Maroon 5 - Red Pill Blues

 

Red Pill Blues

 

Maroon 5

Veröffentlichungsdatum: 03.11.2017

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 17.05.2018


Less unnerving, more lifeless. R&B von der Stange ist ein Wandel zum Besseren, nicht zum Guten.

 

Im Sport kennt man das Phänomen seit vielen Jahrzehnten, in der Wirtschaft überhaupt seit Jahrhunderten, in der Weltpolitik ist sie ein selten erlebtes, aber fast immer im Nachhinein erkennbares Phänomen: Das immerwährende Auf und Ab, das Erwartungshaltungen auf magische Art und Weise radikal schwanken lässt. Nur so lässt sich erklären, dass laut Analysten die größten Wirtschaftskrisen dann in einen Aufschwung münden, wenn die Leute zumindest daran denken, Zeug zu kaufen und vielleicht gar Geld anzulegen. Das ist per definitionem kein großartiger Zustand, es ist nur nicht der schlimmstmögliche. Das kann Anlass zur Hoffnung geben, wobei man dafür echt am Sand und in armseliger Verfassung sein muss. Das ist ähnlich wie Fans eines Traditionsklubs, die Aufbruchsstimmung verspüren, wenn nach der traditionsbewussten Insolvenz wenigstens wieder ein Fußballspiel stattfindet. Und es ist ein bisschen wie bei Bands, die qualitativ in tiefste Tiefen verschwinden und damit jede Durchschnittlichkeit wie ein musikalisches Erwachen wirken lassen. Ich behaupte einmal, dass das nicht das Ziel von Maroon 5 war, obwohl "V" eine sehr überzeugende tiefste Tiefe dargestellt hat. Allen Ambitionen zum Trotz reicht es auch danach nicht zu mehr als einem simplen Rettungsring in Albumform mit direktem Draht zu allem Charttauglichen.

 

Nun ist die Charttauglichkeit eine Art verquerer Trumpf von Adam Levine und denen, die er Mitstreiter nennen darf, die aber Phasenweise eher wie Mitläufer wirken. Das haben mit Hits am Fließband gesegnete Pop-Bands auch meistens so an sich, dass sich womöglich irgendwann hörbare Eigenheiten verlieren, dass man sich einer gewissen Gewöhnlichkeit annähert und dass üblicherweise früher als später eine Trendumkehr einsetzt vom Trendsetter hin zum Nachläufer herrschender Stilrichtungen. Insofern ist die Geschichte hinter Maroon 5 weder eine dramatische, noch eine einzigartige und auch keine, die wahnsinnig viel Häme verdient hätte. Und es liegt auch nicht an schwammigen Begrifflichkeiten wie Credibility oder Ausverkauf, dass irgendwann Schluss war mit der Verträglichkeit der Musik. Sie ist nur so aufdringlich, so elektronisch überladen und so dermaßen von einer Mischung aus stimmlichem Pseudo-Sex-Appeal und textlicher Durchsichtigkeit erdrückt worden, dass kein Licht am Ende des Tunnels mehr in Sicht war. "Red Pill Blues" ändert das ein bisschen, indem man sich von Synth-Betonwänden verabschiedet, die elektronische Manipulation von Gesang und Drums zurückschraubt und eine irgendwann einmal gültige Inspiration durch R&B wiederzubeleben versucht.

 

Jetzt gelingt das irgendwie, zumindest kann man diese Bausteine alle erkennen und schon im Opener Best 4 U am entsprechenden Platz finden. Aber abgesehen davon, dass sich der Songtitel einreiht in die vom Albumcover und dem ersten Musikvideo zur LP angeführten Liste schmerzhaft verkrampfter Annäherung an vermeintliche Zeichen trendiger Jugendlichkeit, bleibt ein fader Beigeschmack. Und das tatsächlich im Sinne des Wortes Fadesse. Die LP als Ganzes und auch ihre Eröffnung wirken zu oft wie die generischste vorstellbare Zusammenstellung aktueller Musikströmungen. Solche Gemenge aus bewusst zahmem Tropical House und/oder schleppenden, dahinpochenden Hip-Hop-Beats, R&B und Überbleibseln des Dance aus vergangenen Jahrzehnten haben Hochkonjunktur und bergen die Gefahr dauerhafter Leblosigkeit. Und Maroon 5 wirken leblos, selbst der sonst in einer nicht zu kurierenden Tendenz an gesanglicher Überakzentuierung und Emotionalisierung ertrinkende Adam Levine scheint meistens in einer professionellen Langeweile gefangen zu sein. Die ist nicht per se abstoßend, immerhin ist er ein guter Sänger und klingt so eigentlich weniger daneben als auf den beiden vorherigen Alben. Aber da springt kein Funke über und es steckt ungefähr so viel Gefühl in den Tracks wie in der letzten iPhone-Werbung.

