Fall Out Boy - American Beauty/American Psycho

 

American Beauty/American Psycho

 

Fall Out Boy

Veröffentlichungsdatum: 16.01.2015

 

Rating: 3 / 10

von:

Kristoffer Leitgeb

 

am:

15.06.2017


Vielleicht American, ziemlich sicher Psycho, aber so weit weg von Beauty, wie es nur möglich ist.

 

Sollte es jemand verdrängt, vergessen oder trotz der epochalen Bedeutung des Ereignisses nicht mitbekommen haben: Fall Out Boy haben einmal ein Album veröffentlicht unter dem Titel "Save Rock 'n' Roll" und damit ihre Karriere 2013 - oder nach neuer Zeitrechnung 4 vor Trump, was sich übrigens zu VT abkürzen lässt und das ist höllisch irrelevant für den Review, aber irgendwie genial - resettet. Jetzt kann man einen solchen Titel im Fall der Fälle durchaus als ironische Selbstreferenz verstehen, als Augenzwinkern ob des eigenen Kniefalls vor dem Pop. Jetzt ist das aber diese US-amerikanische Parodie einer relevanten Rockband, die sich selbst mittlerweile viel zu ernst nimmt, um jemals wirklich die Anwesenheit von Humor zu vermitteln. Und tatsächlich, die meinen das ernst mit dem Rock, sogar jetzt noch, wo sie diese gigantomanischen Arena-Pophits für Disney schreiben dürfen. Vielleicht ist ja das schon der Psycho-Part des Albums. Der Rest ist aber auch nicht ohne.

 

"American Beauty/American Psycho" kann nämlich doch einiges, wenn es darum geht, viele der Dinge, die derzeit in und außerhalb der Musik nicht ganz richtig laufen, zusammenzupanschen und etwas fundamental Miserables daraus zu kreieren. Vorhersehbar war es auf alle Fälle, weil der Weg dieser Band bereits zu tatsächlich noch rockigen Zeiten, beginnend in Wahrheit schon mit dem Durchbruch "From Under The Cork Tree" in Richtung eines gewissen akustischen Größenwahns geführt hat. Es war so manches größer als nötig und spätestens zum Ende seines ersten Lebens war das Quartett beim Stadionsound angelangt, der zwar die Welt im Sturm erobert, aber inhaltlich doch im Wasserglas stecken bleibt. Daran wiederum hat sich bei Fall Out Boy wenig geändert, wobei man diesmal immerhin weit genug ist, die Musik so elendiglich penetrant und störend zu gestalten, dass man die Texte aus den Ohren verliert. Also komplett. Es ist auch irrelevant, weil die Botschaften banal und doch ein bisschen dämlich sind, kaum einmal über die verführerischen Kräfte nicht näher beschriebener Frauen oder anderen Liebessermon aus den seichten Gewässern hinausreichen. Wenigstens Pete Wentz ist sich sicher, dass er diesmal spezifischere und nachvollziehbarere Lyrics geschrieben hat.

 

Aber eh egal, denn die Musik steht im Zentrum und der Peripherie gleichzeitig, weswegen man beginnend mit dem Bläser-Intro von Irresistible eigentlich vor allem eines bekommt: Die volle Dröhnung. Man wird zugedröhnt. Das ist sehr schnell verdammt laut und Patrick Stump ist, seinem als Gesang euphemisierten Gestöhne nach zu schließen, in aggressiver Stimmung, selbst wenn er vermeintlich romantische Gedichtchen trällern soll. Das ist in Kombination mit den allgegenwärtigen Hip-Hop-Beats und zu einem metallischen Rauschen verarbeiteten Riffs nicht angenehm. Es ist stattdessen einfach anstrengend und steril in einem Maße, dass manche Ärzte neidisch werden. Für diese LP hat sich die Band von jeder Form des Gefühls und der Atmosphäre entledigt, sofern es nicht die konstanter Anspannung und Selbstdarstellung ist. Umso merkwürdiger, dass man nur mit dem Titeltrack die potenzielle Bodenlosigkeit des Ganzen illustriert. Der ist wirklich heftig und doch Stumps Lieblingssong der verfügbaren, weil er gleichzeitig Spaß und ein bisschen experimentell sein soll. Jetzt ist den Noise Rock imitierender Lärm mit dümmlichsten Chants für sehr, sehr viele wohl kein Spaß. Vielleicht doch, aber mit der Alternativbeschreibung als eine Mischung aus der eigenen Pop-Punk-Vergangenheit, dem fast schon veralteten Dubstep und einer Prise brokeNCYDE, die man fast unweigerlich in dem Schwachsinn schmecken will, wird es schon schwieriger, das zu genießen.

