Fall Out Boy - M A N I A

 

M A N I A

 

Fall Out Boy

Veröffentlichungsdatum: 19.01.2018

 

Rating: 3.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 15.06.2019


Lasset alle Ansprüche fahren und sucht nach dem Genuss in der lauten Penetranz.

 

Hin und wieder gibt es bei bekannten Bands überraschende, womöglich schockierende Wandlungen. Das kann durchaus positive Züge annehmen oder zumindest entsprechend rezipiert werden. Doch meist ist es ein Himmelfahrtskommando, das einen vielleicht gar nicht unbedingt mit dem ersten Schritt in Schwierigkeiten bringt, dafür in der nahen Zukunft zunehmende Probleme verursacht. Taylor Swift scheint beispielsweise an den Punkt zu kommen, wo ihr Schwenk in Richtung Synth Pop, der auf "1989" für verdammt viel positiven Wirbel gesorgt hat, zunehmend anstrengender und fragwürdiger wird. Für Green Day auf der anderen Seite war der Weg zur Rock Opera "American Idiot" der wohl bestmögliche und doch waren der damit verbundene Erfolg und die stilistische Neuausrichtung der Anfang vom Ende der Band, betrachtet man das, was das aktuelle Jahrzehnt für sie gebracht hat. Fall Out Boy sind insofern anders, als dass bereits die Wiederauferstehung der früheren Pop-Punk-Band unter dem Banner des Synth- und Elektronik-Rock eine eher durchwachsene und kein großer Triumph war. Wenig überraschend war es auch der wenig in eine künstlerische Sackgasse, die mit "M A N I A" immer deutlicher wird.

 

Denn das letzte Album der US-Amerikaner ist insgesamt wie die beiden vorherigen: Laut, aufgeblasen, pathetisch und hohl. Die Unterschiede waren und sind nur gradueller Natur, das generelle Wesen des Ganzen ist allerdings überdeutlich. Insofern ist man nicht überrascht, wenn einem dröhnende, durch den Produktions-Fleischwolf gedrehte Riffs entgegenkommen, wuchtige Beats und hymnische, von Patrick Stumps gepresstem Gesang verunstaltete Refrains das Bild prägen. Das ist, was Fall Out Boy mittlerweile sind. Dieses neueste Machwerk ist womöglich insofern speziell, als dass es die bescheidenste stilistische Entwicklung seit "Folie à Deux" darstellt. Sprich: Es tut sich wirklich nichts Neues. Man ist auch damit konfrontiert, dass von Bandseite wirklich nichts mehr zu sagen sein dürfte, denn textlich hat das Quartett den Punkt erreicht, an dem das endlose "Nanana" von Hold Me Tight Or Don't ungefähr die inhaltliche Tiefe und vor allem die bevorzugte Ausformung der Songtexte wiederspiegelt.

 

Insofern ist man damit konfrontiert, dass man eigentlich den miserablen Vorgänger erneut rezipieren darf. Das hat vielleicht den Nebeneffekt, dass man sich an manch Unart der Band mittlerweile gewöhnt hat und dementsprechend ein bisschen wohlwollender an die Sache herangeht. Auf der anderen Seite dürften Fall Out Boy auch auf ein etwas weniger spezielles, also ultimativ austauschbareres Ganzes aus gewesen sein. Denn "M A N I A" ist schlicht weniger anstrengend als "American Beauty/American Psycho", auch wenn es nicht merklich besser ist. Die Stärken und Schwächen sind dagegen ident. Das Album überzeugt dann, wenn es überbordend aggressiv wirkt, auch wenn das in gewohnt merkwürdiger Manier passiert. Der Opener Stay Frosted Royal Milk Tea ist dahingehend ein eindeutiger Lichtblick, der Stumps exzentrische Vocals immerhin in eine laute, dröhnende, drückende Umgebung einbettet und damit dem angestrengten Tonfall eine Daseinsberechtigung gibt. Das ist aber auch ein einsamer Moment, den der einzige andere Song, der zumindest das Potenzial zu einem solchen Treffer hätte, Champion, schleppt sich trotz ordentlicher Gitarrenarbeit blutleer dahin und kommt über die dämliche Zeile "I'm a champion of the people who don't believe in champions" nicht hinaus.

