Placebo - Battle For The Sun

 

Battle For The Sun

 

Placebo

Veröffentlichungsdatum: 08.06.2009

 

Rating: 5 / 10

von Mathias Haden, 02.09.2014


Viel zu viel Licht und Rock auf der sechsten, semi-enttäuschenden LP der Londoner.

 

Man kennt das ja: Diese Rezensionen, die mit einem 'man kennt das ja…' anfangen und schließlich von irgendwelchen spontan aufgestellten Behauptungen handeln. Diesmal geht es um das ewigjugendliche Motto Sex, Drugs & Rock’n’Roll und um seine Gläubiger. Brian Molko ist einer dieser altertümlichen Frontmänner, denen dieses wie auf den Leib geschnitten scheint und die diesen Lebensstil zu pflegen scheinen. Wobei… Vielleicht ein bisschen weniger Sex, dafür etwas mehr Mascara, der in Molkos Prioritätenliste ganz oben steht, und statt schnörkellosem Rock'n'Roll gibt’s mittlerweile bombastischen Alt-Rock zu begutachten.

 

Passend zum letzten Satz betitelt, bietet Battle For The Sun nun genau das. Der Weg, den die Briten schon auf den letzten Alben kontinuierlich in Richtung Bombast-Pop marschierten, findet hier seinen vorläufigen Höhepunkt. Dennoch hat sich einiges geändert, seit Placebo 2006 mit Meds eines ihrer stimmigsten Alben veröffentlichten. Von der düsteren Ausweglosigkeit, die die Großzahl der Tracks ausstrahlte und von der gewohnten Melancholie früherer Tage ist nicht viel übrig geblieben am neuen Longplayer. Ein Jahr nach dem Vorgängerstück verließ Drummer Steve Hewitt die Band, sein Nachfolger Steve Forrest ist ihm nur in Vornamen und Tätigkeitsfeld gleichgesinnt. Die beiden trennen nicht nur über 15 Jahre Altersunterschied, sondern auch die Technik am geliebten Spielgerät. Forrest, der ähnlich wie seinerzeit C.J. Ramone bei den Ramones seinen alternden Kollegen jugendlichen Spirit einhauchen sollte, spielte zuvor in einer Punk(!)band. So kommt es auch, dass dieser sich im Gegensatz zum Vorangegangenen aktiver in das Spiel seiner Band einbindet, was neben den allgemein präsenteren Drums auch das Gesamtbild der Gruppenperformance entscheidend beeinflusst und ins Rockigere zieht.

 

Dass hierbei dann die starken Balladen wie Follow The Cops Back Home, die Meds noch ausgezeichnet hatten und dem Stück eine gewisse Balance verleihen konnten, fehlen, wundert unter Anbetracht dieses Umstands kaum. Dass sich die ganze Band aber in Richtung eintönig stupider Rocknummern auf Albumlänge verliert, war so aber nicht zu erwarten. Dass ein Track wie das pathetisch betitelte The Never-Ending Why ins Nichts mündet, wundert jedenfalls wenig, dort wartet auch das nichtssagende Breathe Underwater, das zwar ein bisschen vom eingangs erwähnten Rock'n'Roll nascht, letztlich aber auch nur eine kraftvolle Rocken-nach-Zahlen-Nummer darstellt.

Eigentlich kann man sich schon denken, wer die LP am Leben erhält. Sänger Molko ist es nämlich, der auch in den schwächeren Momenten von Battle For The Sun die Fäden in der Hand behält und das ganze zu einem Placebo-Album macht. Natürlich nur, sofern man mit seiner polarisierenden Stimme etwas anfangen kann, aber etwa auf dem vielseits gelobten Titeltrack, der eigentlich viel zu lang und recht unspektakulär geraten ist, ist es wieder Molko, der die Angelegenheit in Richtung gelungener Arbeit zieht. So verhält es sich auch auf den anderen Tracks, beispielsweise dem vom Frontmann selbst als Liebstes auf der LP bezeichneten Speak In Tongues, das mit Zeilen wie "We can build a new tomorrow, today" etwas gar kitschig geraten ist.

 

Die stärksten Augenblicke liefert die Band interessanterweise, wenn sie gar nicht nach Placebo klingt. Die kurzweilige Pop-Punk-Scheibe Ashtray Heart mit pushenden Backgroundchanting weiß dank eingängigen Rhythmus und starker Gitarrenarbeit zu überzeugen, kann auch kurzzeitig die vermisste Melancholie vergessen machen. Der meines Erachtens beste Track ist aber das überkandidelte, keyboardüberladene Bright Lights, das trotz aller Widrigkeiten wie eine tolle Hommage an U2 ("A heart that hurts / Is a heart that works") klingt. Die letzte starke Performance, Kings Of Medicine, geht sogar als waschechter Placebo-Song durch, das mit seiner schönen Melodie im Refrain und seiner starken Produktion mit überraschend passenden Bläsern gehört freilich zu den Highlights im Katalog der Band.

Unter den restlichen der dreizehn Tracks gibt es nicht viel, was für Euphorie oder Verdruss sorgen könnte. Das Trio spielt auf Sicherheit, lässt sich nur zu selten aus der Defensive locken, bis auf ein paar starke Momente haben Songs wie Devil In The Details oder das monotone For What It's Worth aber nicht viel zu sagen.

 

Drei Jahre nach dem überraschend starken Meds, steht uns mit Battle For The Sun nun ein Nachfolger der Marke 'semi-enttäuschend' gegenüber. Nur semi, weil die Londoner nach gut zwanzig Jahren im Geschäft wissen, wo ihre Stärken liegen und wie sie Molko entsprechend ins Szene setzten müssen. Leider driftet das Dreiergespann viel zu oft in Langeweile oder banales Gerocke ab. Dennoch, auch im Jahr 2009 stehen Placebo noch für gute Musik, sofern sie es denn wollen. Trotzdem sehnt man sich nach alten, melancholischen Herbsttagen zurück, in denen die Band doch irgendwie das Größte war. "We've made a record about choosing life, about choosing to live, about stepping out of the darkness and into the light", sagt Molko über seine sechste LP und man wünschte, er wäre in seinen Schatten geblieben…