 

Der Rest ist nicht grausam. Dafür nervig und langweilig. Man kann eben nicht alles haben. Deswegen sind Centuries und Immortals beinahe ein- und derselbe Song und das noch von der Gattung der Fist-Pumping-Hymnen neuer Prägung, die außer einem hämmernden Beat und stupiden Refrains eigentlich nichts mehr kennen. Außer natürlich die elektronisch manipulierten Vocals. Dass zusätzlich noch für jeden Track ein Sample längst verblichener Songs bereitliegt, ist dagegen albumspezifisch und legt einen Zwang nahe, sich der guten alten Zeit zu bedienen, in der Rock tatsächlich noch Rock war. Deswegen dürfte am letzten Album Elton John oben gewesen sein und möglicherweise schlachtet man deswegen diesmal die Arbeit anderer aus. Nur dass außer Motley Crüe niemand zum Handkuss kommt, der wirklich irgendwas mit Rock zu tun hat. Deswegen ein wirkungslos verpuffendes Trip-Hop-Sample in Fourth Of July, das dort abermals dröhnende Riff-Wände begleitet und sich nicht mit dem antiklimaktischen Produktionswirrwarr verträgt, den die Band zu bieten hat. Stumps wohl mittlerweile auf ewig zwischen gepresstem Pseudo-Soul und angestrengtem Pseudo-Rap steckender Gesang verbessert die Situation auch nicht sonderlich.

In größeren Dimensionen gedacht, ist der tödliche Aspekt dieses Albums der, der Fall Out Boy seit ihrer Rückkehr aus dem Nirvana der vermeintlichen Selbstfindung auszeichnet wie kein anderer. Diese Band macht, den Instrumenten nach zu schließen, immer noch Rockmusik, lässt sie aber wie alles andere klingen. Da sind unwillkommene Hip-Hop-Beats, grässlich umgesetzte Elektronikeinflüsse aus allen Ecken und diese immer noch zeitweise schwelenden Anleihen an Soul und Funk, die so überhaupt nicht zu diesem Verein passen. Manches ist auch einfach straighter Pop und klingt dann so belanglos wie Favorite Record, was für das Album so insignifikant ist, dass der Track letztlich genauso wenig Eindruck macht wie fast alles andere.

 

Ausnahmen bestätigen diese Regel, kommen aber kaum über ordentliche Hooks im Refrain oder Erinnerungen an etwas hinaus, das tatsächlich noch Rock genannt werden könnte. Irresistible und das finale Twin Skeleton's bilden da die sehr maue Ausbeute, die zumindest die Basics einigermaßen hinbekommt und annehmbares Liedgut genannt werden darf. Will man gute Musik, hört man Uma Thurman, das mit dem Sample des "Munsters"-Themes den passenden Komplementärpart für die starke Gesangshook des Tracks findet. Dass man sich immer noch die miesen 80er-Keyboards geben muss, die auch manch anderen Song verschandeln, bleibt da eine vernachlässigbare Nebensache. Ansonsten bleibt Novocaine und damit die einzige Gelegenheit, bei der man sich alter Dynamik besinnt und trotz der elendiglichen Produktion, die jede Härte und jede kantigen Sound unmöglich macht, immerhin einen einigermaßen würdigen Nachfolger für The Phoenix abliefert.

 

Jetzt hat nach sowas keiner gelechzt. Wie auch das Fazit bezüglich "American Beauty/American Psycho" sehr eindeutig in diese Richtung ausfallen würde, hätte es nicht durchwegs gute Kritiken bekommen. Anscheinend lechzt manch einer nach dieser albumumspannenden Fortsetzung von My Songs Know What You Did In The Dark. An allen Ecken überbordende Produktion, inhaltsfreie Texte und Pseudo-Rock sind also en vogue. Selbst ein entstelltes Stimmchen spricht an. Mit dieser Erkenntnis könnte man also sagen, Stump und seine Komplizen haben tatsächlich den Rock gerettet. Blöderweise auf ähnliche Art, wie die Kürzung der Mindestsicherung das Sozialsystem rettet. Also irgendwie gar nicht und wenn überhaupt, verhält es sich andersherum. Der einzige interessante Aspekt der LP ist demnach die Leistungskurve, die sich dadurch für die US-Amerikaner zeichnen lässt. Wenn die ähnlich weitergeht, wird es beim nächsten Mal wirklich lustig. Oder grausam. Psycho eben.

 

Anspiel-Tipps:

Uma Thurman

Novocaine


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