Emigrate - Silent So Long

 

Silent So Long

 

Emigrate

Veröffentlichungsdatum: 14.11.2014

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 24.04.2018


Namhafter Soundimport hilft hier und da und doch bleibt es zu oft Industrial at its most predictable.

 

Es steckt eine bemerkenswerte und einschüchternde Komponente in der Tatsache, wie groß anscheinend die Kluft zwischen einem guten Musiker und einem guten Songwriter selbst in eher simpleren Soundgefilden ist. Da bespielen manche ihre Gitarren, Bässe oder Drums, als ginge es um Leib und Leben, die gleichen Leute trauen sich dann aber kaum einmal über die schwierige Hürde, höchstselbst ein Lied aus der Taufe zu heben. Früher war das vielleicht dezent seltener der Fall, weil die, die nichts selbst zu Papier bringen konnten, als Studio- und Sessionmusiker verendet sind. Aber heute hat schon eine ganze Menge Bands einen Songwriter und nur den, der Rest ist eigentlich nur mehr zum Musizieren und für den sporadischen Geistesblitz zuständig. Nun gut, am eigenen Instrument sind die Damen und Herren dann trotzdem noch oft meisterlich genug, um sich ganz spontan minutenlange Soli aus den Fingern zu saugen, aber das macht die Sache eigentlich nur noch bizarrer. Anscheinend ist ein bisschen was dran an der Kunst der Liedermacherei. Diesem Dilemma sieht sich unweigerlich auch einer gegenüber, der in den Augen mancher tatsächlich als Mastermind seiner Haus- und Hofband, genannt Rammstein, gegolten hat. Richard Kruspe ist jetzt einiges, unter anderem ein ziemlich guter Gitarrist. Aber auch die zweite LP seines kreativen Seitenarms beweist, dass er eines sicher nicht ist: Ein musikalisches Genie.

 

Muss auch nicht, das ist immerhin eine Spezies, deren Proponenten relativ rar gesät sind. Viele an allen Orten der Welt erfolgreiche Musiker qualifizieren sich nicht im Geringsten dafür. Insofern sind Hopfen und Malz noch nicht verloren, auch wenn einem mit dem Debüt von Emigrate das mit der hohen Erwartungshaltung relativ gut ausgetrieben wurde. Irgendwie bieder, diese bewusste oder auch nur zufällige Wiederaufbereitung dessen, was die Könige der NDH dereinst zu bieten hatten. Man wäre auch nicht in die Versuchung gekommen, Kruspe sonderlich große Kreativitätsreserven nachzusagen, so berechenbar, wie sich die stilistische Ausrichtung des Projekts dargestellt hat. Aber in der Familienpsychologie kennt man sogenannte Abnabelungsprozesse und nach langen Jahren in einer harmonischen Erfolgsband braucht es ja vielleicht auch einfach Zeit, neue Horizonte zu erschließen und schlicht den Mut zu finden, sich komplett neu zu erfinden. Die Zeit wäre dann aber bis 2014 sicher da gewesen, was es natürlich schon ein wenig fantasielos erscheinen lässt, wenn der Opener des neuen Albums, Eat You Alive, nicht nur den gleichen Titel trägt wie eine Limp-Bizkit-Single aus dem Jahre Schnee, sondern gleich noch genau so anreißt, wie man es sich von einem dem klassischen Hard Rock näher gebrachten Rammstein-Song erwartet. Sowas beeindruckt nicht, weil weder die meinetwegen eher nach Synth-Pop tönende Elektronik, noch das schwergewichtige Gitarrengewitter Anstalten macht, irgendeine Abzweigung zu nehmen. Aber es bedient die richtigen Rezeptoren im Hirn und zwingt einen immerhin nicht dazu, sonderlich flexibel in der Aufnahmefähigkeit zu sein. Man bekommt, was man erwartet.

 

Und dann ist da der Rasta von Seeed. Ähm, also, ja. Die Innovation, die Kruspe vorgeschwebt sein dürfte, ist die des Clash of Genres mittels möglichst ungewöhnlicher Gastauswahl. Auf bizarre Art funktioniert das, weil kein Mensch Frank Dellé in einem solchen Song erwarten würde. Und er ist trotz Kurzauftritt in der Bridge nicht einmal so isoliert, wie es die Logik diktiert. Es ist eine verquere Note in einem Song, der genau nach dieser Zutat gesucht hat und damit immerhin einen erfrischenden Anfang bietet neben all der harten, routinierten und souveränen Metal-Manier. Was nichts daran ändert, dass die 30 Sekunden Dancehall inmitten der Riffstakkatos rein musikalisch keinen Platz hat, aber das ist ja fast irgendwie ein bissl nebensächlich, nicht?

Auf alle Fälle haben die Gastauftritte Hochkonjunktur, was kurzzeitig wie eine Frischzellenkur für den eher hölzernen Songbau des Deutschen und die so bekannte klangliche Ausstattung wirkt. Dank Elektronik-Veteranin Peaches mutiert Get Down zum lasziven und gleichzeitig trockenen Mash-Up von Techno, Synth-Pop und der harten Realität des Alt Metal, ohne dabei unnötige Energien auf Melodik oder textliche Tiefe zu verschwenden. Das ist platt, aber verdammt wirkungsvoll, wenn man auf sonderlich geschmackvolle Umsetzung verzichten kann. Und letztlich fängt der Metal mit dem Begriff geschmackvoll ohnehin wenig an, weswegen auch der Auftritt von Legende Lemmy Kilmister dem Credo dreckiger Härte treu bleibt. Rock City ist - alles andere wäre bei solch namhafter Verstärkung auch enttäuschend - kraftvoller, skrupellos runtergespielter Speed Metal mit Hang zur epischen Verlangsamung und der nicht unwesentlichen Qualität tiefsten stimmlichen Raspelns vom Motörhead-Frontmann.

