selbst das stimmigere The Rain verendet letztlich als durchschnittlicher, weil zu seichter und zahmer Blick zurück aufs eigene Leben.

 

Dort liegt naturgemäß auch nicht seine Stärke, was uns eigentlich wieder zu Wild Wild West und damit dem gegenüberliegenden Pol treiben sollte. Dort sammelt sich allerdings auch viel Mittelmäßiges an. Zu penetrant und hirnlos sind da die Beiträge, mögen sie der LP auch Leben einhauchen. Smith hat nichts zu sagen und die zurückgewonnene lockere Dynamik im Flow kann wenig dagegen ausrichten, dass seine Lines wegen ihrer Leere gegen das enge Soundkorsett nur schwer bestehen. Das ist vielfältig und sprunghaft genug, um nicht zu versinken, aber nur noch einmal kommt nach dem anfänglichen Dreierpack der Anschein einer guten LP zum Vorschein. Während das Comeback von DJ Jazzy Jeff an Smiths Seite nur selten wirklich ertragreich wirkt - zumindest erkennt man seine Handschrift in der überwiegend von ihm produzierten zweiten Hälfte selten -, ist sein markantester Auftritt, der in Pump Me Up, auch der beste des Albums. Dort zelebriert Smith nicht nur seinen Kollegen aus alten Tagen gebührend, sondern auch endlich die Tatsache, dass er einfach nichts zu sagen hat. Deswegen beschränkt sich sein Part darauf, den Einpeitscher und Passgeber für Jazzy Jeffs vielseitiges Scratchen zu spielen. Das genügt, weil dadurch der musikalisch frischeste, interessanteste und letztlich langlebigste Track herauskommt, den man hier findet.

 

Was vielleicht schön ist für DJ Jazzy Jeff, allerdings weniger für Will Smith. Es gibt Gründe, warum er spätestens mit der Jahrtausendwende eigentlich nur mehr Filmstar war. "Willennium" ist einer davon, das lässt sich ohne große Zweifel sagen. Der LP mangelt es zu sehr an Ideen und letztlich muss man, so klinisch, wie die Musik mitunter klingt, sogar die Motivation der Beteiligten ein bisschen in Frage stellen. Dementsprechend findet sich auch relativ wenig, was die Motivation, sich die 15 Tracks öfter anzuhören, hervorrufen sollte. Zu zähe ist das Ganze. Gut genug, um für eine Compilation etwas abzuwerfen, nicht gut genug, um das eigene Dasein als Longplayer gerechtfertigt erscheinen zu lassen. ABER! es bleibt natürlich immer die Möglichkeit, dass Will Smith 1999 die Welt vor dem millenialen Chaos und dem unweigerlichen Untergang bewahrt hat, genau so, wie es zehn Jahre vorher David Hasselhoff bei der Berliner Mauer gemacht hat. Möglicherweise war aber auch einfach meine Einschulung nicht ganz so weltbewegend.

 

Anspiel-Tipps:

- Will 2K

- Freakin' It

- Pump Me Up