Mazzy Star - So Tonight That I Might See

 

So Tonight That I Might See

 

Mazzy Star

Veröffentlichungsdatum: 05.10.1993

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 06.12.2014


Die Stille fördert so manches zu Tage. Im Guten wie im Schlechten.

 

Es gibt ja so Leute, die haben's mit der Ruhe. Die unterhalten sich dann lieber mit sich selbst anstatt groß einen drauf zu machen und sich an einem Samstag Abend einen schönen Rausch, ein schönes Mädel oder auch nur ein paar schöne Erinnerungen - wahlweise auch alles drei - zu besorgen. Während andere davor davonlaufen und nur ja keine einsame Minute verbringen wollen, man könnte ja in ungemütlichere Tiefen in der eigenen Seelenwelt vorstoßen. Ist wohl so ein Yin & Yang-Ding. Der Dream Pop scheint sich da ganz speziell für das Yin entwickelt zu haben, vom 'thoughtful Loner' für den 'thoughtful Loner' sozusagen. Genau da stehen wir jetzt mit der zweiten LP des kalifornischen Duos und unweigerlich kommt die Frage auf: Ist es das wert?

 

Die Antwort könnte in die berühmte 'Ja, aber...'-Richtung gehen. Denn allzu viel passiert hier nicht, bei Zeiten gar so wenig, dass man schon an einen Hänger beim Plattenspieler glauben könnte. Ein gelebter Minimalismus, der zwar an der instrumentalen Front nicht an den frühen Dylan heranreicht, in seiner Natur dessen altes Akustik-Material aber als geradezu sprunghaftes Abenteuer erscheinen lässt. Eine zähe Affäre sozusagen. Die andere Seite der Medaille beschert dem Hörer hinter dieser mäßigen Fassade aber eine bei Zeiten wirklich unter die Haut gehende Mischung aus unbeschwerter Träumerei und bedrückender Melancholie. Eine schwierige Brücke, die teilweise schon in einzelnen Songs gekonnt geschlagen wird. So im größten und einzigen Hit des Duos, Fade Into You, dessen ruhiger Unterbau rund um die Akustikgitarre, dezentes Klavier und ungehetzte Percussion sowohl eine gefühlvolle Liebesbekundung, als auch subtilen Schwermut beherbergt. Gerade Letzteres ist dann aber sicher nicht der Instrumentierung, sondern zur Gänze Hope Sandovals großartiger Stimme zu verdanken, die eine mitunter beeindruckende Tiefe mitbringt und in ihrer unbeeindruckten Vorstellung kaum einmal träumerische Klänge anschlägt, stattdessen viel eher von einer depressiven Schwere gekennzeichnet ist.

 

Mit einem solch gekonnten Einstieg ist zwar das Grundgerüst beschrieben, die Pop-Single verkörpert aber kaum den Charakter der psychedelisch angehauchten Platte. Gerade die in aller Ruhe runtergespielten Blues-Riffs in Tracks wie Bells Ring oder She's My Baby verdeutlichen das. Dort wird die Sache aber auch umgehend schwieriger, verschwinden die banalen Arrangements doch schnell in einer merkwürdigen Art der Trägheit, die einem nicht wirklich missfällt, aber auch in Kombination mit den weniger griffigen Texten für verwaschene Eindrücke sorgt. Momente, die viel eher wie unbedeutende Brücken zwischen den Hochphasen der LP wirken, als dass man von individueller Stärke reden könnte. Als solche muss dann auch Wasted herhalten, das mit seinen jedem Tempo beraubten, harten Riffs an eine verlangsamte Version eines White Stripes-Tracks erinnert, lediglich mit Sandovals Stimme ein bisschen aufgepeppt wurde. Wer allerdings ein wenig Distanz aufbaut, merkt schnell, dass abseits von musikalischer Genialität ein Versinken in den zehn Songs auch hier maßgeblich ermöglicht wird, läuft doch alles auf einer Ebene ab, die einem das Verlangsamen des Tuns und Denkens nicht nur nahelegt, sondern schon quasi aufzwingt.

 

Und das wird nicht zum Nachteil, wie man andernorts hört. Das hypnotische Keyboard mitsamt den unaufdringlichen Drums in Mary Of Silence bilden beispielsweise eine Mischung, die spätestens mit den verzerrten Gitarren zu einer Demonstration der Ruhe und Zurückgelehntheit wird, durchbrochen wiederum von der nachhallenden Stimme Sandovals, die sich diesmal allerdings dem Gesamtbild einfügt. Dieser markante Psychedelic-Touch findet zwar wenig später in Blue Light eine ähnlich gelagerte Fortsetzung, es ist aber das dazwischen eingezwängte Five String Serenade, das sich auf etwas andere Art zu einem der besten Momente mausert. Das Arthur Lee-Cover wird nämlich als komplett abgespeckte Nummer, allein auf die Akustikgitarre und spärlichem Tamburin gestützt, zu einer berührenden Vorstellung, der man ihren tieferen Sinn gar nicht anmerken muss, um von Sandovals Performance beeindruckt zu sein.

Zum klaren Favoriten krönt sich aber schnell die düstere Ballade Into Dust. David Roback nimmt auch diesmal die akustische der beiden Gitarren, setzt die mit dezenten Akkorden auf bestmögliche Art ein, bildet zusammen mit den Streichern eine großartige Mischung. Auf dieser baut Sandoval perfekt auf, interpretiert die großartigen, bruchstückhaften Zeilen auf zerbrechlichste Weise.

 

Dass dieser Höhepunkt in seiner fragilen und doch direkten Art nicht gerade symptomatisch für dieses Album ist, sagt vielleicht etwas aus, zum Scheitern verurteilt ist das Duo Sandoval/Roback aber auch abseits davon keineswegs. In Wahrheit nimmt man hier sogar Anlauf auf die Hürde der Perfektion. Man muss aber eben doch der Typ dafür sein. Es ist eine schmale Grenze, die eine kontemplative, in sich gekehrte Vorstellung von einer der puren Langeweile trennt. Mit dieser teils bedrückenden, teils in psychedelische Traumwelten flüchtenden Platte wandeln die Kalifornier bei Zeiten gefährlich nah an dieser Grenze herum. Das kann schwerer wiegen, spätestens dann, wenn man sich wieder ein bisschen auf Yin & Yang besinnt. Ist man nämlich ein unablässiger Verfechter der Yang'schen aktiven Leichtlebigkeit, man wird sich hier nicht wiederfinden. Wer sich allerdings darauf einlässt und seinen eigenen verträumten Gedanken eine musikalische Bühne bereiten will, der kann mit "So Tonight That I Might See" einen neuen Favoriten gewinnen.