Mike Shinoda - Post-Traumatic

 

Post-Traumatic

 

Mike Shinoda

Veröffentlichungsdatum: 15.06.2018

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.06.2019


Schwierige Autotherapie als Entschuldigung für mangelnde stilistische und handwerkliche Vorzüge.

 

Es gibt wenige, aber doch ein paar Gründe, warum selbst ein Reviewer sich schwer tut, die Musik für sich und nur für sich zu betrachten. Der Tod ist ein solcher Grund, eigentlich ist er sogar der bei weitem wichtigste davon. Meistens funkt er einem kritischen Urteil dazwischen, weil der Künstler selbst plötzlich nicht mehr unter den Lebenden weilt, manchmal reicht aber auch jemand aus dessen Umfeld. Chester Bennington reicht, soviel ist sicher. Nicht nur, weil er zwei Jahrzehnte lang Bandkollege und Freund von Mike Shinoda war, sondern auch wegen der ziemlich öffentlichen Art, wie um den Frontmann von Linkin Park getrauert wurde. Das war nur bedingt eine freiwillige Entscheidung, schlicht weil der Selbstmord des Sängers einer der erfolgreichsten Rockbands dieser Tage oder vielmehr dessen Aufarbeitung nicht ohne Publikum stattfinden kann. Umso schwieriger dürfte das für die Betroffenen mit der Bewältigung gewesen sein, was sicherlich auch mitverursacht hat, dass Mike Shinoda - fast 15 Jahre, nachdem er als Fort Minor sein Solo-Debüt veröffentlicht hatte - wieder als Solist eine LP aufgenommen hat. Solche Traumata verarbeitet man meist weniger im Bandformat. Insofern ist "Post-Traumatic" mit einiger Sicherheit das persönlichste Album des Rappers, was wiederum nicht verhindert, sondern vielleicht sogar begünstigt, dass man über die komplette Laufzeit nichts findet, das einen beeindrucken würde.

 

Jetzt soll keiner annehmen, dass vorab Erwartungen in Richtung eines Spektakels da gewesen wären. Sagt ja auch keiner, dass nur etwas in dieser Art wirklich beeindruckend sein könnte. Ganz im Gegenteil wäre es wohl viel imposanter und eindringlicher, wenn sich Shinoda kurz nach dem eindeutig poppigsten und geschliffensten Linkin-Park-Album plötzlich roh, unverziert und tiefemotional geben würde. Womöglich ist er letzteres sogar, zu spüren ist davon aber tatsächlich wenig. Die LP ist trotz mitunter schmerzhaft eindeutiger inhaltlicher Richtung arm an Atmosphäre, spart trotz relativ minimalistischer Ausstattung nicht an produktionstechnischen Spielereien und kämpft gleichzeitig nichtsdestoweniger um einen ausdrucksstarken Sound, der vielleicht gar so etwas wie Gefühle transportiert. Davon findet sich nur verdammt wenig, was bei allem Respekt vor Shinodas Talenten daran liegen könnte, dass sich der US-Amerikaner in den letzten Jahren zunehmend dem poppig-glatten Produzieren zugewandt, sich selbst als Sänger versucht und darüber ein bisschen das griffige Texten und atmosphärische Musizieren vergessen hat. Zumindest wirkt es auch hier so, auch wenn die teils harten Beats, die drückenden Synth-Spuren und die sonst karge musikalische Ausstattung definitiv keinen Frohsinn erahnen lassen. Immerhin beginnt das Album auch mit einem Dreierpack an Songs, der direkt Bennington und der Zeit nach dessen Tod gewidmet ist. Entsprechend gedrückt sind Place To Start, Over Again und Watching As I Fall als textlich ungetrübter und direkter Blick auf Shinodas Schwierigkeiten in der Verarbeitung seines Verlustes. Problematisch daran ist, dass sie weder kreativ noch handwerklich sonderlich gut getextet scheinen, was dazu führt, dass Shinoda abgesehen vom profilarmen Opener mit seinen Rhymes eher stolpert.

