Lana Del Rey - Born To Die

 

Born To Die

 

Lana Del Rey

Veröffentlichungsdatum: 27.01.2012

 

Rating: 4 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 22.04.2016


Nerv nicht. Eine Bestandsaufnahme poppiger Gegenwart.

 

Lässt man eine gewisse Vereinfachung des derzeitigen Wesens der Pop-Welt zu, könnte man den noch relativ kurzen Werdegang von Lana Del Rey als recht symptomatisch für die modernen Tage des Genres erachten. Das soll noch gar keine Aussage zur Qualität ihrer Musik sein, es geht um ganz andere Dinge. Nämlich um eine Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit der Trends und Aktualitäten, die nicht nur relativ neu, sondern auch mitunter bedenklich erscheint. Ein Trugschluss vielleicht, immerhin ist der Blick auf die kurzlebigen Stars des Pop ein ungleich schwieriger, nimmt man sich vergangene Jahrzehnte vor. In der Retrospektive gehen sie ja gerne unter, insbesondere dann, wenn sie von Legenden erdrückt werden. Und immerhin haben selbst Kritikerlieblinge wie die Kinks erleben dürfen, wie das ist, wenn sich nach einer Handvoll Hits keiner mehr für einen interessiert.

Während solche Werdegänge heute viel besser dokumentiert werden, wirken sie dank der modernen, vielfältigen Möglichkeiten auch umso merkwürdiger. Man möchte meinen, sich oben zu halten wäre trotz einem Mehr an Konkurrenz leichter, wenn man eh immer und überall zu hören und zu sehen ist. Die letzten Jahre sagen anderes, die Liste derer, die sich mit wenigen Charterfolgen zum Star aufschwingen konnten, um gleich wieder weg zu sein, ist alles andere als kurz. Selbst der fast zur neuen Pop-Queen geadelten Lady Gaga geht trotz Alben an der Chartspitze schön langsam die Luft aus, könnte man meinen. Warum sollte es da Lana Del Rey anders gehen, auch wenn sie sich mit "Born To Die" kurzzeitig in viele Herzen geraunzt hat?

 

Nein, ihr scheint das Schicksal nicht erspart zu bleiben. Die Analyse dessen am Beispiel des so erfolgreichen Breaktrough-Albums ist gleichzeitig einfach und kompliziert. Denn mit ihrem Sound entspricht sie dem One Trick Pony mehr als die meisten anderen, zeigt sich langfristig veränderungsresistent, sieht man von Feinjustierungen ab. So weit, so gut, so simplifizierend. Auf der anderen Seite steht nämlich, dass Del Rey 2012 in einem Hype aufgegangen und nur wenig später durch ihn und in ihm wieder untergegangen ist. Sleeper-Hit Video Games hat sie mit ihrem pseudo-lasziven Charme zum Must-Have nicht weniger gemacht, Radiostationen weltweit ganz vorne dabei. Fast schon geeignet zum Lehrbeispiel, wie man in diesem kurzlebigen Jubel über die Qualitäten ihrer monotonen und doch unweigerlich anziehenden Stimme komplett ihre Schwächen ignoriert, sie vielleicht gar nicht erst erkannt hat. Die Revival-Maschinerie hatte da wieder einmal ihren Moment, zelebriert in Form des Lolita-Wesens der Kunstfigur, der Oberflächlichkeit längst vergangener Tage, die sie verkörpert, und eines musikalischen Unterbaus, der die 50er und 60er mit klanglicher Moderne zu verbinden sucht. Was gerade das so wohlinszenierte Spektakel von Video Games dafür geleistet hat, ist offensichtlich. Mitnichten ein Meisterwerk, doch im glattpolierten, zaghaften Arrangement rund um die Streicher und Del Reys beeindruckend unbeeindruckter Performance liegt eine hypnotische Kraft, die einen gegen alle Widerstände nicht kalt lässt. Verdeckt hat man damit trotzdem den einen Kernpunkt, der sie mehr als viele andere auszeichnet, sie aber auch so symptomatisch für Vieles der letzten Jahre macht: Eine Aura, so eiskalt wie die Arktis, so emotionslos und steril wie das übliche Design von Apple-Produkten, so synthetisch kantig und doch profillos.

 

Ein tödliches Konzept, könnte man glauben. Nichtsdestotrotz ist es nicht zum Scheitern verurteilt. Zumindest Blue Jeans gelingt die Symbiose aus Alt und Neu, aus Hip-Hop-Einflüssen, kargem Beat und fast baroquem Kitsch, der für pompös-cineastische Anflüge sorgt. Es ist eine formlose Geschichte, aber eine, der es nicht an Dynamik oder Charakter mangelt, sei er auch noch so aufgesetzt. Del Rey selbst belegt zwar eindrucksvoll ihre stimmlichen Limits, gesteht sich in der zweiten Hälfte allerdings eine wohldosierte Aktivität und Rhythmik zu, die sie an anderer Stelle kaum andenkt. Auch bei Dark Paradise kommt ihr so ein singulärer Gedanke. Nämlich der, ihre angeblich so triste und fast todessehnsüchtige Sicht auf ihr Leben und die Männer darin mit Emotionen zu unterfüttern. Die Maske fällt wohl auch dort nicht, das Schauspielerische ist ihr zu nahe. Doch auch eine pure Verkörperung kann Wirkung zeigen, hier tut sie es. In Del Reys Hauchen lässt sich Verzweiflung erkennen, genauso wie man die positiven Gefühle erkennen kann, die dem zu Grunde liegen. Dass das im Hintergrund musikalisch zum Glitzern und Funkeln gebracht werden muss, lässt die eklatanten Schwächen der LP trotzdem noch durchscheinen, allerdings so gedämpft wie nirgends sonst.

