Cliff Martinez - Drive

 

Drive

 

Various Artists

Veröffentlichungsdatum: 27.09.2011

 

Rating: 4 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 10.08.2018


Vitale 80er-Nostalgie von beiden Atlantikseiten gepaart mit zähster Elektronik-Monotonie.

 

Langsam, aber doch relativ sicher beginne ich an der Sinnhaftigkeit des Hörens von Soundtracks um der Soundtracks Willen zu zweifeln. Vielleicht sollte man sie einfach in ihren Filmen belassen und ansonsten nicht weiter damit herumhantieren. Andererseits machen einige so wahnsinnig viel Eindruck, wenn sie die bewegten Bilder begleiten, dass man sie nicht ignorieren kann und auf wirkliche musikalische Großtaten hofft. Erfahrungsgemäß wird das mitunter auch eindrucksvoll bestätigt. Diese Kunst für sich, einen Soundtrack zu schaffen, der auch auf sich alleine gestellt als Album überzeugen kann, sollte schon gewürdigt werden. Aber es kann eben auch eine so unfassbar zähe Geschichte werden wie in diesem Fall, der die glorreich atmosphärische Soundwahl für "Drive" abseits der Kinoleinwand in sich zusammenfallen lässt. Mit- beziehungsweise hauptverantwortlich dafür ist Cliff Martinez, der es sich zumindest bei der Arbeit für Regisseur Nicolas Winding Refn zur Aufgabe gemacht hat, elektronische Mood Music bis aufs Letzte Auszuschlachten. Ein Glück, beteiligen sich noch andere an der Verwirklichung.

 

Müsste man nämlich nur Martinez lauschen, man würde komplett verzweifeln. Nicht aufgrund womöglich vermuteter Talentlosigkeit, sondern wegen der stilistischen und rhythmischen Starre der Kompositionen. Der US-Amerikaner interpretiert die nostalgische Note des Films, die einen direkten Draht zu den neonfarbenen, synthetisch anmutenden 80ern herstellt, fatalerweise in dem Sinne, dass er sich in den Untiefen von Synth-Pop und Ambient um atmosphärische Minuten bemüht. Das scheitert beinahe vom ersten seiner Töne weg. Martinez' Kompositionen sind von nichts mehr gekennzeichnet als von Unbeweglichkeit und ermüdender Schwere. Dass mal drückende, mal surreal träumerische, mal wiederum mysteriös angespannte Stimmung das Ziel gewesen sein dürfte, ist schon zu erahnen. Es verhindert nur nicht, dass man in dieser elendiglich aufgeblähten Suppe aus dahindümpelnden Synths im Stile der Glasharfe verloren geht und kein Licht mehr am Ende des Tunnels erkennt. Wrong Floor, He Had A Good Time, On The Beach, alle eint die Absenz jeglicher wiedererkennbarer Passagen oder emotionaler Eindringlichkeit. Minutenlang hört man im Vakuum schwebenden elektronischen Bausteinen zu, die alleingelassen und letztlich latent sinnlos wirken.

Tatsächlich verpasst Martinez aber nicht die Chance, trotzdem ein bisschen an den Reglern herumzuspielen. Obwohl gelernter Drummer und als solcher immerhin kurzzeitig bei den Red Hot Chili Peppers aktiv, bleiben markante Beats oder Drumeinsätze bestenfalls Randnotizen. Kick Your Teeth ist genau so eine, paart einen kargen, verhallenden Industrialbeat mit sphärischen Gitarrenzupfern und überlebt so die lethargischen Synth-Ergüsse rundherum. After The Chase beginnt dagegen kurz mit voluminösen Steel Drums, versinkt aber bald im schläfrigen Nichts. Und See You In Four, naja, das ist eigentlich beatfrei, allerdings trotzdem ein einsamer lebhafter Funken irgendwo mittendrin. Grund dafür ist die in Horror-Manier geformte Elektronik, die die wunderbar harmonischen Klänge einer auf Metall entlangschrammenden Kreissäge imitiert. Das ist kein Zugeständnis an die Freunde melodischen Songwritings, sorgt aber für die unwirkliche, gespenstische Atmosphäre, die hier wahrscheinlich öfter entstehen hätte sollen.

