Maroon 5 - V

 

V

 

Maroon 5

Veröffentlichungsdatum: 29.08.2014

 

Rating: 2 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 14.03.2015


Das Wort 'Debakel' fängt nur äußerst unzulänglich ein, was der Synth-Pop aus dieser Band mittlerweile gemacht hat.

 

Den Beginn rund um die Cojones, die es braucht, sich für Maroon 5 als lohnenden Beitrag zur Musikgeschichte auszusprechen, kann sich jeder bitte jetzt mal selbst denken. Irgendwann wird's doch fad, immer wieder darauf herumzuhacken. Ja, heuchlerischer Pop. Was? Das kann man mögen auch?

Viel wichtiger scheint es, kurz zu umreißen, was denn die Kalifornier ins Jahr 2014 geführt hat. Ein bisschen Funk, ein bisschen Soul, ein bisschen Eunuchenstimmchen war ja anno dazumal alles, was es für ein gutes Album gebraucht hat. Dass man sich mit dem neuen Jahrzehnt dafür entschieden hat, sich endgültig nur mehr ins Korsett der Party-Popper und Schnulzen-Produzenten hineinzuzwängen, ist eine andere Geschichte. Die hat dazu geführt, dass man schon mit Vorgänger "Overexposed" abgestürzt ist, wie es den 'Saturday Night Fever'-Minderbehirnten von ATV selbst in ihren schlimmsten Tagen nicht passiert ist. Es geht nicht tiefer? Wartet's ab!

 

Der erste Eindruck trügt nämlich mit Sicherheit nicht immer. Und der heißt ja, wie alle tagtäglichen Ö3-Konsumenten sicher zur Genüge wissen, Maps. Was dort präsentiert wird, ist nur symptomatisch für ein an der Oberfläche etwas verlorenes Pop-Zeitalter. Denn die Größen des Genres - und ob man will oder nicht, man muss Maroon 5 dazuzählen - haben alle von denselben Leuten gelernt. Was dazu führt, dass Musiker wie Usher, Kanye West oder Timbaland in Wahrheit verbrannte Erde hinterlassen haben, auf der sich schwer viel Verschiedenes anbauen lässt. Auch Maroon 5 wissen um erfolgreiche Produktionstechniken, deswegen sind Claps allgegenwärtig, Adam Levine gibt's mittlerweile in gefühlten 25 übereinandergelegten und ordentlich auto-getunten Tonspuren und alles, was Pop-Rock sein könnte, wird vorsichtshalber hinter all das gestellt, was aus dem Computer kommt. Soweit nichts Neues, deswegen kaum überraschend, dass die Singles auch hier so ausschauen. Im Falle von Maps gelingt das sogar irgendwie. Denn was bleibt, ist Levines ewiges Charakterorgan, die trotz Versteckspiels ganz ordentliche Arbeit an der Gitarre und die obligatorisch eingängige Gesangsmelodie.

 

Dass das genügt, ist nicht Zeugnis eines begnadet schlechten Reviewers, sondern einer begnadet schlechten Platte. In der Folge erschlägt sich die Band nämlich selbst mit so ziemlich allen Keulen, die sie in die Hände bekommt. Drummer Matt Flynn ist mittlerweile endgültig Zuschauer, muss sich allzu oft die trägsten Elektronik-Beats vorsetzen lassen, die man sich vorstellen kann. Vor diesem Hintergrund haben es die ohnehin billigen Synthesizer in all ihrer Hülle und Fülle auch gleich schwieriger irgendwann irgendwie zu überzeugen. Überhaupt ist das Talent der Band für diese computergesteuerte Version ihrer Musik überschaubar. Die früher so anziehenden Up-Beat-Tracks werden da schnell zu so etwas wie Animals. Fad wäre untertrieben, denn der banale und veraltete Beat steht zwar oft ziemlich allein da, mutiert aber dank der grässlichen Produktion und der bedenklich schlechten Versuche, die Leere dazwischen mit Gitarre und Synthies auszufüllen, schnell zum schwierigen Kaliber. Den endgültigen Todesstoß bekommt der Song aber vom Meister selbst, der sich seine Stimme bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter hochdrehen lässt und so schlussendlich die Schallmauer zum Helium-Gesang überschreitet. Schon schlimm, wenn das das nachhaltigste Merkmal eines ganzes Albums sein sollte.

