Mumford & Sons - Babel

 

Babel

 

Mumford & Sons

Veröffentlichungsdatum: 21.09.2012

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 03.09.2020


Mit großen musikalischen Gesten auf dem Weg in die melodramatische Leere.

 

In der Kunst ist Zurückhaltung womöglich nicht die beste Eigenschaft. Zumindest ist das dann der Fall, wenn man mit dem Kunstwerk auch möglichst viele Menschen erreichen will. Da gehört dann schon etwas auf den Putz gehaut, ein bisschen dicker aufgetragen und nicht zu sehr der Subtilität gefrönt. Man kann es damit aber auch ganz gewaltig übertreiben. Ob das dann automatisch daran liegt, dass man sich zu sehr an der Masse orientiert und deswegen ein aufgeblasenes, penetrantes Nichts zimmert oder dass man sich zu weit Höherem berufen fühlt und deswegen auf die großspurige Arena-Tränendrüse drückt, ist eigentlich schon egal. Am Ende landet man immer irgendwo, wo man ganz einfach nicht hin soll, ob man sich nun The Killers oder doch U2 nennt. Alternativ bietet es sich natürlich an, wie die Imagine Dragons einfach unerträglich dramatisch und damit in Bodennähe zu starten, aber da kommt man ja erst nicht davon weg. Aber es sind immerhin keine Erwartungen da, keine schmerzhafte Fallhöhe, wie das bei den streichelweichen Folk-Rockern rund um Marcus Mumford der Fall ist. Nachdem die ein rundum großartiges Debüt abgeliefert haben, zeigt sich schon mit "Babel", wie schnell das schwierig werden kann, wenn man die falschen Akzente der eigenen Musik verstärkt.

 

Es wäre grundfalsch anzunehmen, dass sich hier innerhalb von nicht einmal drei Jahren alles geändert hätte. "Babel" ist bis zu einem gewissen Grad "Sigh No More" 2.0 und damit eine Ansammlung folkigen Pop-Rocks mit sehr deutlichem Hang zum melodramatischen Pathos und zur etwas verweichlichten Beleuchtung der Liebe, des Lebens und des damit verbundenen Herzschmerzes. Auf dem Debüt war es eine beeindruckende Ausgewogenheit, die diese Mixtur davor bewahrt hat, statt gefühlvoll und aufopfernd einfach nur kitschig zu klingen. Da waren die Arrangements großspurig, die regelmäßigen lauten Ausbrüche im Songverlauf leidenschaftlich atmosphärisch und Mumfords bedeutungsschwangere Lyrik das nötige Etwas, um dem Ganzen noch ein bisschen mehr Gewicht zu verleihen. Auch und vor allem deswegen, weil all diese potenziell schwierigen Merkmale noch kontrolliert und elaboriert genug eingesetzt wurden, um sich aus dem roten Bereich herauszuhalten und stattdessen grandiose und doch im richtigen Maß intime Dramatik zu bieten. Diesmal wird all das nun verstärkt und gleichzeitig verwässert. "Babel" ist eine stromlinienförmige Version des Debüts, von den meisten Kanten befreit und stattdessen der Formelhaftigkeit ergeben. Schon der eröffnende Titeltrack schreit so sehr Mumford & Sons in die Welt hinaus, dass man Gefahr läuft, des prominent eingestreuten, aber doch irgendwie bedeutungslosen Banjos, der wuchtigen Drums und der großspurigen Hymnenhaftigkeit des Songs überdrüssig zu werden. Gerade so passiert das nicht, weswegen man immer noch einen mehr als ordentlichen Opener erlebt, der jeder Überraschung aus dem Weg geht, mit seiner pathetischen Religionsallegorie aber auch die richtige textliche Stoßrichtung findet, um den voluminösen Sound gerechtfertigt erscheinen zu lassen.

 

In der Folge ist das seltener der Fall, weil diese Kompromisslosigkeit oft genug fehlt. Babel ist unumwunden dramatisch, gerade deswegen auch grenzwertig, aber eben ohne über das Ziel hinauszuschießen. In noch größerem Maße gilt das für Hitsingle I Will Wait, deren großspurige Aufmachung sich mit der unbarmherzigen Wiederholung des Refrains irgendwann dazu aufschwingt, zu einer glorreichen, fast schon pastoralen Hymne  zu werden, die den charakteristischen mehrstimmigen Gesang zu einer Aneinanderreihung druckvoller Refrains nutzt. So wirklich zündet das zwar erst mit dem finalen, großen Aufbäumen und den prägnanten Bläsern, die sich da zu den treibenden Drums und Gitarrenklängen dazugesellen, aber darauf wartet man in diesem Fall gerne.