 

Das Beste hebt sich der Komponist aber bekanntermaßen für den Schluss auf. Dementsprechend kommt auch Martinez erst mit dem Closer Bride Of Deluxe einigermaßen in Fahrt, was ihn auf direktem Weg in die 80er bringt und dank pulsierendem Beat, schillernder Keyboardmelodien und unerwartet passendem Klavier-Part mehr Abwechslung und Leben in sich birgt als der Rest, den er so gezimmert hat. Es ist auch insofern ein gelungener Abschluss, weil der hier eigentlich Hauptverantwortliche damit im Positiven an den Beginn anschließt. Für den wiederum sind so quasi Nebenverantwortliche zuständig, die aber wiederum die teilweise Rettung der LP für sich verbuchen dürfen. Die ersten paar Tracks bieten nämlich tatsächlich atmosphärische, mitunter beinahe gefühlvolle Synth-Pop-Tracks, die Nostalgie genauso sehr verkörpern wie die gelungene Verbindung von synthetischer Beklemmung und verträumter Leichtigkeit. Dass das insgeheim weniger zusammenpasst, soll nicht bestritten werden. Die französischen DJ-Herren Kavinsky und College liefern mit Nightcall und A Real Hero die definitiv besten Minuten des Soundtracks. Beide verkörpern die düsteren Seiten des Films genauso wie die unwirklich-traumhafte Qualität mancher Szenen, letzteres begünstigt durch die Kollaboration mit der brasilianischen Sängerin Lovefoxxx beziehungsweise dem kanadischen Dream-Pop-Duo Electric Youth. Das Ergebnis sind zwei zurückgelehnte Synth-Stücke, eines auch dank Hilfe durch Guy-Manuel de Homem Christo mit latenter Nähe zu Daft Punk, das andere dagegen quasi der entspannteste Song, den Chvrches bisher nicht geschrieben haben. Dazwischen drängt sich das ähnlich gelagerte Under Your Spell, wenig später bekommt man dank der Chromatics mit Tick Of The Clock auch noch ein positiv auffallendes Instrumental mit monotonem, aber wirkungsvollem Dauerantrieb serviert. Und ob man es glauben will oder nicht, sogar der schräg anmutende Trip in Richtung Chanson mit dem von Katyna Ranieri gesungenen Oh My Love funktioniert merkwürdigerweise in dieser Umgebung auffallend gut und ist ein Hauch von Dramatik, der sich merklich vom restlichen Material abhebt.

 

Nur ist das verdammt wenig in Anbetracht dessen, dass man sich da über 70 Minuten Musik anhört. Da ist ein Fünferblock an starken Songs unter Garantie keine ausreichende Lebensversicherung, wenn man damit nicht einmal ein Drittel der Laufzeit abdecken kann. Alles, was nach dem gewinnenden Start passiert, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein Baustein der großen Qualität von "Drive." Für sich genommen ist es aber ein großer Haufen von Nichts, der sich anstrengend bis komplett unauffällig hört und nie wirklich an einen Punkt gelangt, der anziehende Wirkung entfalten würde. Gut möglich, dass das auch daran liegt, dass Cliff Martinez in letzter Minute vom Studio an Bord geholt wurde, um den ursprünglichen Soundtrack von Johnny Jewel zu überarbeiten. Vielleicht hat es aber auch nur damit zu tun, dass eine knappe Stunde lähmender Ambient-Sounds nicht dazu geeignet ist, einen in seinen Bann zu ziehen. Man muss das ganze Spektakel also nicht gehört haben, um in dem dazugehörigen Film ein Meisterwerk zu sehen. Man kann sich aber den Gefallen tun und zumindest die ersten drei Tracks anhören. Damit wäre der tatsächlich essenzielle Teil des Ganzen ohnehin erledigt.

 

Anspiel-Tipps:

- Nightcall

- Under Your Spell

- A Real Hero