MGMT - Oracular Spectacular

 

Oracular Spectacular

 

MGMT

Veröffentlichungsdatum: 02.10.2007

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 16.04.2016


Weichgespülter Indie-Pop, verträumt und psychedelisch, fad und substanzlos. Die Hipster jauchzen.

 

Selbst als ein Mensch, der die Ruhe, Zurückgezogenheit und die Absenz größerer Spannung durchaus begrüßt, muss man manchmal verblüfft feststellen, wie unspektakulär manches Abenteuer ist. Auch in der Musik, wo Attribute wie Kreativität, Mut und Abenteuerlust manchmal Alben zugeschrieben werden, die diese Ehren nicht wirklich rechtfertigen. Dieses suburbane US-Duo mit dem von Vokalen befreiten Namen reiht sich dort mit dem so beliebten Debüt ein, doch die Hipster jauchzen.

 

Und man weiß nicht so ganz, womit es zu tun hat. Gut, es ergibt sich im großen Revival-Jahrzehnt, dass auch so eine zaghafte Rückbesinnung auf psychedelische Werte ihren Jubel einfängt. Was MGMT aber im Gegensatz zu Animal Collective fehlt, ist die Fähigkeit zur präpotenten Eigenständigkeit, die irgendwo auch Genialität in sich birgt. Das macht "Oracular Spectacular" einerseits erfreulich unanstrengend, andererseits äußerst uninteressant. Es ist eine Mischung aus recht unoriginellem Ahnenkult und biederer Verschrobenheit, der das verhindern sollte. Doch im lahmfrommen Dodl-Folk von Weekend Wars steckt, Old-School-Keys hin oder her, ähnlich wenig Leben wie im altbackenen Psychedelic-Pop nach Beach Boys-Vorbild, The Youth. Beides spielt mit Erinnerungen an die 60er, kann aber im allerbesten Fall nostalgische Gefühle wecken, fällt ansonsten wegen der rundum zahmen und banalen Instrumentierung sehr flach. Doch die Hipster jauchzen.

 

Am meisten tun sie das bei den angeblichen Über-Singles Time To Pretend und Kids, die mit ihren charakteristischen Synthie-Hooks die Radios belagert haben. Und tatsächlich, handwerklich zeigen Vanwyngarden und Goldwasser, was sie können. Bei Time To Pretend geht das nur halb auf, weil die ständig dröhnenden Synthies monoton und auf Songlänge nervig daherkommen, zudem wenig mit den Vocals harmonieren. Aber Kids, da geht was! Da ist plötzlich die starke Melodie, die man hören will, die starke Verschmelzung der geliebten Elektronik mit trockener, sparsam eingesetzter übriger Instrumentierung. Ein Ausreißer von wenigen aber. Mit starken Auftritten von Vanwyngarden als Sänger und dem stimmigen Retro-Disco-Touch von Eletric Feel gelingt einer, mit dem auf vollen Touren laufenden 60er-Motor von Of Moons, Birds & Monsters ein anderer. Dort klingt eine sympathische Liebe zum Detail durch, eine interessante, vielschichtige Collage aus allen Klängen der Hippie-Ära ist das Ergebnis. Die Hipster jauchzen. Diesmal dürfen sie auch.

 

Der Rest ist Schall und Rauch. Oder besser ziemlicher Schmalspur-Pop ohne erkennbare Substanz. Am schlimmsten endet das mit Piece Of What, einer musikalischen Schwachsinnigkeit zwischen Folk und Classic Rock, die aber hoffentlich als schlechte Parodie dessen gedacht war. Ansonsten klingt 4th Dimensional Transition nach Jefferson Airplane mit latenter Veränderungsresistenz und insgesamt mühsamer Soundkulisse und ans Ende packt man noch das musikalisch aussagenfreie Future Reflections, das immerhin eine treffende Zusammenfassung der ganzen LP bedeutet.
Die wird nämlich in ihrer Gesamtheit nicht wirklich ihrem so guten Ruf gerecht. "Oracular Spectacular", das ist banales Pop-Handwerk, das ist pseudo-intelligente Verarbeitung altehrwürdiger Einflüsse, das ist das Suchen nach einer ansprechenden, vereinnahmenden Verpackung ebendieser. Manchmal findet man sie, dann weiß das recht undynamische Duo mit liebevoller Arbeit und einem Anflug von langlebigen Hooks zu punkten. Der Rest ist unterwältigend. Doch die Hipster jauchzen...