 

Überhaupt ist die Wandlung von Maroon 5 zur Adam-Levine-Show der große Sargnagel. In ihrer elektronischen Seelenlosigkeit verkommen die ohnehin oft nur Bandfreunden zugänglichen Balladen diesmal zum reinen Kitsch und musikalischem Müll. Aus dem anfangs unerwartet dezenten und stark gesungen It Was Always You wird urplötzlich ein brachialer Dancefloor-Track, der die Ohren im Übermaß beansprucht. 08/15-Nummer Coming Back For You könnte mit seinem sonnig-jangligen Sound auch vom letzten Hinterbänkler des New Wave kommen, hat außer den Gitarrenparts nichts, was im Entferntesten gut gemacht wirkt. Und der Mensch, der die Synthie-Wände von Unkiss Me in Verbindung mit dem vordergründigen Quietsche-Stimmchen emotional findet, der muss noch erfunden werden. Nur bezeichnend, dass man glaubt, die viel zu laute Piano-Nummer My Heart Is Open zum Ende hin noch mit Gwen Stefani zustopfen zu müssen, um der miserablen Historie von Gastauftritten auf Alben der Band ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

 

Genau darauf hinzuhauen, könnte man als ungerecht abstempeln. Denn wenn diese Band etwas kann, dann ihre Mischung aus halbgarer textlicher Ehrlichkeit und infiniter Radiotauglichkeit in Up-Tempo-Tracks gewinnbringend zur Geltung zu bringen. Maps schaffte ebendas. Die Hoffnung darauf, dass man dahingehend zum Wiederholungstäter wird, bestätigt sich aber kaum. Besser ist diese Seite der Band trotzdem immer noch. Das Duo aus Sugar und Feelings besticht zwar gesanglich durch nahende Unerträglichkeit, macht sich aber trotz Pseudo-Sexappeal als Sommerhit bzw. dynamischer Disco-Hammer nicht so schlecht. Dort kommt, wie man so schlecht sagt, Leben in die Bude. Und das ist dann wirklich fast das Einzige, worauf sich die Band bei diesem Album berufen könnte. Dass es nur FAST das Einzige ist, dafür sorgt das aus heiterem Himmel auftauchende In Your Pocket. Dort passt wohl eher zufällig wieder viel nach altem Muster zusammen. Mit lässigem Beat schwadroniert Levine ein bisschen über die Eifersüchteleien in der Beziehung, macht das dank Wut im Gepäck und tatsächlich der Stimmung angepasster musikalischer Unterstützung aber weit erfolgreicher als alles andere. Das Ergebnis ist ein Ohrwurm, der sogar so etwas wie Inhalt präsentieren kann und sich auch dank des tieferen Gesangs mehr als angenehm hören lässt.

 

Aber um es mal so auszudrücken: Wenn an der kaputten Lichterkette am Christbaum noch fünf Lamperl brennen, ist das auch kein Grund, ihr zuzujubeln. Die Band ist einfach am Sand, komplett. Vielleicht weil man 'mit der Zeit gegangen ist', vielleicht weil man einen Frontmann mit 'Das Team bin ich'- Einstellung hat oder auch nur, weil Moves Like Jagger ihnen ein falsches Bild davon gegeben hat, wo für sie die Zukunft liegt. Wo auch immer die tiefen Wurzeln zu finden sind, das Endergebnis "V" ist musikalisch irgendwo zwischen Armutszeugnis und Verbrechen angesiedelt und dank der grässlichen Entscheidung bezüglich Sound sowie Produktion bei Zeiten wirklich nicht zumutbar.

 

Anspiel-Tipps:

- Maps

- In Your Pocket