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Ed Sheeran

Veröffentlichungsdatum: 09.09.2011

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.11.2019


Ein vielversprechender Anfang auf der Suche nach dem eigenen Weg im Singer-Songwritertum.

 

In Anbetracht dessen, wie misslungen das kürzlich der Öffentlichkeit zugemutete Pop-Hip-Hop-Machwerk von Ed Sheeran wirkt und wie fehlgeleitet die dahinterstehende musikalische Entwicklung erscheint, könnte man ja fast vergessen, woher der Brite gekommen ist und wie das alles mit ihm angefangen hat. Er war ja mal ein ganz normaler Singer-Songwriter, mit Gitarre und sonst nicht viel, bevor er dann irgendwann so viele rappende und dem R&B zugewandte Freunde hatte, dass er geglaubt hat, das auch alles unbedingt machen zu müssen. Andererseits wiederum war das nichts, was von einem Tag auf den anderen gekommen ist, sondern einer stetigen Entwicklung entspringt. Demnach war er immer schon auf der Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal unter all den Herzschmerz-Troubadouren und Folk-Singles dieser Welt und glaubte dieses zielsicher in den oben erwähnten Genres zu finden, was immer schon eine Affinität für beatlastige Songs, elektronische Unterstützung und den Sprechgesang bedeutet hat. Glücklicherweise auf dem Debüt noch in einer Form, die nicht komplett verdeckt, welche Talente in Sheeran eigentlich stecken.

 

Diesem Befund folgend, kann man gleich einmal feststellen, dass "+" deswegen verhältnismäßig oft überzeugt, weil es eben nicht zu viel experimentiert oder sich waghalsig in musikalische Territorien stürzt, wo dieser Mensch definitiv nichts verloren hat. Stattdessen ist es ein ziemlich geerdetes Erstwerk, dem man zwar die Ambition zu ungewohnten Genre-Anleihen und dem einen oder anderen mutigen Auftritt anmerkt, das aber gleichzeitig noch zum überwiegenden Teil in den grundlegenden Stärken Sheerans wurzelt. Denn er kann singen, sofern man damit geschmeidig-sanften, hohen, der Sentimentalität verpflichteten Gesang meint. Und er kann gute Songs mit starken Hooks schreiben, sofern man damit durchaus g'schwinde, aber eher dezent ausgestaltete, produktionstechnisch nicht überfrachtete Kompositionen meint. Natürlich erliegen auch die hin und wieder komplettem Kitsch, das ist aber überraschend selten wirklich der Fall. Wohl jedermann bekannt ist das beste Beispiel für einen solchen gelungenen Sheeran-Track, die erfolgreiche Debütsingle The A Team, die nach vier Alben und mit hohen Chancen wohl auf ewig sein Höhepunkt ist. Ziemlich perfekt ist das, womit das Album hier eröffnet wird. Musikalisch zurückhaltend, auch wenn sich zum simplen Akustikzupfen alsbald leichte Streicher und das Klavier dazugesellen, genauso wie R&B-Backgroundgesang, vor allem aber ist es eine gesangliche und textliche Meisterleistung. Ohne überbordende Melodramatik, stattdessen im dezenten Up-Tempo-Stil besingt er das Schicksal einer drogensüchtigen Obdachlosen, die ihm bei einem Konzert begegnet ist. Und da gäbe es unzählige Möglichkeiten, das taktlos oder über jedes erträgliche Maß hinaus kitschig zu machen. Es stattdessen allerdings so stimmig zu arrangieren, dass man von einer genuin emotionalen Performance sprechen kann, gehört ausreichend gewürdigt.

 

So etwas findet man hier an anderer Stelle nicht, was bedeutet, dass Sheeran hier genau einmal wirklich erfolgreich Leuten wie Damien Rice nacheifert, ansonsten da aber nicht herankommt. Das ist an und für sich aber weniger dramatisch, weil auch eine ziemlich berechenbare Klavierballade wie Wake Me Up in ihrer stimmigen, stark gesungenen Form überzeugen kann. Genauso wie auch das etwas ungelenke Finale, Give Me Love, dank leidenschaftlichen Gesangs und im positiven Sinne aufgeblasenem, dramatischem, dahingehend wiederum Rice-artigem Ausklang einen sehr positiven Eindruck hinterlässt. Wobei auch der andere wirkliche Höhepunkt des Albums einer der ausnehmend simplen Art ist. Small Bump hat nicht viel mehr als seinen einprägsamen Beat und die leichte akustische Gitarre, die bestenfalls noch von nachhallenden Klavierakkorden begleitet werden, ist aber wegen dieser spärlichen Instrumentierung umso effektiver. Sheerans gefühlvoller, halb gehauchter Gesang kommt dabei bestmöglich zur Geltung und verschafft dem Text rund um die Fehlgeburt einer Freundin noch größeres emotionaleres Gewicht, allerspätestens wenn der so positiv anmutende Song sein bitteres Ende bekommt:

