Lana Del Rey - Ultraviolence

 

Ultraviolence

 

Lana Del Rey

Veröffentlichungsdatum: 13.06.2014

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden, 19.12.2014


Auch ohne große Hits funktioniert die Kunstfigur und Königin des 'Retro-Melancholie-Pop' auf Albumlänge.

 

2014 is dead, long live 2015! Ein Jahr mit vielen positiven Überraschungen ist nun also offiziell passé. Eines, dem vorwiegend längst etablierte Künstler, aber mitunter auch aufstrebende Greenhorns ihren Stempel aufdrücken und zusammen doch für eine überaus gelungene Ausbeute sorgen konnten. Grund genug jedenfalls, um noch einmal kurz in der näheren Vergangenheit der letzten zwölf Monate zu schwelgen. Genau genommen bringt uns diese Reise zurück in den Juni, als neben einem Sommer, der seinem Namen wieder einmal nicht gerecht werden konnte, der Fokus besonders auf der Fußballweltmeisterschaft lag.

Nebenbei bemerkt feiern wir auf MusicManiac ja auch unseren ersten Geburtstag, da kann man schon mal ein besonderes Album aus dem Hut zaubern. Aus der Schnittmenge zwischen Summer of '14 und lieblichen Tönen ergibt sich jedenfalls eine ganz bezaubernde Lady, die schon mit ihrer ersten 7" die eigene Gunst erobern konnte.

Die Rede ist freilich von Lana Del Rey, das heute rezensierte Stück ihr drittes Album Ultraviolence. Wenn ich übrigens von 'etablierten' Künstlern spreche, beziehe ich diese Lolita mit ein, die schon am Vorgänger Born To Die ihren Sinn für Ästhetik und Melodramatik beweisen konnte, während die dicke Produktion mit Hip-Hop Beats und Streichern viel dazu beitragen konnte. Bereits auf diesem Album lagen unliebsame Begriffe wie 'Retro' zum Greifen nahe, dieses Mal geht die junge Spätstarterin noch einen Schritt weiter.

 

Das Ergebnis ist ein urban angehauchtes Neo-Noir-Dream-Pop-Album, dem der Hip-Hop-Einfluss und die prägnanten Synthie- und Streichereinsätze entzogen, dezente Gitarren beigefügt wurden. Diese Entschlackung liegt in erster Linie wohl an Dan Auerbach, dem Produzenten der Black Keys, den sich Elizabeth Woolridge Grant (ihr bürgerlicher Name) angelacht hat. Ansonsten ist Ultraviolence aber ganz allein ihr Triumphzug, denn sie spielt ihre Karten geschickt aus. Bereits der Opener Cruel World legt diese offen auf den Tisch, dient als Blaupause für die folgenden 50 Minuten; Del Rey singt in ihrer einmalig melancholischen Tonart, während im Hintergrund ein hallend atmosphärisches Klanggewitter aufzieht. Dazu gesellt sich das bedrückende Songwriting, das im Gegensatz zum Vorgänger noch etwas präziser auf den Sound abgestimmt ist und LP#3 im Albumkontext eine gewisse Homogenität verleiht. Viel interessanter ist allerdings, mit welcher Souveränität sich die Protagonistin durch die Tracks trällert, wie sie mit der träumerischen Melancholie dieser verschmilzt und transzendent durch erfreulich kurzweilige - was bei Längen bis zu 6:40 durchaus nicht selbstverständlich ist - Minuten schwebt. Auf Shades Of Cool ruft sie ihr gesangliches Potenzial dermaßen ab, dass man sich schon wundern darf, ob es im Pop derzeit überhaupt Konkurrenz gibt; Adele jedenfalls nicht. Wenig überraschend allerdings, dass sich die Singles auf Ultraviolence nicht mehr so verkaufen ließen, wie noch zuvor. Das liegt daran, dass keiner der elf Tracks so richtig Verkaufstauglichkeit beweisen mag, mit seinen unzugänglichen Längen und dem im Vergleich zum Vorgänger doch abgespeckten Sound, der den gemeinen Durchschnittshörer überfordern könnte. Am ehesten gelingt der Versuch der Massenkompatibilität noch auf West Coast, das mit seinen Tempowechseln auch nicht gerade einfachste Kost darstellt. Gerade der Einstieg mit seinen grandiosen Drums und seinem unheilvollen Vibe geht unter die Haut, büßt durch das wechselhafte Tempo leider ein wenig von seiner Genialität ein, ohne aber in einer Sekunde nicht zu glänzen. Auch der Titeltrack ist nicht minder genial, spielt er neben herrlich sphärischen Klängen auch die neue Selbstverständlichkeit der Sängerin für bittersüße Texte aus ("I can hear sirens, sirens / He hit me and it felt like a kiss / I can hear violins, violins / Give me all of that ultraviolence")

 

Lediglich einmal gerät der Motor kurz ins Stocken, wenn auch in harmlosem Maße. Weder das thematisch uninteressante Money Power Glory, immerhin mit starkem Gitarrenausbruch im Mittelteil versehen, noch das darauffolgende, fraglich autobiographische Fucked My Way Up To The Top bringen die Spannung der vorherigen Tracks zur Gänze auf die inszenierte Leinwand. Überhaupt lässt sich auf der zweiten Hälfte ein leichter Abwärtstrend erkennen, was allerdings vorwiegend dem exzellenten Songmaterial der ersten Tracks geschuldet ist. Dafür trifft die Chanteuse mit Old Money, auf dem sich Lana plötzlich wieder von einem Orchester unterstützt sieht und Closer The Other Woman - dem einzigen Cover - noch einmal ins Schwarze, beweist abschießend erneut ihr Talent für die Expression von Gefühlen wie Sehnsucht und Leidenschaft, umgarnt von der angeeigneten, wenn nicht ohnehin schon charakteristischen, lasziven Melancholie in der Stimme.

 

Lana Del Rey ist die Königin des Retro-Melancholie-Pop. Kein anderer Künstler im Rampenlicht des Mainstreams vermag es, 50s-Charme und moderne Mondänität einer selbstbewussten Diva zu vereinen, kein anderer ist überhaupt versucht, in diese Richtung zu gehen. Im Gegensatz zu Born To Die gibt es hier keine richtigen Hits wie Video Games oder Summertime Sadness, dafür punktet der dritte Longplayer mit einer von ihr ungekannten Konstanz. Der 'neue' (bitte auf die Anführungszeichen achten) Sound ist trotz seiner nostalgischen Reminiszenzen erfrischend, die 50 Minütchen fließen geschmeidig dahin, ohne zu langweilen. Letztlich würde mich allerdings auch interessieren, wie sich das Album in karger instrumentierten Arrangements anhören würde.

Die Kunstfigur Lana Del Rey funktioniert also nach wie vor bestens, auch wenn man sich irgendwann die Frage stellen muss, wie weit das gehen kann. Ihr Bewegungsradius wirkt stark limitiert, auch wenn sie in dem was sie tut zweifelsfrei einmalig begnadet scheint. Außerdem klingt die nicht mal Dreißigjährige jetzt bereits, als hätte sie mit dem Leben längst abgeschlossen. Wie auch immer: Solang sie uns Alben der Güte Ultraviolence um die Ohren haut, darf Miss Grant gerne noch weiter auf die Tränendrüse drücken. Down on the West Coast, they got a sayin'