Ramones - Road To Ruin

 

Road To Ruin

 

Ramones

Veröffentlichungsdatum: 21.09.1978

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden, 22.03.2020


Mit den Füßen voraus in die Ramones-Hölle, die Zweite: Vom rechten Pfade abgekommen.

 

Als Quasi-Freelancer oder Teilzeitpraktikant oder freundlicher Helfer aus dem Off und gänzlich ohne jegliche Verpflichtung und Schreibvorgaben möchte ich in dieser besonderen Reihe einer ganz speziellen Liebe meinerseits nachgehen: den wunderbaren, unvergessenen und seit kurzem nicht mehr platinlosen Ramones. Der Gedanke dazu ist folgender: In relativ kurzer Zeit möchte ich die auf MusicManiac noch fehlenden, immerhin neun LPs der New Yorker unter das Rezensionsmesser legen und mit passenden Worten bedenken. Dass es hier - wie spitzzüngige und gleichermaßen ahnungslose Kritiker auch über die Musik der Ramones urteilen würden - wenige Überraschungen geben dürfte, ist angesichts der verjährten, aber beinahe immer noch gültigen Top 10 eh klar, geht es doch vorwiegend um eine gar nicht so kleine Würdigung meinerseits der coolsten amerikanischen Band aller Zeiten gegenüber und um nichts anderes. In welcher Reihenfolge die fehlenden Alben, die ich chronologisch anpacken werde, online lesbar sein werden, überlasse ich dem Kollegen, dafür spare ich mir mit dieser copy+paste-Einleitung fortan ein wenig Zeit und Gehirnschmalz. In diesem Sinne an den großen Big Boss und alle anderen: man sieht sich, man liest sich, man hört sich. Nun, man liest sich zumindest.

 

Die Zahl 3 übt seit jeher eine große, nicht von der Hand zu weisende Faszination auf den Menschen aus. Die heilige Dreifaltigkeit, die drei Affen, die nichts sehen, hören und sagen, Geschichten von Feen oder Lampengeistern, die genau drei Wünsche erfüllen können und wer weiß, vielleicht werden die Grenzen ja auch bald für drei Monate abgeriegelt (Stand heute ist nichts dazu bekannt, Anm. der Redaktion). Interessanterweise hört man, wenn es um die Blütezeit der Ramones geht, regelmäßig von den vier großen LPs der US-Amerikaner und seltener von dem infernalen Trio. Das ist einerseits schon deshalb interessant, weil die Stücke der ersten drei Platten praktisch aus denselben Songwriting-Sessions entstanden und gerade deshalb schon eine Einheit bilden, andererseits aber auch, weil gerade der Weg, den Album #4 mit dem ikonischen Titel Road To Ruin losgetreten hat, Fans der Band eigentlich spalten musste.

 

Zwar waren die Ramones von der ersten Stunde weg nicht nur die Urväter des Punk, sondern gleichermaßen Begründer des Pop-Punk und musikalisch in ganz anderen Fahrwässern (Surf Rock, 60s Pop, The Stooges, etc.) verwurzelt als viele ihrer raueren Nachlassverwalter. Trotzdem sollte Road To Ruin eine Entwicklung markieren, die zwar bereits mit dem überproduzierten Phil Spector-Sound vom Nachfolgewerk End Of The Century ihren Höhepunkt erfahren, aber dennoch bis 1983 anhalten sollte: Joey, Dee Dee, Tommy (der hier allerdings seinen Platz hinter den Drums Marky überlassen und stattdessen jenen hinter dem Mischpult neben Ed Stasium einnehmen würde) und vorneweg Johnny waren bereit, die Charts zu kapern und dafür einen polierteren Sound in Kauf zu nehmen, von dem sich alle kommerzielleren Appeal versprachen.

 

Wie wir heute wissen, sollte das bis zum Ende der Karriere ein unerfüllter Traum bleiben und die internationale Bekanntheit überwiegend einem geschickten Merchandising sowie späte Würdigungen in Magazinen und der Rock 'n' Roll Hall of Fame geschuldet bleiben. Abgesehen von der glatteren Produktion, die vor allem Johnnys Gitarre jener Rauheit beraubt, die gerade erst auf Rocket To Russia ihren optimalen Wirkungsgrad entfacht hat, klingt die vierte LP selbstverständlich wie ein klassisches Ramones-Album. Nach wie vor wird der eigenen Teilnahmslosigkeit gehuldigt (Publikumsliebling I Just Want To Have Something To Do, I'm Against It), die musikalischen Wurzeln mit einer Cover-Version besungen (diesmal den 60er Beat-Klassiker Needles & Pins) und die angeknackste Psyche zelebriert (Go Mental). Dass gerade letztere Rubrik wie schon am Vorgänger (Teenage Lobotomy) mit den besten Song im Repertoire stellt, wundert kaum, aber wer I Wanna Be Sedated schon einmal gehört hat, der wird mir zustimmen, dass es sich hier um das perfekte Ramones-Stück handelt. Kurz und knackig, bei nachweislicher Simplizität kein bisschen banal, unglaublich eindringliche Hook, und auf eine Weise herrlich schrullig, wie es davor und danach keine Band mehr zusammengebracht hat:

 

"Just put me in a wheelchair, get me to the show
Hurry hurry hurry, before I go loco
I can't control my fingers, I can't control my toes"

 

Dass daneben ausgerechnet die weniger punkigen Nummern das Fundament einer überwiegend gelungenen Platte bilden, werden Puristen vermutlich bestreiten, ich halte dies allerdings für ein nicht von der Hand zu weisendes Faktum. Gerade weil die fluffige Produktion die Pop-Seite sehr ordentlich zur Geltung bringt, finden sich in dieser Ecke mit dem verletzlich schönen Don't Come Close, dem introspektiven Questioningly und besagter, nicht weniger emotional vorgetragener Hommage Needles & Pins einige der verlässlicheren Tracks der LP.

 

Dem gegenüber stehen dann aber erstmals zwei Tatsachen, die den für die meisten, häufig ahnungslosen Leuten als Hauptkritikpunkt stehenden, polierteren Sound deutlich in den Schatten stellen. Denn einerseits schaffen es die Ramones hier - u.a. dem (selbst für Bandverhältnisse zu) schematischen Punk-Rocker I Wanted Everything und dem kurzweiligen, aber wenig effektiven Psych-Goof Bad Brain samt ulkiger Instrumentalpassage geschuldet - zum ersten Mal nicht, ihre große Grandezza bis zum Schluss ohne Verluste durchzufeiern. Und andererseits schweben die Highlights abgesehen vom herausragenden I Wanna Be Sedated nicht mehr in den schwindelerregenden Höhen der vorangegangen Alben.

 

Es hat schon einen Grund, warum der Mensch sich seit jeher auf seine geliebte Zahl 3 verlassen kann. Mehr als drei Meisterwerke am Stück dürften nämlich außerhalb des Jazz-Bereichs höchstens den Beatles (Help! bis Sgt. Pepper), Joni Mitchell (For The Roses bis Hejira, aber ist das überhaupt außerhalb des Jazz-Bereichs...) und Angel Olsen gelungen sein. Für einen runderen Abschluss fehlen mir aktuell leider Muße und die verbleibenden Kapazitäten. Mit Road To Ruin sind Joey, Johnny, Dee Dee und Marky zwar nicht dem Albumtitel gerecht geworden, aber es deutet sich an dieser Stelle der Karriere an, dass die vormals unfehlbaren Ramones hier vom rechten Pfade doch ein wenig abgekommen sind.