Ramones - Subterranean Jungle

 

Subterranean Jungle

 

Ramones

Veröffentlichungsdatum: 23.02.1983

 

Rating: 7.5 / 10

von Mathias Haden, 03.04.2020


Mit den Füßen voraus in die Ramones-Hölle, die Vierte: Ein unterirdischer Spaß.

 

Als Quasi-Freelancer oder Teilzeitpraktikant oder freundlicher Helfer aus dem Off und gänzlich ohne jegliche Verpflichtung und Schreibvorgaben möchte ich in dieser besonderen Reihe einer ganz speziellen Liebe meinerseits nachgehen: den wunderbaren, unvergessenen und seit kurzem nicht mehr platinlosen Ramones. Der Gedanke dazu ist folgender: In relativ kurzer Zeit möchte ich die auf MusicManiac noch fehlenden, immerhin neun LPs der New Yorker unter das Rezensionsmesser legen und mit passenden Worten bedenken. Dass es hier - wie spitzzüngige und gleichermaßen ahnungslose Kritiker auch über die Musik der Ramones urteilen würden - wenige Überraschungen geben dürfte, ist angesichts der verjährten, aber beinahe immer noch gültigen Top 10 eh klar, geht es doch vorwiegend um eine gar nicht so kleine Würdigung meinerseits der coolsten amerikanischen Band aller Zeiten gegenüber und um nichts anderes. In welcher Reihenfolge die fehlenden Alben, die ich chronologisch anpacken werde, online lesbar sein werden, überlasse ich dem Kollegen, dafür spare ich mir mit dieser copy+paste-Einleitung fortan ein wenig Zeit und Gehirnschmalz. In diesem Sinne an den großen Big Boss und alle anderen: man sieht sich, man liest sich, man hört sich. Nun, man liest sich zumindest.

 

An welcher Karriereabzweigung muss man wohl falsch abgebogen sein, um so tief zu sinken, dass man auf seinem Plattencover bereits unter der Erdoberfläche und in einer New Yorker U-Bahn abgelichtet wird? Bei den heiligen Folk-Brüdern im Geiste, Simon & Garfunkel, immerhin gleich die erste, die das Duo am Debüt per Einbahnstraße zu langweiligen Traditionals und dem sakral öden Benedictus geführt hat, bei The Velvet Underground war es zumindest die letzte richtige LP Loaded, nach der die Luft im wahrsten Sinne des Wortes draußen war. Die waren aber ohnehin immer clever (oder teilnahmslos) genug, sich erst gar nicht so einer Lächerlichkeit preiszugeben wie etwa Billy Joel mit Turnstiles und kurz vor seinem Durchbruch. Die Ramones waren auch gerade erst einige Jahre im Geschäft, doch schien die Luft in den letzten Wochen des Jahres 1982 doch langsam unangenehm dünn zu werden. Man hatte mit internen Querelen zu kämpfen und redete kaum miteinander. Man hatte einen Junkie als Bassisten und einen alkoholabhängigen Drummer. Man war nach Jahren der kommerziellen Erfolglosigkeit über die Maße frustriert und hatte keine Aussicht, dass sich dies noch einmal ändern könnte. Man wusste all das. Man wollte es noch ein letztes Mal probieren.

 

Als Subterranean Jungle, immerhin das siebte Studioalbum in ebenso vielen Jahren, im Februar 1983 erschien, war Marky defacto nicht mehr in der Band. Johnny hatte den Fotografen vom Plattencover angewiesen, diesen am Foto für das Album etwas abseits hinter einem kleinen U-Bahn-Fenster zu positionieren. Er und die anderen hatten Markys Trinkerei satt und waren bereit, ihn nach Veröffentlichung aus der Band zu werfen. Im Gegensatz zu Dee Dee, dem man seine Faxen als Gründungsmitglied, primärer Songwriter und prägender Bassspieler natürlich eher nachsah. Über diese personelle Umwälzung liest man heute mehr als über die LP, denn gemeinsam mit Pleasant Dreams bildet Subterranean Jungle eine kurze Übergangsphase, die nur die wenigsten - die Bandmitglieder eingeschlossen - wirklich zu schätzen wissen.

 

Dabei ist auch LP#7 eine richtig feine Ansammlung an gelungenen Pop-Tunes im Punk-Outfit. Nicht so sehr von den 60ern beeinflusst wie der Vorgänger und weniger sauber, fast trashig produziert, klingt Subterranean Jungle im eigenen Kanon auch wieder ein wenig einzigartig, soweit man das bei den Ramones sagen kann. Und das obwohl trotz der schwierigen Umstände doch alles beim Alten ist. Mit Opener Little Bit O' Soul und Time Has Come Today, beide in ihren Arrangements auf gewisse Weise schräger als alle Bandaufnahmen bis dahin, zollt man wieder den Sixties mit Cover-Versionen Tribut, Psycho Therapy setzt die stolze Serie von gelungenen, verlässlichen und überdies intensiven Auseinandersetzungen mit der titelgebenden Thematik fort und mit My-My Kind Of A Girl hat Joey wieder den gelungensten Pop-Song der Platte geschrieben. Mit Outsider hat Dee Dee zudem eine der charakteristischen Ramones-Hymnen zu verantworten, die immerhin auch Green Day auf ihrer Compilation Shenanigans gecovert haben: "I'm an outsider, outside of everything." Interessant ist auch, dass Dee Dee am kurzweiligen, jedoch nicht weiter erwähnenswerten Time Bomb der erste Einsatz als Lead-Sänger zukommt. Eine Praxis, die auf den folgenden Ramones-LPs unter seiner Mitwirkung obligatorisch werden und der Band ein kantigeres und schmutzigeres Gegengewicht zu Joeys naiv gefärbten Pop-Manierismen auferlegen sollte.

 

Abgesehen davon gibt es wie so oft nicht viel zu sagen. Der Klang der Platte ist sicher diskussionswürdig und über die eine oder andere Nummer kann man auf jeden Fall streiten (Everytime I Eat Vegetables It Makes Me Think of You), gerade in einem maximal tristen Jahr 1983 inmitten ausgebrannter Helden wie Neil Young oder Bob Dylan und angestrengt cooler, neuer Typen wie Billy Idol ist Subterranean Jungle allerdings eine erfrischende und Spaß spendende Prise voller exzentrischer Tunes sowie ein fast schon sarkastischer letzter Versuch, die Spitzen der Charts zu erklimmen.