Red Hot Chili Peppers - By The Way

 

By The Way

 

Red Hot Chili Peppers

Veröffentlichungsdatum: 09.07.2002

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 09.11.2013


Neues Jahrtausend, neue Chili Peppers, alte Stärke.

 

Kaum eine Band, die mehr als drei Outings überdauert hat, gab sich wirklich damit zufrieden, ihre Erfolgsmasche bis aufs letzte auszuschlachten. Nehmen wir mal AC/DC und die Ramones aus, drängen sich nur wenige namhafte Künstler auf, die dasselbe immer und immer und noch einmal mehr gemacht haben. Und so hat sich das bei den Weltstars aus Los Angeles, die mit ihren frühen Alben dem Funk Rock gehuldigt haben, auch nicht so wirklich bis heute gehalten. Mit dem 95er-Release "One Hot Minute" hat eine Transformation begonnen, die sie nach dem großen Millenium vor eine schwierige Frage gestellt hat: Was macht man nach den Mega-Sellern "Blood Sugar Sex Magik" und "Californication"? Nicht das Gleiche wie bisher. Das haben Kiedis & Co auch bravourös gemeistert. Das neue Jahrtausend bringt RHCP Neu und ein Album, das so gar nicht zu dieser Band passt.

 

Macht aber nichts. Gut ist es trotzdem. Aber für den ein oder anderen Fan wohl doch gewöhnungsbedürftig. Denn auf beinahe 70 Minuten findet sich kaum etwas, was noch als Funk-Rock dastehen könnte. Diesmal gibt's kein Spektakel mit einer Reihe genialer Bass-Lines und zumindest ebenso starken Riffs. Dafür ruhige, überraschend nachdenkliche und in Wahrheit umso schönere Songs. Man tausche die energetische Single Give It Away mit den Top-Leistungen von John Frusciante und Flea gegen das dezente Gitarren-/Bass-Zusammenspiel in Dosed, das eine herrliche Ballade ergibt. Ein Gala-Auftritt von Sänger Anthony Kiedis, sowie dessen Background-Unterstützung durch Frusciante und musikalisches Understatement, das nicht weniger Talent beinhaltet als früher.

 

So etwas darf man hier meistens belauschen. Die etwas schnellere Single The Zephyr Song, die beinahe gänzlich auf Keyboard aufgebaute Ballade Warm Tape, die nur dezent von Gitarre und Drums unterstützt wird, oder das gesangliche Meisterwerk Venice Queen, das alle musikalischen Ideen des Albums in einen genialen Closer packt. Dort wird einem klar wie sonst nirgendwo auf dem Album, was der Hauptverantwortliche hinter "By The Way", John Frusciante, so alles probiert hat. Vieles geht vermehrt in Richtung stimmungsbildende Musik. Es kommen Mundharmonika, Kontrabass, so einige Keyboard-Parts und auch Trompete hinein. Dafür finden die scharfen Riffs früherer Tage und Fleas charakteristischer Bass kaum noch Platz. Frusciante probiert's dagegen mit allerlei Gitarren-Spielereien. Einmal sind es in Dosed vier übereinander gelagerte Gitarren-Spuren, das ein oder andere Effect Pedal kommt zum Einsatz und markante Wechsel zwischen ruhigem Gezupfe und dann doch wieder ein paar kraftvollen Akkorden.

 

Und so kreiert die Band eine Bandbreite, wie sie noch nie dagewesen ist, bietet neben den vielen ruhigen Momenten den Funk-Rock-Track Can't Stop; Throw Away Your Television bietet die markanteste, an alte Tage erinnernde Bass-Line und zusätzlich ein genial verzerrtes Gitarren-Solo und in On Mercury überzeugt leichter Blues-Sound mitsamt Mundharmonika. Und dabei bleibt es nicht. Der Titeltrack bringt schräge Synthesizer ins Spiel, bietet den altbekannten Rap-Refrain, und mit Cabron kommt eine Latin-angehauchte Akustik-Nummer dazu. All das funktioniert nicht immer glänzend - By The Way beispielsweise darf anstrengend genannt werden -, es imponiert aber durchaus und sorgt für so wenig Langeweile wie nur möglich.

 

Die besten Momente erlebt die Band aber dann doch in den konventionellsten Minuten. Denn die poppigen Balladen, ob sie nun Dosed, Don't Forget Me, Tear oder Venice Queen heißen, sind am Ende die überzeugendsten, weil geradlinigsten Tracks. Allerdings bilden die auch nur die Spitze einer großen Masse an starkem Material, denn große Schwächen offenbart die LP nicht. Lediglich I Could Die For You könnte man als wirklich farblos bezeichnen, alles andere bestätigt das große Talent der Band und bietet kurzweilige Minuten. Andererseits bleibt die alles in allem dezente Kritik, dass es hier am mächtigen Übersong mangelt, den Dosed gerade so nicht darstellt, alle anderen dann aber doch deutlicher verpassen. Sehr gut ist Vieles, überragend allerdings wohl nicht mehr als ein paar Minuten.

 

Endlich herausgehoben gehört wohl noch das große Plus von "By The Way", der Gesang. Denn Rick Rubins auf die stimmliche Performance zugeschnittene Produktion, die von Frusciante später scharf kritisiert wurde, bietet den perfekten Boden für das Front-Duo Kiedis/Frusciante. Ersterer beherrscht seine Harmonien besser denn je, bringt einen Flow in die Songs, wie es ihm kaum zuzutrauen gewesen wäre. Und die Leistung des unzufriedenen Gitarristen als Background-Stimme fällt einem spätesten mit Venice Queen, in Wahrheit aber schon auf so manchem Track vorher positiv auf. Dazu kommen die weitaus nachdenklicheren Texte, die mehr als eine Stufe höher einzuschätzen sind als jene auf dem Vorgänger. Neben der relativ klaren Botschaft in Throw Away Your Television findet sich so manch eindrucksvolle Zeile in Richtung Drogenprobleme (This Is The Place) und natürlich einige gelungene Lovesongs, die eigentlich nie übermäßig schnulzig wirken.

 

"By The Way" ist, daran besteht kein Zweifel, eine eindrucksvoller Schritt ins neue Jahrtausend. Dass John Frusciante federführend beteiligt war, hat dem Album sicher nicht geschadet. Ganz im Gegenteil ist so ein vielseitiges, erwachseneres, gleichzeitig auch weniger anstrengendes Werk herausgekommen. Die Chili Peppers versuchen hier viel, nicht alles gelingt, aber doch das meiste. Und auch wenn die Funk-Rock-Tage vorbei sind, die Fähigkeiten von Sänger Anthony Kiedis, John Frusciante, Flea und Drummer Chad Smith haben augenscheinlich nicht darunter gelitten. Die individuellen Sternstunden sind vielleicht Geschichte, ein großartiges Gesamtwerk schaut aber allemal heraus.

 

Anspiel-Tipps:

- Dosed

- Don't Forget Me

- On Mercury

- Venice Queen