Lindsay Lohan - Speak

 

Speak

 

Lindsay Lohan

Veröffentlichungsdatum: 07.12.2004

 

Rating: 1.5 / 10

von Mathias Haden, 19.07.2017


Schauspielerin (18) sucht bequeme Einnahmequelle, bietet musikalisches Essiggurkerl.

 

Wann auch immer über die miesesten LPs des aktuellen Jahrtausends diskutiert wird, sind die Namen von ein paar Pappenheimern nicht weit weg. Federline, Crazy Frog, Brokencyde - alle bei uns auch entsprechend verrissen - aber auch Snap-Vorreiter Soulja Boy, die Simpson-Schwestern oder sämtliche im Film und anderen Gewerben Tätigen, die glauben ein Album aufnehmen zu müssen. Die Leidtragenden sind in der Regel die Fans, die für diesen Mumpitz auch noch zahlen müssen, sofern sie nicht ohnehin schon auf praktische Plattformen ausgewichen sind. In der Natur der Sache liegt es auch, dass gerade im Bezug auf letztere Kategorie der meist unmusikalischen Mitnascher auch der Name Lindsay Lohan auf der Zunge liegen müsste. Die ist allerdings, vermutlich aus dem simplen Grund, dass ihre nicht selten traurig schlechten Darbietungen auf der Leinwand genug Gesprächsstoff bieten, mit ihren Ausflügen ins Musikgeschäft relativ glimpflich davon gekommen. Das ändert allerdings nichts daran, dass gerade Debüt Speak aus dem Jahr 2004 ordentlich Grütze ist.

 

Erster Indikator dafür ist bereits, dass Allmusic-Mogul Erlewine einem Teen-Dance-Pop-Album tatsächlich einmal weniger als viereinhalb Sterne gibt, was entweder nahelegt, dass die 18-jährige Lohan erwachsener zu Werke geht als vom Experten erhofft, oder dass der einstige Disney-Star, so wie von mir vermutet, kein bisschen Musikalität an den Tag legt. Es gibt zwar noch einige weitere Indikatoren, die eine künstlerische Gurke suggerieren, wie das unfassbar hässliche Artwork oder der bloße Gedanke an all das, wofür die Schauspielerin gerade in ihren frühen Jahren gestanden war, lassen wir Speak aber lieber selbst für sich speaken, äh, sprechen. Zwei Welten prallen hier, wie seinerzeit in "Freaky Friday", aufeinander, der wilde Rock 'n' Roll-Wolf im Dance-Pop-Schafspelz und diese pathetischen Balladen, die eigentlich immer, in der letzten Dekade aber besonders penetrant aus dem Boden zu sprießen schienen. Was dabei sehr bald, eigentlich viel zu bald ersichtlich wird: diese Frau kann nicht singen, trifft praktisch keinen Ton. Man könnte meinen, gerade dann würden ihr die rockigeren Stücke mehr liegen, bei denen Lohans kümmerliches Organ hinter einer Horde breitbeiniger, aber hilfsbereiter Gastmusiker versteckt ist und nicht direkt an der Front agiert. Mit der zur selben Zeit endgültig zum Superstar heranreifenden Avril Lavigne als offensichtlicher Quelle der Inspiration singt Lohan zu generischen Riffs (First), tanzbaren Disco-Beats (To Know Your Name), billigen Streichern (Very Last Moment In Life) und schwülstig kitschigen Klaviertupfern über Herzschmerz, Teenie-Frust und die brodelnde Gerüchteküche.

 

Lohans Pech ist allerdings, dass die technischen Möglichkeiten, die eigene Stimme in alle Richtungen zu schrauben und verfremden, mit dem sich unser aller Freund Tom DeLonge noch einen unrühmlichen Namen machen sollte, anno 2004 scheinbar noch nicht ausgereift waren oder zumindest noch nicht bis zu dem Punkt, ihr vollkommen austauschbarer, gelegentlich lasziv rauchiger Gesang aus dem Morast der Unmusikalität zu bugsieren. Daran ändert auch die insgesamt gar nicht so billige Produktion, die das Album phasenweise sogar ganz gut über Wasser hält, nichts. Vor allem nicht dann, wenn Lohan in Magnet mit all dem jongliert, was sie in der Schule gelernt hat:

 

"Is it gravity, chemistry, physically pullin me
What could it be boy
'Cause I'm so drawn to you
Like a fool
I keep coming back, it's true
I can't stand it
You're like a magnet"

 

Ganz gut nur, dass Speak zumindest zwei Nummern im Repertoire hat, die es vorm absoluten Super-GAU bewahren. Einerseits die abschließende Lead-Single Rumors, die mit wuchtigem Beat und fernöstlichen Einflüssen punktet, die über seine sture Club-Affinität und triviale Zeilen über den Verdruss mit dem eigenen Ruhm ("I've gotta say respectfully / I would like it if you take the cameras off of me / 'Cause I just want a little room to breathe / Can you please respect my privacy"), die man der nicht gerade als introvertiert bekannten Lohan aber selbstverständlich abnimmt, einigermaßen hinwegtäuschen. Der andere und weit bessere ist Over, der mit seiner herrlich eingängigen Hook und seinem unaufdringlichen Pop-Rock-Arrangement auch bei besagter Lavigne auf Let Go oder The Best Damn Thing nicht augenscheinlich negativ aufgefallen wäre - ganz abgesehen davon, dass Lohans rauchiger Gesang hier tatsächlich einmal passend inszeniert wirkt und sogar mit Emotion im Schlepptau anrückt.

 

Letztlich natürlich nur ein schwacher Trost, diese eineinhalb brauchbaren Tracks, für all jene, die sich Lindsay Lohans Debüt nicht nur Geld, sondern auch ungeteilte Aufmerksamkeit haben kosten lassen und klarerweise auch für mich. Denn Speak ist tatsächlich viel eher ein künstlerisches Essiggurkerl, denn eine vollwertige Gurke. Teen-Pop-Rock der austauschbarsten und langweiligsten, gleichbedeutend damit übelsten Marke. Die Produktion ist okay, kann bei einer unbeholfenen Schauspielerin ohne Talent und auf der Suche nach einer bequemen zusätzlichen Einnahmequelle aber nicht viel rausholen. Fragen bleiben am Ende des Tages zwar keine offen, weil nie welche gestellt wurden, aber zumindest die Erkenntnis übrig, dass der Film "Mean Girls" abgesehen von Robert Altmans finalem "A Prairie Home Companion" das beste bleiben wird, an dem Lohan je beteiligt war. Und natürlich das schlechte Gewissen, weil sich Speak trotz beinahe identem Niveau hinter den Nickelback-LPs platziert. Bei dem peinlichen Albumcover dann aber doch mehr als verdient.

 

Anspiel-Tipps:

Over

Rumors