Animal Collective - Merriweather Post Pavilion

 

Merriweather Post Pavilion

 

Animal Collective

Veröffentlichungsdatum: 06.01.2009

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 23.01.2016


Die Sound-Spezialisten laden zum wilden Ritt durch überwiegend elektronische Klangwelten.

 

Sweetheart Of The Rodeo... Wish You Were Here... Disintegration... Illmatic.... Jeder dieser Albumtitel lässt - hoffe ich - beim bloßen Hören in Ehrfurcht erstarren. Was diese omnipräsenten Alben neben ihrer gemeinsamen Eigenschaft, in der jeweiligen Dekade für ordentlich frischen Wind gesorgt zu haben, vereint: das Schicksal, in der renommierten Listen-Sammelstelle AcclaimedMusic hinter Merriweather Post Pavilion zu rangieren. Freilich nicht mehr als ein interessantes Detail am Rande - aber irgendwas muss doch eigentlich dran sein, an Animal Collective und ihrem angeblichen Wunderwerk.

 

Zumindest kann man dem Trio (auch immer wieder als Duo oder Quartett unterwegs) um Panda Bear vom ersten Ton weg nicht absprechen, dass da autarke Arbeit geleistet wird. Nicht frei von Einflüssen zwar, wie der omnipräsente, Beach Boys-reminiszente Gesang in Verbindung mit den eingängigen Melodien nahelegt, aber doch bislang unvernommen. Bereits Opener In The Flowers weiß da mit Überraschungen aufzuwarten, lässt nach langsamen Aufbau mit einer Geräuschkulisse, die an einen morgendlichen Fußmarsch durch den tropischen Regenwald erinnert, wie aus dem Nichts Synthies und wuchtige Drums hereinbrechen. Ein gelungener Einstieg, denn wie erwartet läuft auf dem mittlerweile schon achten Studioalbum der Jungs aus Baltimore ohnehin nicht viel. Am ehesten noch auf Lead-Single My Girls, das mit ungekannter Catchiness zu verspielten Keyboardklängen und dem auf Merriweather Post Pavilion schnell zum Usus heranreifenden Echo auf den Dancefloor schielt und unvergessliche Minuten bereit hält.

 

Nach diesem starken Beginn verliert das Album etwas an Konstanz, lässt auf exzellente Soundspielereien (Summertime Clothes) auch weniger fokussierte Stücke (Taste) folgen. Im Vordergrund steht dabei wie so oft bei den Amerikanern der Sound und nicht der Song. Trübt die Freude aber nicht im geringsten, ansonsten wäre das quirlige Lion In A Coma nicht einer der besten Tracks der Noughties. Ping-Pong-artige Synthesizer, dazu starke Performances von Panda Bear und Avery Tate hinter den Mikros – so einfach das Rezept, so genial die Umsetzung. Ein paar geniale Zeilen gibt's aber trotzdem: "Sometimes I don't agree with my thoughts on being free".
So vergeht die knappe Stunde voller kosmischer Töne wie im Flug, wissen die Klangspezialisten doch nur allzu geschickt mit elektronischen Hilfsmitteln und allerlei Effekten, die die unterschiedlichsten Stimmungen heraufbeschwören, umzugehen. Meistens jedenfalls. Auf Guys Eyes nähern sich Panda und Tate den Beach Boys auf fast unangenehm kurze Distanz, klingen gesanglich sogar wie die Vorbilder der Wilson-Brüder und deren Gefährten, pressen die hübschen, mehrspurigen Gesangparts aber in ein wenig ergiebiges Soundgewand und sparen auch in Sachen Poesie mit Genialität.

 

Da die - wenn auch eben nicht oft in Bezug auf besagte Poesie - über weite Strecken nicht zu kurz kommt, ist Merriweather Post Pavilion auch richtig gut geraten. Die Synthies sprudeln wie wütende Geysire, die Songs sind nicht zu schablonenhaft und die Frontmänner leisten ordentliche Arbeit. Ein wilder Ritt, auf den man sich einlassen muss. Wer das tut, wird belohnt - auch wenn die eingangs aufgezählten Werke doch eine andere Kragenweite besitzen. Und nun erlöse mich, werter Kollege!

 

M-Rating: 7.5 / 10

 


Ein 'wilder' Ritt auf einem lahmenden Gaul. Da wird aus dem Meisterwerk ein zähes Allerlei.