 

Und das ist auch nur eine Seite der fehlerbehafteten Medaille, die man hier zu sehen bekommt. "Post-Traumatic" ist ganz generell klobig und uninteressant getextet, selten einmal so, dass wirkliche Emotionen ankommen würden. Es ist Selbsttherapie in vorsichtiger, zurückhaltender, vielleicht bewusst gedämpften Form. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht zu jeder Zeit des alles überschattenden Themas bewusst ist, nur wirken die dazu gerappten oder gesungenen Zeilen meistens so austauschbar, dass man eher annehmen muss, sie sind der posttraumatischen Konfusion entsprungen und eben deswegen eher weniger konkret, als man es erwarten würde. Wobei wiederum das ein mäßig treffender Vorwurf ist. Denn Shinoda ist schon mitunter äußerst direkt, selbst dann aber auf eine Art, die nicht eindeutig erkennen lässt, ob nun Trauer, Wut, Verunsicherung oder fast schon Anflüge von Optimismus im Zentrum stehen. Oft genug ist es alles und nichts, ohne dass es nach verständlichem emotionalem Chaos klingen würde, sondern eher nach Texten, die nichts wirklich ausdrücken können oder wollen. Das liegt sicher auch an Shinodas durchwachsener Präsentation, die sich irgendwo zwischen unwillkommenen Autotune-Passagen, tonlosem Gesang und mitunter höchst unrundem Flow wiederfindet.

 

Um nun aber nicht so zu tun, als hätte man es mit einem Amateur zu tun, sei darauf hingewiesen, dass das Album einfach nur schmerzhaft durchschnittlich und eindrucksarm erscheint, betrachtet man den zutiefst persönlichen Background. Die besten Songs sind entsprechend auch weniger deswegen solche, weil sie so viele Gefühle hervorrufen würden, sondern viel eher wegen der fähigen musikalischen Umsetzung. Leadsingle Crossing A Line ist genauso wie Ghosts eine starke Übung in gelungenem Pop-Rap. Selbst wenn ersterem mit seinem stampfenden Beat und den Stop-and-Go-Synths die nötige Melodik ein wenig abgeht und die sporadischen Gitarreneinsätze definitiv zahlreicher sein hätten sollen, schafft Shinoda den Spagat zwischen ansprechendem, leicht verdaulichem Sound und atmosphärischer Performance. Ghosts gelingt er zweifellos besser, was teilweise am starken Beat und der mehr als soliden Produktion liegt, mehr aber noch der bei weitem besten Darbietung Shinodas zu verdanken ist. Dass die LP trotzdem eher pop-lastiges Stückwerk als kathartische Aufarbeitung sein dürfte, illustriert allerdings Make It Up As I Go ziemlich gut. Musikalisch mit dezenten Tropical-House-Einflüssen ein Lichtblick, überzeugt vor allem die Harmonie zwischen Shinoda und Gastsängerin K.Flay, deren rauchige Stimme das eigentliche Hauptargument für den Song ist. Dass da trotzdem die Emotionen nicht gerade überquellen, kann man wohl erahnen.

 

Doch das Album enttäuscht ultimativ nicht wirklich oder zumindest nur in der Hinsicht, dass man sich im Lichte der Hintergrundgeschichte auf textlicher und emotionaler Ebene definitiv mehr erwartet hätte. Stattdessen bekommt man ein Album zwischen Pop-Rap und Rap-Rock - beides kommt nicht wahnsinnig gut, wobei man sich angesichts der Frische von Watching As I Fall und Running From My Shadow eher für letzteres entscheiden würde -, beides natürlich durchaus elektroniklastig, beides allein durch die Art der Präsentation weniger gefühlsbetont. Es ist eine durchschnittliche Affäre, selten einmal so unnötig wie das lähmend dahintrottende I.O.U., das frappant an so manch ideenlosen Reinfall der letzten Eminem-Alben erinnert, aber dann doch meistens eher in bescheidenem Rahmen. Naturgemäß geht das meiste davon auf die Kappe von Mike Shinoda, der textlich wie musikalisch zu wenig Profil zulässt und stattdessen oft eher lauwarm agiert. Man hat die Begründung dafür direkt vor der Nase, berücksichtigt man, dass das Album und der damit verbundene Soloauftritt des US-Amerikaners nicht unbedingt langer Vorbereitung oder einer künstlerischen Entwicklung entsprungen ist, sondern eben die Folge einer persönlichen Tragödie ist. Beser macht es das kaum, vor allem, weil die Tragödie "Post-Traumatic" inhaltlich auf unterwältigende Art prägt.