Mumford & Sons - Sigh No More

 

Sigh No More

 

Mumford & Sons

Veröffentlichungsdatum: 02.10.2009

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.11.2019


Ein bissl sentimental, ein bissl episch, ein bissl Bluegrass, ein bissl Folk, ein bissl verdammt stark.

 

So sehr ich auch der Ansicht bin, dass Intentionen nur in sehr begrenztem Maße als Entschuldigungen gelten, wenn die Konsequenzen des eigenen Handelns ein ausgemachter Dreck sind. Aber bei aller Vorsicht kann man ehrlicherweise nicht immer alle verschlungenen Wege und noch so unwahrscheinlichen Folgen ausmalen und dementsprechend ist eine todsichere Vorausplanung ja etwas ziemlich Unmögliches. Deswegen tut man am besten gleich gar nichts, was irgendwelche Risiken birgt oder daneben gehen könnte..... Ja, das kann man machen, ich handhabe das so, bin aber nun auch nicht unbedingt ein geeigneter Maßstab für die Künstler dieser Welt. Die müssen einfach mal draufloskünstlern und schauen, was dabei herauskommt. Getan haben das wohl auch Mumford & Sons ohne dabei zu ahnen, dass sich infolge des durchschlagenden Erfolgs ihrer von Pathos und leichtem Größenwahn durchzogenen Musik irgendwann auch Leute wie die Imagine Dragons an ihnen ein Beispiel nehmen und den geebneten Weg ausnützen könnten. Blöd gelaufen, nennt man das, auch wenn bei der Qualität, die die Briten auf ihrem Debüt mitbringen, davon noch wirklich wenig zu erahnen war.

 

Vielleicht doch in der Hinsicht, als dass die folkig angehauchten Briten auch damals schon ein Faible dafür hatten, ein bisschen melodramatisch und mit aufpolierter Grandezza zu musizieren, selbst wenn es sich letztlich nur um eine Mischung aus Indie-Folk und Bluegrass handelt. Denn Refrains von einer Lautstärke, einer eindringlichen Wucht und bedeutungsschwangeren Macht, die die Stadien dieser Welt erbeben lassen, gehen sich auch in solchen eher für dezente Klänge bekannten Genres aus. Beeindruckend ist daran lediglich, mit was für einem feinen Händchen die Briten rund um Marcus Mumford dieses so leicht ins Klobige und Kitschige schlitternde Stilmittel einsetzen. "Sigh No More" hat damit durchaus die Fähigkeit, einen beim ersten Mal anhören ein bisschen zu erschlagen, weil man insbesondere nach dem unscheinbar gemächlichen, im kernigen Harmoniegesang weniger erblühenden Titeltrack nicht unbedingt damit rechnet, was für ein Feuerwerk noch folgen sollte. Doch schon der Opener endet in einem gewaltigen Crescendo, in dem einem Banjos, Bläser, Mandolinen und die wuchtigen Drums um die Ohren fliegen.

 

In diesem ersten Anlauf noch etwas chaotisch und weniger anziehend, sind die folgenden Songs oft genug ein Genuss, weil sich die Balance aus düsteren und hoffnungsfrohen, aus dezent ruhigen und fast erdrückend lauten Passagen als nahezu ideal erweist und damit keine Ermüdungserscheinungen aufkommen. Stattdessen ist man bereits mit The Cave mittendrin in diesem Heimspiel der Band, in dem sich die verlassen gezupfte Gitarre abwechselt mit rollenden Banjoeinsätzen, in dem der pochende Beat irgendwann das Ruder übernimmt und alsbald in einen lautstarken Refrain führt, in dem sich zum harmonischen Duell der Saiteninstrumente auch noch helle Klavierakkorde und hymnische Bläser dazugesellen. Da kommt Freude auf, vor allem weil Mumfords entspannte und doch druckvolle Gesangsperformances perfekt ins Bild passen und immer ein bisschen religiös angehauchte Hoffnungszeilen zwar nichts für die ganz trockenen Gemüter sind, aber dann doch gerade im richtigen Maße kraftvoll und melodramatisch sind, um mit dem Sound der Band zu harmonieren.

Man ist also schnell einmal zufrieden, insbesondere dann, wenn die wie die anreitende Kavallerie klingende Soundwand auf einen zukommt, die die Band mit aller instrumentaler Unterstützung bildet. Roll Away Your Stone und Little Lion Man sind ideale Beispiele dafür, wie gelungen derartige Songs sind, solange in den Strophen noch etwas Luft zum Atmen bleibt. Ersterer tut sich dahingehend speziell hervor als stark austarierte Mischung dieser Laut-Leise-Formel, die melancholische Folk-Passagen und die kontrollierten, ekstatischen Ausbrüche kombiniert. Das Ergebnis sind tatsächlich weniger erinnerungswürdige Geschichten und vielleicht auch nicht die großen Gefühle im engeren Sinn. Aber es ist eine Atmosphäre, die je nach Spielart elektrisierend und mächtig oder aber gefühlvoll und im richtigen Moment auch beklemmend düster sein kann.

