Ramones - End Of The Century

 

End Of The Century

 

Ramones

Veröffentlichungsdatum: 04.02.1980

 

Rating: 7.5 / 10

von Mathias Haden, 12.11.2013


Gemeinsam mit Starproduzent Phil Spector läuten die Ramones die Achtzigerglocken.

 

Punk's not dead! Das dürfte zumindest die Parole der vier (eigentlich dreieinhalb) legendären Rocker gewesen sein. Denn während die Genrekollegen von The Clash um die Jahrzehntwende in vielseitigere Gewässer (Reggae, Dub, etc.) ruderten und die Sex Pistols sowieso ebenso schnell verschwunden sind, wie sie aufgetaucht waren, zogen die Gründerväter des Punk-Rock ihr Ding weiter durch. Und das mit einem prominenten Neuzugang. Phil Spector - heute dank eines wohl verübten Mordes eine polarisierende Figur in der langen Geschichte der Musik - einer der einflussreichsten Produzenten seiner Zeit, gab sich die Ehre und dem Versuch hin, die von notorisch schwachen Albumverkäufen gezeichneten Ramones um Joey, Johnny, Dee Dee & Marky auf die Siegerstraße zu bugsieren.

 

"It's the end, the end of the seventies / it's the end, the end of the century" verkündet Joey auf Opener Do You Remember Rock 'n' Roll Radio? das Ende der glorreichen vergangenen Dekade. Und wie Recht er doch hatte, mag ihm zu jener Zeit gar nicht bewusst gewesen sein. Heute einer der komplexesten Songs im Bandkatalog - das mag zwar nicht viel heißen - huldigt die Band den Helden (T. Rex, John Lennon, etc.) der letzten Jahre, unterstützt von einer Bläsersektion (besonders das Saxophon drängt sich in den Vordergrund) und den bis dato auf keinem Ramones-Album vertretenen Synthesizern. Klingt eigentlich alles nach besagtem Spector, aber das tut der Qualität des Tracks keinen Abbruch.

 

Die Produktion ist überhaupt ein wesentlicher Punkt auf den man näher eingehen sollte. Spector, bekannt von seiner Arbeit mit den Ronettes, Let It Be und einigen Soloalben von den Beatles, aber auch für seine eigens kreierte 'Wall of Sound', entwickelte ein Interesse an der an Albumverkäufen gemessen erfolglosen Band und versicherte ihr einen dicken Chartserfolg. Dass dieser trotz den besten Ergebnissen (#44 in den USA Billboard, #14 in den UK Album Charts) der Bandgeschichte ausblieb, dürfte den Perfektionisten wohl schwer getroffen haben. Der machte die Aufnahmen mit seinem unberechenbaren Verhalten ohnehin schon zu einer wahren Geduldprobe und führte zu Spannungen innerhalb der Band.

 

Aber zurück zum Wesentlichen. Die Ramones klingen auch auf ihrem fünften Studioalbum noch wie die Ramones, das taten sie immer. Trotzdem tönen sie aufgrund des glatteren Feinschliffs eher wie eine punkige Popband als eine poppige Punkband wie noch zwei Jahre zuvor auf Road To Ruin. Auffällig wird dies an den für die Band zu der Zeit doch überdurchschnittlichen Spiellängen einiger Tracks und besonders an dem 'lederjackelosen' Cover der LP. Wirklich, und ich meine wirklich eklatant ersichtlich wird der neue Trend der Band aber erst auf dem Ronettes-Cover Baby, I Love You. Gut, die Ramones hatten immer eine Schwäche für alte Popsongs und machten ihre Sache jedes Mal sehr ordentlich. Man kann auch auf besagtem Song nicht sagen, die Band würde ins Klo greifen. Denn auf diesem Song spielt keine Band. Lediglich Sänger Joey, begleitet von einem Orchester. Kein Wunder, dass sich Joey bei den Aufnahmen am wohlsten fühlte.

Und dass genau dieser Song die erfolgreichste Single (#8 in den UK Single Charts) wurde, darf hier auch keine Überraschung mehr sein. Nun ja, großartig ist der Song ja wirklich, nur leider ohne Input der anderen.

 

Textlich nähert sich End Of The Century immer wieder gern an das großartige Debüt an. Zollt es mit The Return Of Jackie And Judy den Protagonisten aus dem Track Judy Is A Punk Tribut, dockt es mit This Ain't Havana frontal auf Havana Affair an. Da die Ramones ohnedies nie die Ansprüche gestellt hatten, Poeten à la Jim Morrison oder Marc Bolan (den sie auf ...Rock 'n' Roll Radio? bejubeln) zu sein, kann man mit dem Songwriting Großteils zufrieden sein.

Dem Zusammenspiel der Band kann man auch nichts vorwerfen, auch wenn man schon bemerkt, dass sie lediglich kleine Figuren auf Spectors verrücktem Schachfeld darstellen. Und Joey, den Onkel Phil stets behutsam ins Rampenlicht stellt, singt leidenschaftlich wie immer, besonders entzückend auf dem berührend schönen Baby, I Love You oder I Can't Make It On Time.

 

Nur wenige Songs verdienen tatsächlich das Prädikat 'schwach'. Da wäre etwa das uninspirierte, fast plumpe Let's Go oder das textlich nichtssagende I'm Affected. Dagegen kommt sogar der merkwürdige, aber irgendwie witzige Closer High Risk Insurance ungeahndet davon. Die beiden wirken nämlich tatsächlich, als wären sie innerhalb einer Stunde fertig im Kasten gewesen, nur um sich den 'wichtigeren' Tracks zu widmen.

 

Diesem Aspekt und der übertriebenen Produktion steht eine Majorität an gelungenen Kompositionen entgegen. Mit Danny Says, eine der ganz wenigen Balladen im Katalog, liefert Joey einen seiner schönsten Liebessongs und trägt ihn auch wundervoll berührend vor.

Chinese Rock rockt dann wieder in typischer Ramones-Manier, so dass auch die konservativeren Hörer einen Leckerbissen finden. Der Rest braucht sich auch nicht verstecken. Egal ob I Can't Make It On Time, All The Way oder das für den gleichnamigen Film geschriebene und nun wiederaufgenommene Rock 'n' Roll Highschool (mit Schauspieldebüt der Band). Die funktionieren alle mehr oder weniger.

 

Joey, Johnny, Dee Dee und Marky melden sich mit ihrem fünften Album zurück und sind in den Achtzigern, dem neuen 'Jahrhundert' angekommen. Man kann natürlich nicht wegleugnen, dass hier kurzzeitig ein fünftes einflussreiches Mitglied dazu gestoßen ist. Aber auch Spectors schräge Vorstellungen und sein gestörtes Verhalten (einmal bedrohte er die Band angeblich mit einer Pistole) konnten bzw. können den Eindruck dieses gelungenen Albums nicht zu sehr mildern. So liefern die Amerikaner ihr bis dahin schwächstes Album ab, aber eines der Besseren der mühsamen Achtziger Jahre allgemein. Außerdem noch eine wunderbare Erkenntnis:

 

"We need change, and we need it fast / Before rock's just part of the past / 'Cause lately it all sounds the same to me".