The Killers - Wonderful Wonderful

 

Wonderful Wonderful

 

The Killers

Veröffentlichungsdatum: 22.09.2017

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 23.11.2017


Gerade genug Veränderung, um punktgenau überall dort zu landen, wo man bisher schon war.

 

Hartnäckig hält sich die Theorie, Menschen würden unweigerlich zu Machtversessenheit, übersteigert positivem Selbstbild und Desinteresse an Veränderung und Meinungspluralität tendieren, wenn sie zu lange hohe politische Positionen mit ausuferndem Entscheidungsspielraum innehaben. Es finden sich auch einfach zu viele Beispiele, die diese Ansicht bestätigen, als dass man sie einfach abtun könnte. Zum Herrscher auf Lebenszeit haben sich zwar seit Caesar offiziell nur wenige machen lassen - wenn sie nicht durch Gottes Gnaden schon von Geburt an dazu bestimmt waren -, aber das Haltbarkeitsdatum wird bei beliebten Herrschern und Politikern fast immer weit überschritten. Das hat dann den unguten Nebeneffekt, dass man seine eigentliche Hauptaufgabe aus den Augen verliert und zu Nepotismus, Korruption und insbesondere Lethargie neigt. Die Frage nun: Lässt sich dieses Phänomen auch in anderen Biotopen außerhalb der Parlamente und Herrschaftspaläste dieser Welt beobachten? Ja, sagt da der Musikkenner. Denn was ist schon geläufiger als sattgefressene, vor allem aber zu selbstsichere Musiker, die nach Jahren des Erfolgs nichts mehr mit Entwicklung und Selbstkritik anfangen können? Ich sehe, Brandon Flowers meldet sich zu Wort.

 

Dessen musikalische Reise inklusive Selbstfindung war ja bisher "Wonderful Wonderful", wenn man den Charts glauben darf. Qualitativ war es immerhin kein Brechreiz erregendes Auf und Ab, sondern eher ein Herumdümpeln in der pompösen Mäßigkeit, das ein bravouröses Ende gefunden hatte mit "Battle Born", dem immerhin am wenigsten nervigen Album der Killers seit langem. Nur war die LP auch deswegen vergleichsweise so angenehm zu hören, weil von Veränderung und Risiken keine Spur war, man sich stattdessen der bequemen Rezitation glattgebügelten Stadion-Rocks hingegeben hat. Es spricht für die Band, dass sie sich das leisten kann, und gegen sie, dass sie es sich gar so einfach macht. Der fünfte Longplayer sollte eigentlich anders sein, ein paar Ketten sprengen und neues Territorium erkunden, um dem unverändert bombastischen Auftreten der Killers auch weiter seine Daseinsberechtigung zu sichern. Wirklich epochal ist dabei aber nur die Ironie dessen, dass man von Beginn weg klingt, als wären die drei Vorgängeralben in einem Mixer verarbeitet worden. Deswegen mutet es auch dezent humorvoll an, dass dem eröffnenden Titeltrack so eine erneuernde Qualität nachgesagt wird. Abgesehen von allerlei Späßen mit Synthesizern und verzerrten Riffs ist da nicht viel zu hören, selbst der pochende Bass in den Strophen legt schon wieder die Stadiongröße nahe und spätestens mit dem theatralischen Aufwallen von Flowers' Stimme im Refrain weiß man, die Helden der emotionslosen Effekthascherei sind wieder da!

 