 

Diese gelungene Bipolarität bekommt man insbesondere in der Albummitte zu spüren, in der sich zwischen die oben genannten Treffer mit White Blank Page und I Gave You All zwei der eindringlichsten ernsteren Momente des Albums drängen. Die Wut des Betrogenen dominiert ersteren, äußert sich allerdings nicht in einer lautstarken Abrechnung, sondern zuallererst in einer ruhigen, auf die akustische Gitarre reduzierten Performance, in der insbesondere Mumford selbst einen gesanglichen Höhepunkt erlebt. Der Rest ist gleichsam raue und cineastische Dramatik, die ein bisschen Western-Romantik mitbringt, das aber ohne den Anschein billiger Geschmacklosigkeit schafft. Mit I Gave You All folgt dem wiederum der trotz starker Konkurrenz eindeutige Albumfavorit, dessen düster anklingende Akkorde mitsamt Mumfords untersetzter Stimme und tristen Banjo-Einsätzen für eine gespenstische Szenerie sorgen, die mit den düsteren Zeilen umso drückender wirkt:

 

"Rip the earth in two with your mind

Seal the urge which ensues with brass wires

I never meant you any harm

But your tears feel warm as they fall on my forearms

 

[...]

 

How can you say that your truth is better than ours?

Shoulder to shoulder, now brother, we carry no arms

The blind man sleeps in the doorway, his home

If only I had an enemy bigger than my apathy I could have won"

 

Die wird nur verstärkt durch den beklemmenden Harmoniegesang im ersten Refrain, der allerdings alsbald vom nächsten, vereinnahmenden Crescendo abgelöst wird.

 

Das ist womöglich der Punkt, an dem man Mumford & Sons eine allzu offensichtliche Formelhaftigkeit in ihren Kompositionen vorwerfen möchte. Und die gibt es, keine Frage, sie wirkt sich nur beeindruckend wenig darauf aus, wie gut die Songs ankommen. Die zweite Hälfte des Albums ist die schwächere und bietet mit dem zu polierten und allzu melodramatisch ausstaffierten Thistle & Weeds den - immer noch sehr erträglichen - Tiefpunkt der Tracklist, die Band baut aber zum einen auch recht früh mit Winter Winds etwas ein, das dank des kitschigen Bläsersatz und dem ähnlich gelagerten Text nicht wirklich vom Fleck kommt, und zum anderen nimmt sie auch gegen Ende noch ordentlich Fahrt auf. Während das ungemein harmonische After The Storm als Closer ohne lauten Klimax auskommt und gerade daraus seine Stärke bezieht, findet sich davor mit Dust Bowl Dance der dem traditionellen Country wohl nächste Song und damit eine epische Erzählung mit Wild-West-Romantik, in der der verzweifelte Kampf um das eigene Stück Land in einem Mord endet. Was sonst im Wilden Westen?

 

"Sigh No More" ist also primär einmal eines, nämlich ziemlich großartig. Womöglich ist es so nebenbei auch ein bisschen das, was man im Englischen "acquired taste" nennt. Es könnte also ein bisschen Zeit brauchen, bis man die etwas plakativen Songstrukturen nicht mehr als reißerisch empfindet und stattdessen das souveräne, durchaus feinsinnige Handling dieser ziemlich simplen Formel und die daraus entstehenden, gar nicht einmal im Ansatz monotonen Kompositionen wertzuschätzen. Das Debüt von Mumford & Sons zeigt einem eine Band in vollendeter Harmonie, die ganz genau weiß, wie sie daraus Songs zu formen hat, sodass diese einen mitnehmen können, sei es auf die etwas oberflächliche Art durch die druckvoll eingängigen Refrains oder auch durch die nicht zu vernachlässigenden emotionalen Minuten. Denn neben der einen oder anderen platten Übung zwischen Melancholie und ungebrochen hoffnungsfrohem Optimismus findet man auch genauso und sogar in weitaus prominenterer Form drückend schwere Texte, die mal episch, mal ziemlich persönlich daherkommen und einem Sound, an dem es eigentlich gar nicht mehr viel zu basteln gibt, zu etwas noch besserem verhelfen. Dass es von da an mit den Briten nur mehr bergab gegangen ist, überrascht in Anbetracht dessen nur bedingt.