Mary McCaslin - Way Out West

 

Way Out West

 

Mary McCaslin

Veröffentlichungsdatum: ??.??.1973

 

Rating: 8.5 / 10

von Mathias Haden, 25.10.2017


Folk-Sängerin auf Abwegen träumt von den Geschichten des Westens.

 

Unter all den hübschen Namen, denen man unter normalen Umständen Zeit seines Lebens kein einziges Mal in irgendwelchen Bestenlisten oder sonstigen Würdigungen über den Weg laufen würde, ist Mary McCaslin vermutlich der, den ich am meisten vermissen würde. Sie erinnert auf den Platten, die das Antlitz der in Indiana geborenen US-Amerikanerin abbilden, ein wenig an Charlotte Gainsbourg, entwaffnet aber mit einer engelsgleichen Stimme im Nu jegliche skeptischen Vorurteile. Ebenso wie jener ihres gleichermaßen kongenialen wie unbekannten Partners Jim Ringer, dessen Tod sich dieses Jahr bereits zum 25. Mal jährte, ist ihr Werdegang sehr stark mit der Gründung des Folk-Labels Philo Records im Jahr 1973 verknüpft, das im selben Jahrzehnt noch so manche versteckte Perle veröffentlichen sollte. Zwar hatte McCaslin zu dieser Zeit schon ihre ersten Schritte als Künstlerin gewagt und sogar eine Debüt-LP mit ausschließlich fremden Kompositionen veröffentlicht, doch sollten die gemeinsamen Jahre mit Philo eine komplette Sängerin, Songwriterin und auch Musikerin aus ihr machen. Denn wenn McCaslin eines neben dem Singen wirklich beherrscht, dann ist es ihr filigraner Umgang mit der Gitarre, der ihr zumindest in den entsprechenden Kreisen Respekt einbrachte.

 

Im zarten Alter von sechs Jahren aus dem Süden nach Kalifornien gezogen, entwickelte die junge Dame bald entgegen dieser Entwicklung ein großes Interesse für Country- und Western-Music. Zwar ist McCaslins Oeuvre durchaus im Folk beheimatet, ihre Zuneigung für Cowboy-Songs und die Oden des Westens sollte aber auch ihre Karriere immer wieder entscheidend beeinflussen. Auf Way Out West, ihrem ersten Album für Philo, hält sich der Country-Anteil noch in Grenzen. Stattdessen dominiert das sanfte Fingerpicking McCaslins, das sich sehr schnell als einer der substanziellsten Punkte der LP herausstellen soll. Wobei die luftigen Arrangements, bestehend aus Lead und Rhythm Guitar, Mandoline, Klavier, Dobro, Bass und gelegentlichen Streichern neben McCaslins Gesang das kleinste und damit größte Spektakel der LP ist. Auf der A-Seite finden sich dreieinhalb Cover-Versionen und mit dem Titeltrack einer der ersten Songs aus der eigenen Feder, während die B-Seite durchgehend mit eigenem Material aufwartet. Dass das winzige Label Philo McCaslin mit höchstmöglicher kreativer Freiheit versah, wirkt sich ebenfalls rundum positiv aus. Die Cover-Versionen sind allesamt gelungen. Im Falle von Let It Be Me bedeutet dies gar, dass ihre Interpretation des Pop-Klassikers, an dem sich schon Everly Brothers, Dylan oder Petula Clark und "Captain Spock" Leonard Nimoy versucht hatten, dank emotionalem Gesang und der im Vergleich zu den besagten Versionen anders gelegten Betonung zur schönsten Adaption wird. Fast genauso gut ist das einleitende Strings/Oh Hollywood, mit dem McCaslin einerseits ihre Berufung als Folk-Sängerin bekundet, andererseits mit dem Song ihres Kumpels Bob Simpson einen ersten Versuch auf countryesk instrumentiertem Terrain wagt - damit die Karriere praktisch mit dem Auftakt ihres ersten waschechten Singer-Songwriter-Albums vorwegnimmt.

 

Die größten Highlights der LP finden sich schließlich auf der vom Titeltrack losgetretenen Abfolge an eigens verfassten Stücken. Thematisch orientieren sich diese bereits überwiegend an ihrer romantischen Vorstellung des Westens, ohne Pedal Steel und Banjo, dafür mit einer selten so vital gehörten Interaktion zwischen einem verspielten Piano und der führenden Gitarre, betreten Songs wie Way Out West oder das göttliche Down The Road eine Nische, in der sich sowohl Folk- wie Country-Afficionados (und hoffentlich auch Leute, die beidem generell nicht viel abgewinnen können) wohl fühlen müssten. Ob McCaslin den San Bernadino Waltz tanzt, eine Ballad Of A Wanted Man anstimmt oder zu einer sensiblen Fiddle eine Lanze für ihren Circle Of Friends bricht, alles hier ist hochmelodisch, wunderbar instrumentiert und formidabel vorgetragen. Herausgehoben sei hier auch einmal Doug McClaran, der den Songs unwiderstehlich fließende Pianomelodien zur Seite stellt, auf denen die Sängerin leichtfüßig davon schwebt.
Ist man auf der Suche nach offensichtlichen Schwachstellen, wird man auf Way Out West nicht unbedingt fündig werden. Klar, romantische Western-Balladen sind genau so wenig jedermanns Sache wie avantgardistisches Gedröhne oder Prog-Epen in vierzehn verschiedenen Tempi, in Sachen Songwriting, Musikalität und Gesang ist Mary McCaslin aber mit ihrem ersten richtigen Album als Singer-Songwriter der übermächtigen Konkurrenz der frühen 70er mindestens ebenbürtig. Wer Rosinen finden will, wird sie am ehesten noch auf den beiden soliden, aber nicht prunkhaften Cover-Versionen von Waiting oder dem Randy Newman-Klassiker Living Without You finden, so wie sich andere an der Länge vom astreinen Closer Young Westley stören können.

 

Im Jahr, in dem die Eagles weiter auf der Überholspur zur größten amerikanischen Band waren, Gram Parsons ein wunderbarer Neuanfang gelang und man auf der anderen Seite des Atlantiks Alben von Pink Floyd, The Who und Paul McCartneys Wings frenetisch feierte, machte sich unbemerkt eine Sängerin auf, von Kalifornien aus in den Westen vorzudringen. Way Out West lebt ihre malerische Vorstellung in vollen Zügen, haftet vorerst allerdings fest auf folkig arrangiertem Boden. Damit schafft McCaslin nicht nur einen unbemerkten Meilenstein als Hybrid aus Folk und Country, sondern ein sehr persönliches, warmes Album, das in längst vergessene Tage entführt, gleichzeitig in die Zukunft blickt und einen Vorgeschmack dessen gibt, was die Künstlerin musikalisch und thematisch nur wenig später in Angriff nehmen sollte: die vollständige Erschließung des Westens.

 

Anspiel-Tipps:

- Let It Be Me

- Way Out West

- Down The Road

- Circle Of Friends