 

Es bringt uns aber auch zurück zur Modellhaftigkeit dieser Frau, die nie sie selbst sein will, die Vorbild ist für Leute, denen die Ehrlichkeit und emotionale Offenheit ferner ist als ein Amoklauf. Ob sie es nun beabsichtigt oder nicht, Del Rey zeichnet durch ihre Rolle ein unvorteilhaftes Bild von sich selbst und beraubt sich für die Zukunft fast jeder Chance auf Glaubwürdigkeit. Natürlich bleibt der Rettungsanker, dass der Pop geprägt ist von emotionaler Heuchelei oder gar Leere, dass von Millionen Liebesliedern kein Prozent einen wirklich realen Hintergrund hat. Doch wo andere wenigstens auf vergangene Gefühle bauen, sich auf das Thema einlassen, geht sie einen großen Schritt weiter, überholt selbst die Schauspieler, die nach Jahren für die Öffentlichkeit schon mehr Serienheld sind als sie selbst. Ein übergestülpter Charakter bleibt, dem man nichts abnehmen kann und darf. Eingebettet in die atmosphärisch undefinierbare Suppe aus Hip-Hop, Dream-Pop und 50er-Style, bleibt so im Falle von National Anthem, Radio oder Off To The Races nichts über, das über eine mögliche, sympathische Eingängigkeit hinausgehen kann. Es reicht nicht mal dazu, bedeutender ist aber das Vakuum, das die hölzernen, unpassenden Beats und das aufgeblasene Streicher-Korsett erzeugen.

 

Was könnte als krönender Zusatz nun passender sein als die Feststellung, dass auch die massentaugliche Bedeutung von Texten ihren Höhepunkt schon viele Jahre hinter sich hat? Del Rey baut wohl genau darauf. Botschaften, die es über ein Gemisch aus Plattitüden und bedenklicher charakterlicher Anwandlungen hinausschaffen, lassen sich zumindest nicht extrahieren. Vielleicht passt das ganz gut, dass in Zeiten der Mehrheitsfähigkeit von Narzissmus, in denen der Blick auf das Befinden anderer nicht an die Bedeutung des eigenen Images heranreicht, Del Rey genau diesem selbst nacheifert. Kommt mal eine andere Person in ihren Songs vor, dann nur als Spielball für die eigenen Befindlichkeiten und als tragendes Element im Bühnenunterbau für ihren Auftritt. Sie weint konstant jemandem nach, aber man käme selten auf den Gedanken, es ginge wirklich um die Person. Wie könnte das besser illustriert werden als dadurch, dass im redundanten Summertime Sadness das Flehen nach der großen Liebe vor allem in einer Zeile mündet: "I got that summertime, summertime sadness."

 

Wer sich jetzt denkt: Ok, wo ist hier der Review?, der stellt eine berechtigte Frage. Es ist vielleicht keiner, vielleicht doch. Auf alle Fälle keiner in unserem herkömmlichen Sinne. Zumindest aber muss Lana Del Rey nicht die ganze kritische Last allein schultern, die ihr hier aufgeladen wurde. "Born To Die" nervt, wirft fundamentale Fragen über das Wesen dieser Person - nicht des gespielten Charakters - auf und kommt nur einmal in die Nähe, irgendwie gelagerte Anteilnahme an den Songs hervorzurufen. Musikalisch ist die Sache trotzdem ungefährlich und mitunter durchaus passabel, weil ordentlich arrangiert und der Stimme angepasst. Im Vorbeihören ist man also eher fadisiert, als sich zwischen den Zuständen "ernüchtert", "peinlich berührt" und "gereizt" wiederzufinden. Die erreicht man erst, sucht man nach mehr als der bloßen Oberfläche, die das Album, die Sängerin, aber vielleicht überhaupt die Pop-Landschaft des neuen Jahrtausends darstellt. Dann geht man leer aus und stößt sogar auf Abgründe, die nicht etwa schockierende Emotionen zu Tage fördern, die einen unweigerlich mitnehmen. Stattdessen findet man endlose Weiten, in denen Leere herrscht. Ein ungutes Bild, dem man nicht zu nahe kommen sollte. Trotzdem könnte man meinen, Lana Del Rey würde Applaus gebühren dafür, dass sie das konsequent umsetzt, was der Pop ansonsten zu kaschieren oder zu umschiffen versucht. Die Heuchelei, die Gefühlsmanufaktur, das simple Vorgaukeln von Tiefe. Sie ist mutig genug, sich etwaigen Verschönerungen dessen gar nicht erst hinzugeben, allerdings hätte es diesen puren Eindruck vom Wesen massentauglicher Musik nicht wirklich gebraucht.

 

Anspiel-Tipps:

- Blue Jeans

- Video Games

- Dark Paradise