Das hört auch so schnell nicht auf, keine Sorge. Eigentlich kann man nur an einer Stelle von wirklich unbekannten Facetten der Band zu sprechen beginnen, nämlich bei Leadsingle The Man. Die ist wunderbar kitschig - soweit noch keine Erneuerung -, bringt aber mit ihrem glitzernden Disco-Sound, den Daft-Punk-Gedenk-Vocodereinsätzen und den starken Funk-Ansätzen eine Lockerheit ins Spiel, an die man sich so bei dem Quartett nicht erinnern kann. Immer noch großspurig intoniert, was allein schon die Mitarbeit von Jacknife Lee mit sich bringt, aber immerhin mit der Chuzpe, komplett über die Stränge zu schlagen und damit also für eine Dancefloor-Version von Spaceman zu sorgen. Dass Flowers darin auch noch die zynisch-humorvolle Machovision seiner eigenen Jugend einbaut, lässt ihn für einmal gut dastehen und macht den Song ein wenig zum I Can't Dance des 21. Jahrhunderts. Man verarbeite das, wie man will. Weniger Freiheiten lässt einem Run For Cover, die offensichtlichste Rückbesinnung auf die Werte von "Sam's Town" und gleichzeitig der beste Track der Band seit When You Were Young, wenn nicht seit Mr. Brightside. Das bedeutet dann zwar unverändert kantenarmen Rock, immerhin ist es aber einer mit beeindruckender Hook, Up-Tempo-Beat und freilaufendem Dave Keuning, der folglich seiner Gitarre kratzige Riffs entlockt, die netterweise nicht zu einer großen Wand mutieren müssen. Um die Diskographie-Durchforstung dann endgültig komplett zu machen, drängt sich spät noch Out Of My Mind auf, dessen heller, jangelnder Riff und Retro-Synths in den Sphären von "Battle Born" und dessen raumfüllendem Sound landen, ohne dabei notwendigerweise penetrant oder abgeschmackt zu klingen.

 

Wo doch da die Lockerheit fast Überhand zu nehmen droht, ist es in puncto Erwartungshaltung ganz gut, dass an anderer Stelle schnell wieder die über alle Maßen angespannte Trägheit herrscht, die man von den Killers gewohnt ist. Vor allem eines wird diese Band nicht mehr schaffen, nämlich eine stimmige, nicht dem puren Schmalz oder fundamentaler Langeweile anheimfallende Ballade zu fabrizieren. Da ist es dann auch wirklich sekundär, ob man mit Some Kind Of Love pastorale Klänge anschlägt und einen mit tödlichem Tempo einschläfert, ob Rut einen in die Untiefen des emotionslosen Synth-Pop leitet oder ob Have All The Songs Been Written? die Liste der lächerlich 

instrumentierten Epochalballaden aus der Feder von Brandon Flowers verlängert. Würde man in Las Vegas irgendwann einmal auf die Idee kommen, solche und andere Dinge außen vor zu lassen, die ganze Musikwelt würde aufatmen. Passiert nicht und so bleibt man auf dem aufgeblasenen, aber mit archetypisch eindringlichem Refrain gesegneten Life To Come sitzen, um noch irgendwie behaupten zu können, man könnte stimmungsvolle Musik machen.

 

Wobei das ohnehin immer so eine Sache ist bei einem Songwriter, der selbst die persönlichsten Themen in komplett unnahbare und jeglicher Tiefe beraubte Zeilen verwandelt, zwischendurch von Boxdramen schwadroniert und aus heiterem Himmel liebessehnsüchtig klingt. Mit anderen Worten, es ist einige Zeit her bis ohnehin unerinnerlich, dass man Brandon Flowers und seinen Ergüssen soweit folgen konnte, dass daraus ein Schuh wurde und man vielleicht gar davon sprechen konnte, einer thematisch geschlossenen Tracklist beizuwohnen. Was an sich im Pop auch keine Voraussetzung ist, nur kommt man eben immer wieder zu dem Umstand zurück, dass sich da eine Band zu ernst nimmt, um so komplett zusammenhangloses Stückwerk abzuliefern.

 

Aber gut, die Einzelteile behaupten sich einigermaßen und katapultieren im besten Falle die Band sogar auf lang vergessenes qualitatives Niveau. Würden sich Flowers und seine Leute jetzt noch darauf besinnen, mehr als die Hälfte der aufgenommenen Songs einigermaßen lohnend zu gestalten, könnte man sich vielleicht sogar wieder über ein gutes, wenn nicht sogar das beste Killers-Album freuen. Bis dahin ist es ein Phänomen für sich, dass die Band so kolossal unsympathisch sein kann, trotzdem aber mit jeder LP wieder einem kompletten Absturz entgeht und stattdessen so felsenfest im reich bevölkerten Tal der Unnötigkeit verwurzelt scheint, dass man sie mit nichts anderem mehr wirklich identifiziert. Also abgesehen vom offensichtlichen Ziel, U2 dezent wirken zu lassen. Das ist nett gegenüber Bono, hilft aber sonst niemanden außer denen, die ihre Theorie der Erfolgsträgheit bestätigt wissen wollen.

 

Anspiel-Tipps:

The Man

Run For Cover

Out Of My Mind