Queen - Made In Heaven

 

Made In Heaven

 

Queen

Veröffentlichungsdatum: 06.11.1995

 

Rating: 5 / 10

von Mathias Haden, 23.01.2015


Die britischen Bastler widmen ihrem Frontmann ein mäßiges Abschiedswerk.

 

Es gehört schon einiges an Mut dazu, die Toten zum Leben zu erwecken. Könnte man jedenfalls annehmen, in unserer kapitalistischen Welt ist die Sachlage aber häufig eine andere. Wie oft haben wir das mittlerweile schon erlebt: Star kratzt ab, zwölf Minuten später gibt es in den Läden die ganze Diskographie zum halben Preis; weitere Best-Of's erscheinen in noch regelmäßigerer Frequenz als zuvor und aus irgendwelchen, meist nicht umsonst übrig gebliebenen, Songskizzen bastelt man sich weitere LPs, mit denen man die Kasse noch viele Jährchen brav füllen kann. Hendrix, der zu Lebzeiten immerhin vier Alben herausbrachte und posthum insgesamt auf über fünfzig kommt, Presley und Jackson sind die Namen, die einem so durch den Kopf schießen. Und Queen blasen da eigentlich ins selbe Rohr…

 

… sollte man meinen. Seit Freddie Mercury's Tod im November 1991 war die Band immer recht erfolgreich darin, mehr und mehr Kohle zu scheffeln - riesige Tourneen (mit Paul Rodgers oder Adam Lambert) und diverse Compilations legen den Vergleich noch näher.

Dennoch ist es zumindest mit dem finalen Studioalbum der Band eine eigene, recht rührende Geschichte. Sehr aufopfernd waren nämlich die Bemühungen, die der zu jener Zeit schon schwer kranke Mercury in die Aufnahmen steckte, obwohl noch nicht einmal der Vorgänger Innuendo erschienen war. Bis zum letzten Atemzug kämpfte der Frontmann darum, dem neuen Album noch seinen Stempel aufzudrücken, somit möchte man Queen zumindest für ihr Abschiedswerk keine Vorwürfe machen.

 

Diese muss sich das Quartett allerdings für das finale Produkt, das kitschig betitelte Made In Heaven, gefallen lassen. Pietät hin oder her, den kritischen Blick darf man sich von derlei Gefühlsduseleien nicht trüben lassen. Drei Dinge fallen einem schnell ins suchende Auge: Zum einen wirken Brian May, Roger Taylor und John Deacon und der an AIDS verstorbene Mercury nicht besonders kreativ, was die thematische Marschrichtung der LP anbelangt. Die Texte, die nicht unbedingt überraschend überwiegend von Leben und Tod, natürlich auch der Liebe handeln, bilden somit zwar einen homogenen Grundton, verbleiben über weite Strecken jedoch recht eintönig. Dazu stört man sich mitunter doch am stückwerkhaften Touch, den die meisten Tracks bei solchen Zusammenstellungen - die in diesem Fall bis 1980 zurückreicht - naturgemäß innehaben. Besonders wenn man merkt, hier und da wurde nachträglich ein überflüssiges Solo oder ähnliches eingeschleust. Zu guter Letzt darf gerne auch hinterfragt werden, wozu man (die CD-Version) mit einem unbetitelten, dreiundzwanzigminütigen Ambient- und Esoterik-Experiment ausklingen lassen musste, das zudem überhaupt nicht zum übrigen Œuvre der Briten passt.

 

Während man zumindest auf die letzte Frage so leicht keine Antwort finden kann, so darf man der pompösesten Pop-Band der Geschichte wohl doch zu einigen netten Kompositionen gratulieren. Heaven For Everyone, von Taylor ursprünglich für seine Zweitband The Cross geschrieben, wirkt anfangs unangenehm kitschig - die funkelnden Keyboards und Chorgesänge geben einen garstig weihnachtlichen Beigeschmack -, mausert sich schließlich aber zu einem der größten Hoffnungsträger der LP. Zwar offenbaren sich gegen Ende kleine produktionstechnische Schwächen, die sich in einem schier ewigen Fade-Out manifestieren, insgesamt wirkt dieser Track aber wie eine fruchtbare Kollektivleistung, mit einem bärenstarken Mercury und einem wohlplatzierten May-Solo zwischendrin. Derlei Power-Balladen kennt man ja von Queen zuhauf, diese reiht sich aber erfreulicherweise unter die besseren. Too Much Love Will Kill You schlägt in dieselbe Kerbe, hat zusätzlich auch noch die besten Zeilen parat, die das Album hergibt: "I'm just the pieces of the man I used to be / Too many bitter tears are raining down on me".

Nun wird es zunehmend schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen. Bei einigen Titeln lassen sich der ein oder andere tolle Gesangspart, ein ordentliches Solo oder ein paar nette Worte entdecken, auf Tracklänge überzeugen aber weder das überlange, mit seinen 80er-Keyboards etwas deplatzierte You Don't Fool Me, das man dank seiner verführerischen Melodie zumindest in der gekürzten Radioversion im Auto nicht wegskippen möchte, noch das vergleichsweise trostlose Mother Love, der letzte Queen-Song und Mercurys letzte Performance.

 

Aber auch die musikalischen Grausamkeiten halten sich eigentlich in Grenzen. Nebst oben erwähntem, unglaublich überflüssigem Instrumentalcloser ist es beispielsweise der farblose Opener It's A Beautiful Day, der zu allem Überfluss gegen Ende noch einmal in einer verlängerten (!?), aber vom Original nicht wirklich abweichenden Reprise-Form vorhanden ist, der weh tut. I Was Born To Love You ist in seiner Mercury-Soloversion von 1984 ein ziemlich netter Pop-Song, die hier verwendete Bandversion eine von Kitsch triefende Frechheit, ebenso das genauso lange und biedere Let Me Live mit seinem unpassenden Gospelchor, auf das man sich in einer emotionalen Szene in 'Sister Act' vielleicht gefreut hätte, nicht aber hier. Die bis zur Fünfeinhalbminutengrenze andauernden Längen tun natürlich auch ihr Übriges, ziehen teilweise harmlose, okaye Pop-Nummern ewig in die Länge und überspannen den Bogen somit.

 

Mit Made In Heaven melden sich Queen nach vierjährigem Gebastel aus dem Studio und Freddie Mercury aus dem Himmel…ähm… Grab wieder zurück. Obwohl die dreizehn Tracks nicht gerade Jubelschreie hervorrufen, ist die fünfzehnte und letzte LP leichter verdaulich, als man unter den gegebenen Umständen vielleicht vermuten könnte. Dank einem beherzten Frontmann, dem das Album gewidmet ist, und einigen hübschen Ideen der Hinterbliebenen bleibt das Gesamtresultat zwar immer noch mäßig, dafür sind einige der zu Lebzeiten erschienen Alben immerhin in Reichweite.