 

Wo der Kollege schon so angefangen hat, hier eine Feststellung - es gibt drei Kategorien großartiger Alben: Die zum Genießen und Liebhaben, die fürs Nachdenken und drin Versinken, und die zum kommentarlos Staunen und Bewundern - ein vierte und fünfte, die der lauten emotionalen Entladungen und Jam-/Ohrwurm-/Mitsing-Treffer, könnte man auch noch dazubasteln. Die Riege derer, die aber die ersten drei tatsächlich vereinen, lässt sich an höchstens zwei Händen abzählen, ist auch wegen eher zufälligen Gelingens zu vernachlässigen. Animal Collective und "Merriweather Post Pavilion" gehören ohnehin nicht dazu, die werden in ihrer erzwungenen Extravaganz nämlich vielmehr anstrengend als herausragend.

 

Irgendwie scheint da auch schon das Albumcover als optisches Wunderwerk - nur in entsprechender Größe allerdings - symptomatisch. Kurz faszinierend, wenig später naja, noch ein wenig später sorgt's für Übelkeit. Dank der vom Kollegen ordentlich herausgearbeiteten Haupttreffer My Girls und Lion In A Coma geht es mit der Musik nicht ganz so weit bergab. Die beiden veranschaulichen gekonnt, was mit den starken Stimmen des Gesangsduos, vor allem aber mit Melodie-fokussierter Musik eigentlich so alles möglich wäre. Umgeben von pulsierenden Beats und Synthiewänden gelingt zumindest dort die Vereinigung psychedelischer Anwandlungen und poppiger Eingängigkeit, die Verschmelzung gewagter musikalischer Monotonie und interessanter Soundbits wie dem Maultrommel/Didgeridoo-Gespann in Lion In A Coma.

 

So, was gibt's sonst noch? Ah ja, klar, dröhnende Mäßigkeit. Und Verwunderung. Darüber, dass sich die Sänger im Opener nach länglichem Intro von einem brachialen Elektronik-Gewirr erschlagen lassen. Darüber, dass bei der Arbeit an Also Frightened keiner draufgekommen ist, dem träge dahinmarschierenden Beat mehr als nur spärliche und wirkungslose Keyboard-Akkorde und den elendiglichen Nachhall zur Seite zu stellen. Warum muss eigentlich alles nachhallen? Ist das schon das Psychedelische am Album? Das lethargische Daily Routine legt es zumindest nahe, lässt so nebenbei Beatles-Track I'm Only Sleeping aktiv erscheinen.

Inmitten des Synthie-Gewitters, das dank irritierend kindlicher Soundpalette und gleichzeitig penetrantem wie defensivem Auftreten doch nur zum Lüfterl gereicht, lassen sich kaum noch viel mehr als melodiebefreite Ambitionsbrocken erkennen. Durchaus mit Liebe zum Detail, wie das ekstatische Finale Brother Sport eindrucksvoll beweist. Dort kommt mit zurückkehrender Energie und trotz extrem repetitiver Struktur schon noch einmal durch, wozu instrumentales Feingefühl und die musikalische Abenteuerlust fähig sind, wenn sie nicht lauwarm daherkommen. Sonst bleibt nur der Verweis auf die gekonnte Beach Boys-Imitation Bluish, die als fein inszenierte Ballade mit stark eingebauten Klavier-Parts nicht langweilig, sondern angenehm entspannend ist.

 

Mit zu vielen Songs auf "Merriweather Post Pavilion" geht es aber tendenziell in die andere Richtung. Die Ambition ist zu erkennen, doch das synthetische Ganze lässt Dynamik und Emotion vermissen. Bei Zeiten müsste man gar glauben, unfertige Soundeinfälle hätten es auf die LP geschafft und würden das geweckte Interesse nach einer Minute wegen ständiger Wiederholung auch gleich wieder einschlafen lassen. Animal Collective verlassen sich da so sehr auf ihre  musikalischen Eigenheiten, dass deren Schwächen unverdeckt zu Tage treten und Song um Song in ein mühsames Mittelmaß hinabziehen.

 

P.S.: Der tropische Regenwald kennt meines Wissens nach im Gegensatz zu In The Flowers keine dröhnenden Elektronik-Exzesse. Das muss zur Erlösung reichen!

 

K-Rating: 5.5 / 10

 

Anspiel-Tipps:

- In The Flowers

- My Girls

- Lion In A Coma