Kevin Rudolf - To The Sky

 

To The Sky

 

Kevin Rudolf

Veröffentlichungsdatum: 11.06.2010

 

Rating: 2 / 10

von Mathias Haden, 09.02.2021


 Geschichten aus der urbanen Gruft: Eine Karriere als Missverständnis oder Mein Tribut an Waltsch.

 

Ein weiser Lehrer in einem unförmigen Körper hat einst behauptet, das Glück wäre wie ein Vogerl. In einem Moment setzt es sich auf deine Schulter, im nächsten flattert es mit dem ersten Windstoß wieder davon. Ob die Lehrkraft, halb Walross, halb Maulwurf, jedoch mit dem Intellekt und der Empathie eines gefallenen Engels gesegnet, tatsächlich existiert oder ob hier jemand lediglich auf einem Pick hängengeblieben ist, erfahrt ihr erst, wenn das Licht angeht. Ich taufe dieses potenzielle Fabelwesen mit den schlauen Lebensweisheiten liebevoll Waltsch. Er lebt in einer Welt aus Stein, kann sich wunderbar ausdrücken und verfügt über die großartige Eigenschaft, sich über die kleinen Dinge im Leben gleichermaßen zu erfreuen wie echauffieren. Waltsch ist zudem sehr musikalisch, deswegen empfinde ich diese Einleitung keineswegs als unpassend. Abgesehen davon ist jedes Wort über einen Fantasiefreund oder -lehrer sinnvoller verwendet als über die Gurke, der im weiteren Verlauf etwa sechshundert dieser kostbaren Worte gewidmet werden.

 

Warum Kevin Rudolf in seinem Leben zumindest kurzzeitig einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden konnte, wird wohl auf ewig eines der ungelösten Rätsel des frühen Jahrtausends bleiben. Auf Glück und Vetternwirtschaft setzen ist zwar immer ein sicherer Tipp, in diesem Fall darf man aber zumindest auch ein wenig harte Arbeit akkreditieren. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, dass ein drittklassiger Gitarrist und noch schlechterer Sänger mit überschaubaren Produktions-Skills und einer Affinität für Van Halen in jugendlichen Jahren dem Sonnenuntergang entgegen schreiten und tatsächlich Erfolg haben kann. Vielleicht sind die U.S.A. ja tatsächlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, immerhin schaffte es Rudolf praktisch auf Anhieb, einen Labelvertrag auf dem von Madonna mitgegründeten Label Maverick zu bekommen, und über die Umwege Jimmy Douglass und Timbaland bei Cash Money Records-Häuptling Birdman und seinem Bruder zu landen: "I played them a couple of records I produced and wrote and they liked them for one of their artists. Then I played them my solo stuff and they flipped out over this song called 'Coffee and Donuts'. We built from there, and a few months later Lil Wayne got on 'Let It Rock' and they signed me, and the rest is history."

 

Heute können wir mit Freude rekapitulieren, dass diese Cash Money-Erfolgsgeschichte nur eine ganz kurze bleiben sollte. Zwei Platin-Singles und ebenso viele nutzlose Platten stehen heute für den beispiellosen Aufstieg von Kevin Rudolf. War In The City, dessen Besprechung ich heute zur Abwechslung mal ohne Fremdschämen wiedergelesen habe, ein nahezu talentbefreiter und selbstgefälliger Haufen Mist mit einem großen Identitätsproblem, so ist To The Sky nun ein einziger Offenbarungseid: Eine ganze Karriere als riesiges Missverständnis. Während der Vorgänger neben seinem schwierigen, aber unterhaltsamen Megahit zumindest noch diesen relativ vitalen und fokussierten Auftritt von Nas und gelegentliche Ausreißer in die untere Durchschnittlichkeit auf der Habenseite verbuchen konnte, ist LP #2 unter seinem Namen nach ihrem schon wenig beeindruckenden Start mit Leadsingle I Made It (Cash Money Heroes), die immerhin noch die Grundtugenden eingängiger Pop-Hymnen, gefesselt und geknebelt im Kofferraum, mit sich führt, die endgültige Ankunft im musikalischen Abyss. In einer Welt nämlich, in der die Ausschussware von Flo Rida, All Time Low oder Owl City eine zweite Chance und - noch schlimmer - eine Stimme bekommt.

 

Genau so klingt To The Sky mit seinen billigen Dance-Sounds, den grusligen Synth- und Gitarrenspuren und einem Sänger, dessen Charisma höchstens unter einem Elektronenmikroskop zu erkennen wäre, über die gesamte Spielzeit. Wo wenig Talent unterwegs ist, trifft man in der Regel auch schnell auf Gleichgesinnte. Deswegen ist der ähnlich indisponierte Flo Rida tatsächlich am Start. Sein Beitrag am Malen-nach-Zahlen-Clubbanger mit blubbernder Elektronik, You Make The Rain Fall, ist zwar keine Silbe wert, in diesem Soundgefüge wirkt er aber weit weniger deplatziert als Rudolf. Der Stern von Lil Wayne war zwar 2010 auch bereits mitten im Tiefflug, seine Verses auf Spit In Your Face, die an die besseren Momente seines erbärmlichen Rebirth-Albums erinnern, dürfen traurigerweise trotzdem zu den wenigen Lichtblicken zählen. Wäre da nicht dieser unsagbar grässliche Refrain von Kev himself:

 

"Singing ay yo ooh oh (oh)

Ay yo ooh (ay)

Ay yo ooh oh

(So I'm a spit in your face)"

 

Ich bezweifle, dass ich an dieser Stelle noch irgendwas schreiben könnte, das nach dem letzten Absatz einen Erkenntnisgewinn in irgendeiner Form bedeuten würde. Kevin Rudolf gurkt auf To The Sky plan- und ziellos herum, lässt seine Gitarre zwar nicht mehr so oft aufheulen, dann aber noch uninspirierter als am Vorgänger. Die meisten Gäste, angeführt von Rivers Cuomo, tragen absolut nichts zur Güte des Albums bei. Das Identitätsproblem stellt sich zwar nicht mehr, da der Protagonist seine zweifelhaften Facetten einem monochromen Einheitssound geopfert hat, den man per Gratissoftware in wenigen Sekunden auf seinem Smartphone rekonstruieren könnte, dafür wirft es ganz andere, mitunter existenzialistische Fragen auf. Zwei davon teile ich gerne und werde sie im Anschluss direkt von der magischen Miesmuschel beantworten lassen:

 

1. Muss ich in diesem Leben jemals wieder einen Ton von Kevin Rudolfs Gequäke hören, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt?

 

- Nein.

 

2. Werde ich Waltsch wiedersehen und falls ja: wird er noch einmal der Vater sein können, der er mir einst war?

 

- Frag doch einfach nochmal.

 

To be continued.