The Killers - Sam's Town

 

Sam's Town

 

The Killers

Veröffentlichungsdatum: 02.10.2006

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 26.09.2015


Das Heartland ist wohl wirklich nur für echte Amerikaner ein wahr gewordener Traum.

 

Wir bleiben gleich beim großen Helden von Heute, also eigentlich Damals, Falco. Der hat nämlich einmal gesungen: "Amerika, wenns ihr ma glaubats, wia ma eich vermissen kann" und hat damit einen schon uralten europäischen Nerv getroffen, der die großartige Neue Welt als das Nonplusultra und Europa nur als antikes Überbleibsel erscheinen lässt. Wahrscheinlich macht's einfach die Distanz, die die ganze Sache so attraktiv erscheinen lässt, ist ja bei Japan oder Australien nicht anders. Der Schweiz zum Beispiel, der weint grundsätzlich keiner nach, sie ist ja auch gleich ums Eck. Dabei hat die Schweiz Schokolade und Käse, wo die Amis nur Burger und Starbucks-Kaffeeimitate vorweisen können. Trotzdem, die USA sind Trumpf. Oder sie waren es zumindest mal. Nach 9/11, High School-Amok und Sarah Palin will niemand mehr wirklich dort sein, außer die Amis selbst, die noch immer an die ultimative Überlegenheit des eigenen Subkontinents glauben - sie haben uns allerdings auch in puncto Intelligenz was voraus, aber hallo.... Vielleicht ist es also schlicht ein perspektivisches Problem der Alten Welt, dass ein so erdiges, patriotisches Midwest-Album wie "Sam's Town" oft verdammt lächerlich daherkommt.

 

Wir müssen also schleunigst alle Scheuklappen abnehmen und die unglaublich gute Seite dieses eigentlich völlig veralteten Sounds für das eigentlich völlig veraltete Heartland finden. Blöderweise sind abseits der Scheuklappen oft nur mehr Lächerlichkeiten, wir behalten sie also erstmal an und gehen stur geradeaus, beginnen auch dort, wo man eben beginnt, nämlich am Anfang. Während Gott zu dem Zeitpunkt sagte, es ward Licht, sagen sich die Killers, Sam's Town ist auch schön. Und tatsächlich markiert der Titeltrack fast so etwas wie einen Jumpstart, denn immerhin steckt in den musikalisch ziemlich glitzernden Welten eine Grandezza, die zumindest nicht nur für Lachfalten sorgt, vor allem dank der starken Riffs und den merkwürdigen Tempowechseln auch ordentlich Drive. Natürlich liegt in der geschliffenen Gitarrenarbeit und den Retro-Keys ein Hauch von Springsteen und Duran Duran, der nicht jedem gefällt, doch abseits jenseitiger Zeilen ist die zum Anheizen gedachte Nummer relativ gut genau dafür geeignet. Man hätte sich natürlich das hymnische Finale sparen können, immerhin weiß auch so jeder um die Übergröße, die Brandon Flowers Zeit seines Lebens zu erreichen gedenkt, genauso wie man sich unweigerlich den pochenden Beat von vor zwei Minuten zurück wünscht, ansonsten passt's aber.

 

Trotzdem stellt sich alsbald die Frage, was man da eigentlich so anreißen wollte. Von Drive oder Energieexplosionen weit und breit kein Lebenszeichen, dafür eher eine lauwarme Brühe, deren Bestandteile sich locker als Überbleibsel der rockigen Spät-70er, leider aber nicht des ebendort beheimateten Punk erkennen lassen. Nein, nein, man setzt viel lieber auf den jeder Vitalität beraubten Stampfer-Rhythmus von Uncle Johnny und dessen Monotonie-Geschrammel an der seelenlos kernigen Gitarre. Das gibt einfach mehr her, offenbar. Die Killers scheinen sich in dieser, Desinteresse und vor allem mitleidiges Schmunzeln anregenden, Welt wohlzufühlen, machen musikalisch mit dem schrägen Bling (Confessions Of A King) überhaupt gleich einen Abstecher in gewöhnungsbedürftige Wild-West-Romantik, nur um sie mit pompösem 80er-Synthie-Kitsch zu einem unschlagbar unharmonischen Ganzen zu vereinen.

