MIKA - The Boy Who Knew Too Much

 

The Boy Who Knew Too Much

 

MIKA

Veröffentlichungsdatum: 18.09.2009

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.01.2019


Anstrengend farbenfroher Falsett-Glam-Pop oder Take your Scissor Sisters out of my Elton John!

 

Für einen kurzen Moment hätte man zwar glauben können, dass aus MIKA einmal ein Weltstar werden könnte. Dieser Moment liegt eindeutig vor seiner zweiten LP, immerhin hat der Brite mit den libanesischen Wurzeln nicht viel Anlauf gebraucht, um überall abseits der USA die Chartspitzen ins Visier zu nehmen. Deswegen ist der erste Song, den die Welt von ihm gekannt hat, Grace Kelly, auch gleich sein bei weitem erfolgreichster. Weil MIKA aber möglicherweise zu britisch, sicherlich aber zu exzentrisch und zu sehr der glamourös-kindischen Übertreibung zugewandt war, wird man eingestehen müssen, dass der erste Song, den man vom ihm gekannt hat, mittlerweile in verdammt vielen Fällen der einzige ist, den man irgendwie mit seinem Namen in Verbindung bringen kann. Das bedeutet zwar nicht, dass er nicht noch seine europaweiten Hits gehabt hätte, irgendwie war aber die Faszination für seine eigenwillige Interpretation des Glam-Pop eine reichlich kurz andauernde, sodass mit jedem neuen Album weniger Begeisterung spürbar war. "The Boy Who Knew Too Much" ist der erste Schritt in diese Richtung.

 

Interessanterweise ist es sein wohl bestrezipiertes Album, was aber gut und gerne auch einfach daran liegen könnte, dass sich die Kritiker bis dahin daran gewöhnt hatten, dass sich MIKA anscheinend als Bindeglied von Elton John, Queen, so mancher Boyband und den Scissor Sisters versteht. Unabhängig vom Selbstverständnis des Briten ist es zumindest der Eindruck, den man nach zwei Alben bei ihm gewinnen muss. Wobei das wiederum nicht als vernichtendes Urteil zu werten ist, es fängt nur durchaus treffend die Mischung aus süßlichem Kitsch, affektierter Theatralik und dem Sinn für geschmeidige Melodien ein. Diese Mixtur bedeutet natürlich äußerst gemischte Resultate, hat aber insbesondere an der Front der Auskopplungen ihre Vorteile. We Are Golden beispielsweise mag manchen ein Gräuel des Musik gewordenen Camp sein, man könnte es allerdings auch einfach als eine lebensfrohe Pop-Hymne betrachten, deren klangliche Überfrachtung mit allem vom Klavier und der E-Gitarre bis zu einem Duell von Kinder- und Gospelchor sich zwar in einer dröhnenden Lautstärke äußert, immerhin aber auch den Energieüberschuss des rastlosen Singer-Songwriters ideal einfängt. Und darin liegt dann auch der natürliche Charme des Songs begraben.

 

Es ist allerdings auch ein zweischneidiges Schwert, mehr noch ein atmosphärischer und musikalischer Drahtseilakt, in dem lautstarke Langeweile oder überwältigender, nicht zu tolerierender Kitsch drohen, während nur ein kleiner Korridor wirklich großartige Tracks erlaubt. Solche gibt es, man begegnet ihnen aber nur vereinzelt. Rain ist ein solcher, auch weil er Relax, Take It Easy und damit eine auf instrumentaler Ebene reduziertere Gelassenheit in Erinnerung ruft. Dass die dann ausgerechnet mit einem Mehr an Synthesizern aufwartet, ist vielleicht nicht der Wunschgedanke schlechthin, allerdings ist die elektronische Umgebung eine, in die sich MIKAs Falsettgesang am besten einfügt. Insofern kann man diesen dahinschwimmenden Synth- und Keyboard-Sounds schon einiges abgewinnen, wenn man sich auch die unförmige, kurze Bridge gerne hätte sparen können. Der Gipfel der Lockerheit inmitten der vorherrschenden Musical-Atmosphäre ist allerdings das großartige Blue Eyes, dessen gemütliche Mischung aus Akustikgitarren und karibischer Percussion zwar dank großflächiger Mehrstimmigkeit und kristallklaren Klaviernoten immer noch nach Bühnenmaterial riecht, das aber in der dezentesten vorstellbaren Variante. Entsprechend erfrischend ist dieser Song, der mitten im Album ein Aufatmen erlaubt und auch den Sänger selbst zu gern gehörter Zurückhaltung zwingt. Das ist umso wichtiger, weil er um nichts weniger überzeugend klingt, wenn er einem nicht gerade den Gipfel der Lebhaftigkeit durch erratische Sprünge zwischen normalem und Falsettgesang präsentieren oder mit melodramatischen Auftritten die Tränen in die Augen treiben will. Im Gegenteil, ein paar Minuten, die nicht nach Show und Glam-Inspiration klingen, tun verdammt gut.