 

K-Rating: 5 / 10

 


Exzellente Singles und viel Ballast am gefeierten Durchbruchswerk.

 

Selbst als bornierter Spießer und Antithese zum jauchzenden Hipster muss man sich gelegentlich eingestehen, dass sich unter den aktuellsten, abgefahrensten Trends immer wieder feinste Pop-Perlen ausmachen lassen. Ob fünfdimensionales Abenteuer oder gepflegte Langeweile am Dudelsack kann da zuweilen auch zweitrangig werden, überzeugend gespielt wird man letztlich entgegen jeglicher überschaubarer Erwartungen ungehemmte Satisfaktion beziehen. Und hey, Vokale sind – fragt man einmal die jauchzenden Nachbarn aus der Slowakei – ohnehin vollkommen überbewertet.

 

Ganz im Gegensatz zum heute besprochenen Superduo aus Connecticut. Zu diesem Schluss kann man jedenfalls ohne Schwierigkeiten gelangen, lauscht man erst den "angeblichen Über-Singles" von Oracular Spectacular. Dass der Kollege Lead-Single Time To Pretend nicht die gerechtfertigte Wertschätzung entgegenbringen kann, bedauere ich zwar, nehme ich allerdings nicht als Weltuntergang wahr.  Mich hatte die Nummer- da oute ich mich gerne als Fan – schon vom ersten Synth-Ton, der zu einer herrlich beschwingten, fast hypnotischen Melodie heranwächst und gerne auch weitere fünfzehn Minuten in aller Monotonie weiterdudeln dürfte – auch kann ich am Gesang beim besten Willen nichts Negatives ausmachen. Nicht minder brillant ist Kids, dessen dramatische Vibes besonders in Kombination mit seinem exzellenten Video ihr gesamtes Potenzial abrufen, dank starkem Arrangement aber auch ohne visuelle Hilfe voll ins Schwarze treffen. Ich jauchze also mit.

Fast könnte ich mich zu der Aussage hinreißen lassen, MGMT hätten die beiden Nummern als Doppel-A-Seiten-Single veröffentlichen, ihre Trennung bekannt geben und – das tut so wohl auch der eine oder andere – als einer der größten Acts unserer Zeit gefeiert werden sollen. Wäre da nicht noch die eine starke Nummer, die auch der Kollege schon auf der Rechnung hatte, nämlich Of Moons, Birds & Monsters. Wie Goldwasser und VanWyngarden hier von einem Stil zum nächsten übergehen und es endlich einmal reibungslos hinbekommen, die psychedelischen Sixties in die Gegenwart zu holen, ist schon beeindruckend. Die Hippies jauchzen.

 

Weniger imposant ist da schon, womit die Amerikaner die restlichen Minuten der LP zu füllen vermögen. Weder das schier endlose Pop-Gewäsch von The Youth, noch das mit sprudelnden Synthies und der ultimativen Aussage "We got the handshake", mit der sich problemlos eine ganze Minute füllen lässt, versehene Handshake, können mich mit ihrem zweifelhaften Charme bezirzen. Und klingen erst das behäbige Future Reflections samt langweiligem Gitarrensolo oder das schräge, überwiegend akustische gehaltene Pieces Of What, das neben einer anständigen Hook auch jegliche Sangeskunst entbehrt, an, ist man von chronischen Langweilern wie Empire of the Sun und dem präzise gewählten Begriff "Schmalspur-Pop" auch nicht mehr weit entfernt. Die Linguisten jauchzen.

 

Und auch wenn ich beim Lob für Electric Feel etwas auf die Bremse drücken, dem Kollegen also rekordverdächtige eineinhalb Male widersprechen muss, will ich dessen coolen Groove nicht leugnen, obwohl der Track in meinen Ohren einfach nicht so recht in die Gänge kommt, erst kurz vor Ende Wehmut ob des vergeudeten Potenzials aufflackern lässt. Doch reichen die großartigen drei Nummern, plus den einigermaßen überzeugenden (Electric Feel und 4th Dimensional Transition) für eine knapp positive Endabrechnung. Das Fazit des Vorsprechers teile ich ansonsten. Genug gejauchzt.

 

M-Rating: 6 / 10