Rammstein - Reise, Reise

 

Reise, Reise

 

Rammstein

Veröffentlichungsdatum: 27.09.2004

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 11.11.2013


Rammstein reisen gerne. Gott sei es gedankt, denn sie erschließen höchst erfolgreich neue Territorien.

 

Ah, 2004, ein guter Jahrgang. Ob das für den Wein gilt, keine Ahnung, zumindest musikalisch scheint da allerdings einiges richtig gelaufen zu sein. Sum 41 präsentieren uns die bandeigene Perfektion in Form von "Chuck", Rise Against pflügen mit "Siren Songs Of The Counter Culture" weiter erfolgreich durch das Punk-Genre und Green Day erfinden sich mit der Rock Opera "American Idiot" auf geniale Art neu. Diesseits des großen Teichs bringen die preußischen Metal-Helden von Rammstein ihr mittlerweile viertes Album heraus. Und es sollte ein gutes sein. Dabei scheint eine Fortsetzung dessen, was mit Vorgänger "Mutter" geschafft wurde, nämlich das unwahrscheinlich rar gesäte 10er-Rating meinerseits zu bekommen, unmöglich. So ganz gelingt eine Fortsetzung dieser Ausnahmeleistung auch nicht, "Reise, Reise" bestätigt aber, Rammstein sind in absoluter Hochform.

 

Dabei scheint auf den ersten Blick wenig für LP Nummer 4 zu sprechen. Die beiden Vorab-Singles, Mein Teil und Amerika, verbannen jegliche textliche Tiefe, sind in Wahrheit trotz aller Ohrwurm-Qualität, die Letztere bietet, ziemlich durchschnittlich geratene Nummern. Nichts zu spüren von den Höhen, die drei Jahre vorher Leadsingle Sonne erreicht hat. Dazu kommt, dass auch der Opener nicht die großen Jubelschreie hervorbringt. Titeltrack Reise, Reise ist zweifelsohne atmosphärisch, scheint die richtige Bühne für Till Lindemanns mächtige Stimme zu sein. Das niedrige Tempo und die zu vorsichtig wirkende Instrumentierung rauben dem Track allerdings etwas, was alle früheren Opener mitgebracht haben: Die Fähigkeit einen geradezu in das Album zu ziehen. Trotzdem, der hymnische Keyboard-Sound sitzt, die Streicher sind dezent genug, um nicht zu stören, und mit dem Akkordeon-Fade-Out gelingt doch ein kurzer musikalischer Leckerbissen.

 

So wirklich in Fahrt kommt das Sextett aber erst mit Dalai Lama. Der Song über den Flugzeugabsturz auf Gottes Befehl hin überzeugt mit starkem Text ("Der Mensch gehört nicht in die Luft, so der Herr im Himmel ruft / Seine Söhne auf dem Wind, bringt mir dieses Menschenkind") und genialem Keyboard-Part von 'Flake' Lorenz, trifft vor allem dank des langsamen, aber verdammt harten Metal-Riffs ziemlich ins Schwarze. Dazu kommt der außerordentlich gute 'Engelschor', der Lindemann gegen Ende perfekt begleitet. Und so hat man bei Hälfte des Albums doch wieder die alte Stärke herausgehört. Denn abseits vom mäßigen Kannibalen-Track Mein Teil, der an die reale Story von Armin Meiwes angelehnt ist, findet sich da die starke Single Keine Lust, die einen der besten Rammstein-Riffs ihrer Post-"Mutter"-Phase bietet. Oder auch die Überraschung der LP, die Blues-Nummer Los, die auf durchaus humorvolle Weise die Bandgeschichte aufarbeitet und mit Mundharmonika und dem lockeren Beat so gar nicht nach den alten Industrial Metal-Jungs klingt.

 

Die richtigen Hämmer folgen aber erst jetzt. Denn da wartet zum Beispiel noch die mächtige Pop-Ballade Ohne Dich, textlich gegen Ende eintönig, dank Lindemann und den Top-Streichersätzen aber ein mehr als gelungener Ausflug. Oder aber Closer Amour, der doch Zeit braucht, um einzusinken, dann aber umso mehr zuschlägt. Der Text über die 'Bestie Liebe' mit Zeilen wie: "Amour, Amour alle wollen nur dich zähmen / Amour, Amour, am Ende gefangen zwischen deinen Zähnen" und dem perfekt dazupassenden spärlichen Arrangement aus dezenten Drums und den düsteren, ruhigen Akkorden von Richard Kruspe wirkt nach einigen Durchgängen gespenstisch gut. Noch schneller geht's mit dem schlicht genialen Moskau, der Ode an die schönste Stadt der Welt, treffend verglichen mit einer alternden Prostituierten. Dank Akkordeon, russischer Gaststimme von Viktoria Fersh und dem altbekannten Sound schneller Metal-Riffs braucht der kein zweites Abspielen, um zu überzeugen. Dazu gesellen sich mit Morgenstern und Stein Um Stein noch einmal Licht und dezenter Schatten, die Gesamt-Bilanz bleibt aber brutal gut.

 

Dabei versteckt sich in "Reise, Reise" doch ein etwas riskanter Wechsel. Denn die Zeiten eintöniger Industrial Metal-Songs wie Du Hast (der funktioniert trotzdem) sind vorbei. Die Weiterentwicklung in Richtung melodischem, etwas ruhigerem Alternative Rock ist gut gelungen. Vor allem deswegen, weil nicht alles von heute auf morgen über Bord geworfen wurde, was früher gelungen war, andererseits doch ein Schwenk gesetzt wurde, der vor allem Lindemanns Stimme großen Auftrieb gibt.

 

Also qualitativ doch fast ein zweites "Mutter". Okay, es finden sich diese Nummern, die einem nicht viel mehr als ein Achselzucken abringen, dafür bleiben allerdings genug denkwürdige Momente, um den vierten Auftritt der polarisierenden Deutschen zu einem glänzenden zu machen. Warum? "Reise, Reise" hält die alten Fans bei Laune, gibt aber denen, die sich früher angewidert abgewendet haben, auch hier und da etwas zum Genießen. Dementsprechendes Fazit: 'A journey worth it's time'.

 

Anspiel-Tipps:

- Moskau

- Morgenstern

- Ohne Dich

- Amour