 

Jetzt ist das Blöde zweigeteilt bei dieser LP. Die eine Seite bezieht genauso Außenstehende mit, diesmal aber vor allem die, die nichts zum Gelingen beitragen können oder wollen. Dass nämlich Kruspes Freundin Margaux Bossieux ihre Chance auf Happy Times nutzt, wäre des Lobes zu viel. Das ist träger Rock, meine Damen und Herren, ganz träger Rock. Der lebt auch durch Mehrstimmigkeit im Refrain nicht auf, eigentlich hat er überhaupt nur die drückende Schwere schleppender Drums und brachialer Chordwände auf seiner Seite. Beides versauert. Ähnliches gilt für den abschließenden Titeltrack, der aber mit KoRn-Frontmann Jonathan Davis auch jemandem im Schlepptau hat, der a priori nichts beizutragen hat zu dem, was Kruspe da zu formen gedenkt. Während Davis jegliche Energie aus dem Track saugt, macht Kruspes plumpe Industrial-Maschinerie alles, um der unbestreitbar beklemmenden Eindringlichkeit von Davis' Gesang möglichst keinen Raum zu lassen. Im Sport nennt man das mustergültige Neutralisierung des Gegners, nur das hier beide auf der gleichen Seite stehen. Um an dieser Stelle aber nicht nur die anzuprangern, die hier zum Handkuss gekommen sind, auch im Alleingang bringt die Band nicht wahnsinnig viel zustande. Das ist dann die andere Seite des Schattens, wenn mit Born On My Own schon wieder eine gewollt gespenstische Power-Ballade so extrem nach einem Outtake der Mutterband klingt und sich träge ins Ziel schleppt. Das gelingt schon irgendwie, weil zwar der unpassende Pathos vom Debüt genauso wieder da ist, gleichzeitig aber Kruspe ein wenig Fluss in sein Songwriting gebracht und damit die allergröbsten Unzulänglichkeiten beseitigt hat. Was allerdings Giving Up auch nicht rettet, weil dessen Unentschlossenheit zwischen tonnenschwerer Metal-Hymne und beattreuem Synth-Rock zu einer formlosen, langgezogenen Übung verkommt.

 

Solche krassen Fehlleistungen sind netterweise selten, aber auch bis zu einem gewissen Grad unerklärlich, weil der Mensch mitsamt seinen Bandkollegen nicht nur Jahrzehnte an Erfahrung mitbringt, sondern am gleichen Album von einer Minute auf die andere plötzlich genau dort anschließt, wo die guten Seiten des Debüts aufgehört haben. Dass er nämlich durchaus gute Up-Tempo-Rocker aus dem Ärmel schütteln kann, ist nichts Neues und beweist hier zumindest My Pleasure. Dessen Strophen sind zwar vom für Kruspe typischen, synthetisierten Overdub der Vocals geplagt, immerhin zündet aber der Refrain in notwendig kraftvoller Manier und bringt einem zudem noch starke Instrumentalpassagen mit, die die massen- und stadionfreundliche Produktion ins Rampenlicht stellen. Zusammen mit dem ähnlich gepolten Faust wären da eigentlich starke Prototypen versammelt, die es dem Deutschen ermöglichen sollten, eine ganze LP nach solcher Machart zu zimmern.

 

Warum er nicht kann oder will, sei dahingestellt. Ihm jetzt vorzuwerfen, er würde zu oft von der bewährten Formel abweichen, um dann beim Ausprobieren anderer Dinge grandios zu scheitern, wäre auch ein Widerspruch in sich, ist doch die unspektakuläre Ausrichtung der Band ohnehin Reibepunkt. Wobei schon klar sein muss, dass die Fehltritte der Band keine auf komplett neuem Terrain sind, sondern einfach den Industrial Metal, dem Kruspe sich anscheinend lebenslänglich verschrieben hat, in seiner undynamischsten und dämlichsten Form darbieten. Das hat mit Tempo, spielerischer Finesse und natürlich auch den Lyrics aus seiner Feder zu tun. Die bieten zwar so etwas wie einen gespielten Gottkomplex und Epik um der Epik Willen, wirken aber vom ersten Satz an wie Austauschware. Billig zusammengesammelt, ohne je zu einer Aussage zu gelangen, die es verdienen würde, herausgehoben zu werden. Stattdessen regieren großspurige Plattitüden und berauben der LP eines kompletten Grundpfeilers guter Musik. Das stört beim Zuhören weniger, aber die Gehaltlosigkeit ist spätestens bei den musikalischen Ausfällen spürbar, weil nichts da wäre, was sie abfangen könnte. Insofern bleibt einem weiterhin Durchschnittsware, die manchmal heraussticht, fast immer routiniert wirkt, aber fast nie überrascht und als wertvollsten gesanglichen Beitrag eine Zeile bietet, die wirklich nur Lemmy so singen darf: "God is cool / He lets me do what I like."

 

Anspiel-Tipps:

- Get Down

- Rock City

- Faust