 

Der Rest scheut allerdings davor zurück, bei der Exzentrik einzusparen. Im Besonderen erdrückt das die Balladen, deren schmalzige Dramatik Assoziationen zu den Backstreet Boys und High School Musical nahelegt. Ich bin mir nicht sicher, ob das der gewünschte Effekt ist, bei diesen überdimensionierten, perfekt in eine x-beliebige Hollywood-Musicalverfilmung passenden Darbietungen denkt man aber an so ziemlich nichts anderes. Insofern sind I See You oder By The Time Schwachstellen mit Ansage. Und natürlich werden sie an anderer Stelle übertroffen, wenig überraschend gegen Ende der Tracklist, wenn die Akzeptanzschwelle für MIKAs exzentrische Auftritte eklatant gesunken ist. Dementsprechend sind da auch keine Sympathien für die lächerlichen Vaudeville-Anleihen und Chamber-Pop-Tendenzen von Toy Boy, die sich zu einer süßlichen Grausamkeit vermengen, der man nicht abnimmt, dass sie von MIKA jemals ernst gemeint gewesen wäre. Und allerspätestens seit Genesis' Who Dunnit weiß man, dass in solch einem Fall nichts Gutes herauskommt.

 

An anderer Stelle gelangt man zu zwiespältigeren Ergebnissen. Touches You oder Good Gone Girl sind potenziell großartige Songs, die die Exaltiertheit von MIKA bestmöglich in Songform bringen, gleichzeitig aber mit über die Maßen verspielten Rhythmen beziehungsweise einem ungesund voluminösen Arrangement zu kämpfen haben. Trotzdem sind es lohnende Minuten, die einem die Qualitäten in Erinnerung rufen, deretwegen der Brite überhaupt zu globalem Erfolg gekommen ist. Und dafür ist definitiv nicht nur das exzentrische Auftreten in seinen Songs und Videos verantwortlich, sondern auch das seine kompositorischen Fähigkeiten, die er zwar weder in jedem Song voll zeigen kann, noch erlaubt er ihnen immer, unter den Arrangements sichtbar zu bleiben, da sind sie auf alle Fälle. Nimmt man sich diesbezüglich nur einer der Lebensversicherung eines Popmusikers, den Up-Beat-Ohrwürmern an, ist der Brite tatsächlich ein Meister seines Fachs.

Blöderweise steht ihm auf "The Boy Who Knew Too Much" der oft ungezügelte Wille, wirklich alles unter dicken Schichten kitschiger Instrumentation zu begraben, merklich im Weg. Wobei man einwenden muss, dass auf der anderen Seite die Komplettreduktion genauso wenig funktioniert, weil MIKAs sentimentalere Seite in den Balladen kaum einmal naturbelassen wirkt. Stattdessen wähnt man sich bei einem pompösen Schauspiel, das nur sehr peripher mit emotionaler Atmosphäre in Einklang zu bringen ist. Deswegen funktionieren die lockeren Minuten um Längen besser und zeigen die nicht zu verkennenden Vorzügen des Sängers, der letztlich hauptsächlich daran zu arbeiten hat, dass er einen weder langweilt noch anstrengt. Das ist in seiner Nische verdammt schwierig, aber hörbar möglich. Es müsste nur öfter gelingen.

 

Anspiel-Tipps:

- We Are Golden

- Rain

- Blue Eyes