Man findet aus sowas dann eben auch schwer wieder heraus. Wo willst auch hin, wennst aus Las Vegas in die Prärie fliehst? Direkt wieder zurück geht ja am gleichen Album zwecks Kredibilität eher schwer und sonst ist da meilenweit einfach nichts anderes. Deswegen ist My List auch genauso weltfremder, aufgeblasener Kitsch, der um Emotionen zu kämpfen scheint, wo keine sind. Das Einschlafen könnte damit leichter werden, sonst bleibt keine Upside bei dem trägen Machwerk, denn auch die Wachphasen suggerieren nur diesen unausstehlichen Bombast, der ungefähr so gefühlvoll klingt wie die Geräuschkulisse einer Straßenbaustelle.

 

Der einzige Weg raus aus der Bredouille, in die man sich schon mit dem Albumkonzept höchstselbst gebracht hat, ist Flowers' Macht über die Hooks und die besitzt er, keine Frage. Aber eben nie in Balladen und fast nie in Mid-Tempo-Songs, weswegen die Ausbeute eher mager ausfällt. Für eine starke Leadsingle reicht's natürlich, mit When You Were Young hat man auch pflichtbewusst die radiofreundlichste und eingängigste Nummer mit dieser Ehre bedacht. Ganz klar ist, es gäbe Null Umstellungsschwierigkeiten, wäre der Track etwa mit Tom Pettys American Girl auf der gleichen LP. Klar ist auch, dass das gut ist, immerhin ist ja American Girl selbst ein Ohrwurm und dem stehen die Killers in nichts nach, egal, ob es da jetzt um die pulsierende Bassline, Flowers theatralisches Stimmchen oder das ideal abgestimmte Keyboard/Gitarren-Duo geht. Sogar der Text um die Jugendromanze mit dem Typen, der nicht wie Jesus ausschaut, wirkt da nicht zu merkwürdig. Welch Leistung.

Im Fall von Read My Mind oder This River Is Wild muss musikalisch gleich gar nichts vom Gesungenen verdeckt werden. In ersterem ist Flowers gesanglich sowieso zu gut, als dass man ihn mit den, nicht mal schlechten, Keys überlagern sollte, da darf er gerne im Arena-Format herumheulen. Überhaupt ist selbiges für einmal der Freund dieser Band, denn der mächtige Refrain ist für nichts eher bestimmt als gefüllte Stadien, hält sich aber als Studioversion mit möglicher überbordender Lautstärke und ergo Plattheit zurück.

 

Mit diesem Konzept übertreibt man dann aber an anderer Stelle doch sehr. Es gibt bei genauerer Betrachtung wenig Unspannenderes als diese mühsamen Balladen, die dann doch lieber Stadionhymnen sein wollen und deswegen nur ja nicht gefühlvoll wirken dürfen. Die pure Seelenlosigkeit und davon findet sich auf dem zweiten Longplayer der US-Amerikaner einiges. Solche Versäumnisse sind auch nicht einfach aus dem Weg geräumt, indem man sich um des schrägen Effekts Willen charakterlich irgendwo zwischen Großstadt-Yuppie und Redneck einnistet. Dieses heimelig Nostalgische, das doch irgendwie modern wirken muss, damit das Star-Spangled Banner auch stolz im Hintergrund wehen darf, es ist ein ziemlicher Krampf, der nicht ganz grundlos eigentlich ausgestorben ist. Und seien wir ehrlich, die Dinosaurier holt auch keiner zurück, nur weil sie irgendwann mal cool waren. Man lässt sie einfach ausgestorben sein, schaut sie sich bestenfalls noch im Kino oder im Museum an. Über den Heartland Rock darf man auch gern Filme drehen, man muss ihn nur nicht mehr produzieren, zumindest nicht für die Alte Welt.