Dem gegenüber stehen schleppende, zwischen Emotion und überdimensionierter Leere steckende Minuten wie jene von Lover Of The Light, deren geschliffene, Dynamik entbehrende Mid-Tempo-Serenaden eine unwillkommene Nähe zu Coldplay herstellt. Coldplay mit Banjo, Akustikgitarre und Trompeten zwar, aber das macht es jetzt nicht unbedingt besser. Mumfords banaler gewordene Zeilen und die hyperpräzise Produktion, die jeden Ton bedeutungsvoll wirken lassen will, verhindern vor allem, dass man ruhigere, atmosphärische und genuin emotionale Minuten zu hören bekommt, wie sie am Vorgänger beispielsweise durch I Gave You All zustande kamen. Die dezenteren Vorstellungen auf "Babel" klingen dagegen wie das kurze Reminder oder der Closer Not With Haste banal und ziehen an einem vorbei. Interessanterweise aus durchaus unterschiedlichen Gründen, weil Reminder sich nur auf die Akustikgitarre stützt und die unterschwellig im Hintergrund langgezogen erklingenden Bläser nichts außer Pathos beitragen, Not With Haste dagegen schnell über die Gitarre hinauswächst, mit dem wuchtigen Klavier, dem Banjo und den mehrstimmigen Chorälen aber einfach nur für ein atmosphärisches Vakuum sorgt. Nett anzuhören ist das zwar schon, immerhin beweisen die Briten erneut ein Händchen für prinzipiell harmonische, füllige Arrangements. Man erkennt jedoch schnell, dass das bei Holland Road und Lovers' Eyes eher durchschnittliche Fassade ist, hinter der kein bleibender Eindruck und kein gefühlvoller Nachhall steckt.

 

Da ist es doch gut, dass es neben dem überlebensgroßen I Will Wait und der stimmigen Eröffnung durch den Titeltrack noch ein paar andere lichte Momente gibt. Below My Feet und Hopeless Wanderer finden recht spät zu passionierteren Darbietungen. Beide weichen nicht ab von der Erfolgsformel des Debüts, also der langsamen Steigerung vom dezenten, von Mumfords Stimme geprägten Beginn hin zu einem gewaltigen Crescendo zum Songende, das in beiden Fällen nach einer kleinen Zusatzdosis I Will Wait klingt. Besser macht sich das im Falle von Hopeless Wanderer, weil da nach eineinhalb Minuten mit kratzigen Gitarrenakkorden schnell ein angriffiger Ton angeschlagen wird, den der Song trotz zwischenzeitlichen Tempoverlusts netterweise nicht mehr so ganz einbüßt. Den einsamen Höhepunkt des Albums markiert allerdings Broken Crown, das zum atmosphärischen Meisterwerk gerät. Mit dem dunkel schwelenden Klang, den man der gewohnten Instrumentenmischung und da insbesondere dem Klavier entlockt, wandert die Band für einmal in düsteres Terrain ab, ohne dabei den gewohnten Songaufbau aus den Augen zu verlieren. Dem ernsten Ton sei Dank, gerät das finale Aufwallen hier jedoch weniger feierlich, sondern fast schon endzeitlich dramatisch und angefüllt mit verzweifelter Wut, die Mumford ungewohnt kernig ins Mikro singt.

 

Damit verdeutlichen die Briten aber lediglich, dass es nicht ihr Stil oder ihre weithin bekannte Songformel selbst ist, die ihre Songs müder erscheinen lassen und es verhindern, dass einen die Band einmal mehr vereinnahmt. Stattdessen ist es eine unheilige Mischung aus der Wiederholung dessen, was bereits das Debüt geboten hat, und aus der Verwässerung dessen durch glattere Produktion, durch noch einmal plakativere Texte und unvorteilhafte Soundentscheidungen. Letztlich schaffen es Mumford & Sons nämlich, auf "Babel" zu oft gleichzeitig nicht genug zu riskieren und stattdessen spannungsärmere Fortsetzungen des Vorgängers zu bieten und dann wieder über die Stränge zu schlagen mit zu viel an Pathos und Schmalz. Daraus wird dann die Hälfte der Zeit eigentlich nur Fadesse und Leerlauf, während die übrigen Songs für sich genommen immer noch mitunter großartige Qualitäten mitbringen, auf dem Album aber trotzdem ein bisschen nach Schadensbegrenzung klingen. Die Summe dessen ist immer noch positiv, weil Mumford mit seinen Kollegen noch genug gelungenes Material aus sich herausholt. Aber nichts kann verhindern, dass man schon ihre zweite LP als den beginnenden Abstieg oder gar den Anfang vom Ende betrachtet.