 

Von früherer musikalischer Ambition und auch dem ehemals spürbaren Wortwitz, der selbst in seiner fragwürdigsten Form belebende Qualitäten hatte, ist also wenig zu spüren. Stattdessen herrscht eine Atmosphäre der Leere und Inkonsequenz. Das führt dazu, dass es Songs gibt, die zwar in ihrer eigenwilligen Art nicht unhörbar sind, aber dann trotzdem zu geschmacksverirrt, um einen auf irgendeine Art anzusprechen. Church beispielsweise ist eine vor Pathos triefende, reichlich schräge Vorstellung, die Stumps endenwollende gesangliche Qualitäten hauptsächlich mit einem gesampleten Choral paart und abseits hauptsächlich auf die Drums baut. Dass da einfach nichts zusammenpasst, selbst wenn es sekundenweise ansprechend klingt, ist einem umgehend klar. Dieser Hauch von R&B, diese allzu moderne Elektronikausstattung und dieser unheilvolle Chor, das gehört nicht in ein und denselben Song. Trotzdem ist es um ein gutes Stück besser als die grausam schlechte Soul- und R&B-Übung von Heaven's Gate, deren Melodramatik per se schon schmerzhaft ist, durch Stumps miserable Performance und die nichtssagenden Zeilen aber umso unausstehlicher wird. Das bringt einen an den Punkt, wo ausgerechnet Hold Me Tight Or Don't - der mit dem "Nanana"-Überschuss - schon zu den besseren Songs zählt.

 

Trotzdem gibt es abseits des Openers noch ein paar andere Lichtblicke. Der eine heißt The Last Of The Real Ones und selbst der mit allem Grandiosität zur Schau gestellte Kitsch kann nicht verhindern, dass das durchaus starker Synth-Rock ist. Es ist auch so nebenbei trotz offensichtlichem Gebrauch von Autotune die wohl angenehmste gesangliche Vorstellung Stumps. An der Stelle wirkt es vielleicht unfair, ihn so in den Mittelpunkt zu stellen, man kann das allerdings leicht damit rechtfertigen, dass sich die übrige Band nicht wirklich in den Vordergrund spielt. Dass Joe Throman doch ganz gut Gitarre spielen kann, fällt beispielsweise kaum auf, genauso wie Andy Hurleys Drumkünste auf LP-Länge ziemlich entbehrlich wirken, weil sie in der oft lauten Umgebung komplett untergehen. Insofern ist es nur folgerichtig, dass auch Leadsingle Young And Menace großteils nach einer Stump-Solovorstellung klingt. Immerhin ist es eine, die das Kunststück zusammenbringt, auf gute Art anstrengend zu sein. Der scharfe Kontrast zwischen den ruhigen, nur von minimalen Gitarrenzupfern und monotonem Beat ausstaffierten Strophen und dem drückend lauten, erratischen, mit allen auffindbaren Effekten vollgestopften Refrain, geht auf. Dieses kalkulierte Chaos, in dem sich verzerrte Stimmen, Gitarren, Drums und alles mögliche andere gegenseitig überlagern, ist mit ziemlicher Sicherheit das Maximum an Ambition und Kreativität, das sich die Band hier erlaubt. Entsprechend leicht kann es unausstehlich sein, immerhin ist es aber ein genuin lebendiger Moment.

 

An Leben mangelt es "M A N I A" abseits davon nämlich ziemlich oft. Es ist nicht so, als würden sich Fall Out Boy hier plötzlich kleinlaut geben, aber all der Pomp und die aufdringliche Lautstärke verpuffen im Nichts der latenten Substanzlosigkeit. Und die diagnostiziert man auf musikalischer wie auf textlicher Ebene. Ergebnistechnisch bedeutet das ein Album, das langweilt und nervt, wenn auch meistens zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Nichts hier lässt einen wirklich Erwartungen dahingehend aufbauen, dass die US-Amerikaner aus diesem künstlerischen Loch noch einmal herausfinden, in das sie sich beginnend mit "Save Rock And Roll" noch eher harmlos hineinmanövriert haben. Stattdessen klaubt man die wenigen Momente, in denen von Seiten der Band noch ein bisschen Gespür für die eigenen Stärken da ist, aus diesem Sumpf miesen Elektronik-Pops heraus und begnügt sich damit. Mehr erwartet allerdings auch man nicht, nachdem hier alles in eine Richtung deutet, die verdammt nach künstlerischer Ausweglosigkeit und selbstverordneter Unerträglichkeit riecht.