 

"'Cause you were just a small bump unborn for four months then torn from life

Maybe you were needed up there but we're still unaware as why"

 

All das klingt unglaublich positiv, dem stehen aber auch reichlich Songs gegenüber, die wenig bis gar keine Wirkung entfalten oder schlicht nach musikalischen Fehltritten klingen. Kiss Me ist die eine komplett fehlgeleitete romantische Ballade, die so tief im Kitsch steckt, dass man nichts anderes mehr wahrnimmt. Hitsingle Lego House wiederum ist grundsätzlich stimmiger, aber mit dem unpassenden Hip-Hop-Beat und vor allem dem übertrieben lauten Klavierpart das erste deutliche Beispiel eines produktionstechnisch missglückten Songs.

 

Wirft man dann noch einen Blick auf manche der Eigenheiten Sheerans wird bald klar, dass dort keine sonderlich rosige Zukunft wartet. Drunk mag auch dank einer gesanglich gelungenen Vorstellung ganz gut wegkommen, ist aber ein ungelenker Versuch, Folk und Hip-Hop auf seine Art zusammenzubringen. Gesteigert wird das noch auf U.N.I., das zwar musikalisch unscheinbar und ultimativ ziemlich monoton gestaltet ist, in dem Sheeran aber erstmals eine Art von Rap einbaut, als würde jemand ausgesprochen erfolglos versuchen, Eminems High-Speed-Performance in Rap God zu imitieren, was auch abseits der begrenzten Fähigkeiten Sheerans komplett deplatziert wirkt.

 

Es finden sich jedoch auch hier positive Beispiele für das, was den Briten in späteren Jahren zunehmend schwerer erträglich machen sollte. The City beweist nicht nur entgegen aller Erwartungen, dass ein beatboxender Ed Sheeran nicht der sofortige Tod eines Songs sein muss, mit seinem kantigen Beat und der starken, rauen E-Gitarrenriffs, die nur spärlich eingeflochten sind, ist der Track ein umgehender atmosphärischer Gewinn. Zwar ist der Post-Chorus mit seiner elektronischen Untermalung gut darin, die Atmosphäre gleich wieder zu bombardieren, das hält aber immerhin nicht lange an. Stimmungsmäßig konträr dazu, aber dank starkem Arrangement nicht weniger überzeugend gestaltet sich das angriffige You Need Me, I Don't Need You. Das geht zwar textlich an die Grenzen des Erträglichen, einfach weil Sheeran als whitest of the white guys nicht unbedingt den Poser-Rap abgrasen sollte, musikalisch ist das allerdings verdammt kurzweilig und sehr ordentlich zusammengebastelt.

 

Was ultimativ nichts daran ändert, dass man ganze gerne mehr gehört hätte von dem Ed Sheeran, dem mit The A Team eine erstklassige Albumeröffnung und ein herausragender Folk-Pop-Song gelungen ist. Stattdessen bietet "+" zwar einige starke Momente, aber auch einen immerhin klanglich noch relativ naturbelassenen und zurückhaltenden Vorgeschmack auf das, was die nächsten Alben zunehmend prägen sollte. Natürlich kann man sagen, dass es ein noch größerer Fehler gewesen wäre, ein Album lang dem Opener nachzueifern und daran wieder und wieder zu scheitern. Allerdings beweist Sheeran zumindest einmal, dass er ähnlich stark klingen kann. Insofern ist es schade, dass der Wunsch danach, möglichst nicht der traditionelle, meinetwegen langweilige Singer-Songwriter im Folk-Format zu sein, mehr als einen Song hier nachhaltig prägt. Andererseits sind die Schwachstellen an beiden Enden des musikalischen Spektrums dieser LP zu suchen und man kann zweifelsohne sagen, dass die Einflüsse aus R&B und Hip-Hop die ganze Sache kurzweiliger machen. Insofern hat er vielleicht doch einiges richtig gemacht, zumindest dieses eine Mal, bevor es dann mehr und mehr bergab gegangen ist in die Pop-Hölle.

 

Anspiel-Tipps:

- The A Team

- Small Bump

- The City