 

Insgesamt ist das gleichermaßen erholsam, weil unerwartet zurückhaltend, und lähmend. Herzschmerzballaden wie Lips On You verpuffen in einem drittklassigen Soundabklatsch von The xx, der ohne produktionstechnische Finessen oder atmosphärische Kraft auskommen muss. Gewollte Ohrwürmer wie Who I Am reiten dagegen ihre ohnehin mäßige Hook zu Tode und sind dank der ungelenken Mischung aus unbeholfen tänzelndem Gesang und Gastrap von Lunchmoney Lewis oder an anderer Stelle A$AP Rocky weit weniger eingängig, als man es sich von leichter Popkost erwarten würde.

Das Gros der Tracks ist dementsprechend gefangen in einem engen Korridor zwischen passablem Pop-Handwerk, wie es das immerhin von dezentem Akustik-Gezupfe akzentuierte Bet On You ist - da stört nicht einmal die computergenerierte, ins Unkenntliche transportierte Mehrstimmigkeit - oder schläfriger, emotionsloser Emotionalität wie der von Girls Like You. So etwas kann man nur Substanzmangel nennen und der ist in dieser Größenordnung auch für ein klassisches Popalbum mit direktester Stoßrichtung zur Chartspitze nicht zu verteidigen.

 

Weswegen immerhin drei Songs den Cut geschafft haben, die das auch wirklich verdienen. Zwei davon verdanken ihre Vitalität hauptsächlich dem Umstand, dass man es geschafft hat, Duettpartner für Adam Levine zu finden, die tatsächlich mit ihm harmonieren. Das war bisher ein Ding der Unmöglichkeit. What Lovers Do holt die gefeierte R&B-Maid SZA an Bord, deren musikalischer Background irgendwo zwischen Mary J. Blige und Amy Winehouse für einen gleichermaßen melodisch-sanften und rauchig-tiefen Auftritt sorgt. Dass sich das mit dem an Justin Biebers letzte LP erinnernden Tropical House verträgt, liegt nicht unbedingt auf der Hand, ist aber auf alle Fälle so. Das lebhaftere, mit dem letzten verfügbaren Hauch an Funk angefütterte Help Me Out brüstet sich dagegen mit Julia Michaels' Stimme in der Tradition von Christina Aguilera, umrahmt das noch dazu mit einer Hook, die eingängig und doch nicht zu einfallslos daherkommt. Losgelöst von all dem existiert allerdings der Closer Closure, der sich als elfeinhalbminütiges Epos ausbreitet und immer länger wird, dabei aber eine komplett unerwartete und eindrucksvoll frische Rückbesinnung auf ein organischeres Ganzes bedeutet. Ob es dafür die elektronischen Claps als Antreiber gebraucht hätte, ist zwar fraglich. Der dahinstolpernde Beat überlebt aber überraschend lange, was vor allem mit der trockenen, doch wieder einmal mit Funk beladenen Performance an der Gitarre und dem ähnlich gelagerten Retro-Keyboard-Auftritt zu tun hat.

 

So etwas ist mehr als ein Lebenszeichen, es könnte viel eher eine positive Entwicklung in der Zukunft andeuten. Eine solche hätte wahrscheinlich schon "Red Pill Blues" darstellen sollen und faktisch ist sie das auch, nur ist es keine gute. Die LP ist in ihrer Gesamtheit arm an Ideen und interessanten Passagen, wirkt berechenbar und emotionslos. Plakativ formuliert, ist es ein Haufen von Radiosongs, wenn auch vielleicht gar nicht mit der Intention gemacht. Als solches ist das Album verdammt dazu, alsbald veraltet zu klingen. Schlimmer aber ist die Tatsache, dass es jetzt schon extrem blass daherkommt und nur selten eine Band verkörpert, die noch etwas abseits des enger werdenden Pop-Korsetts zu bieten haben könnte. Ein überlanger Closer kann einen da nicht ganz vom Gegenteil überzeugen und radiert auch nicht das biedere Mittelmaß aus, das viele andere Songs ausstrahlen.

 

Anspiel-Tipps:

What Lovers Do

Help Me Out

- Closure