Eagles - Eagles

 

Eagles

 

Eagles

Veröffentlichungsdatum: 01.06.1972

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 15.09.2017


Take It Easy als Leitmotto eines legendären Debüts, das keine hohen Wellen schlägt.

 

In der Kategorie Musikphänomene der vergangenen fünfzig Jahre nehmen die Eagles einen ganz besonderen Platz ein. Sieben Studioalben, zwei Livescheiben sowie Dutzende Compilations und andere Veröffentlichungen, darunter die kommerzielle Maßstäbe setzende, viele Jahre bestverkaufte Platte aller Zeiten Their Greatest Hits, global betrachtet über 200 Platinum-Auszeichnungen in diversen Disziplinen. Mit einem Wort: Wahlweise "phänomenal" oder "absurd". Und das, obwohl man trotz dieser unfassbaren Fakten und großem Lob für so manche LP, allen voran Hotel California und das in weiterer Folge besprochene Debüt, nur selten den Mut fasst, die Eagles als federführende Legenden zu bezeichnen. Vielleicht, weil Don Henley, der im vergangenen Jahr verstorbene Glenn Frey, der kurz vor der kommerziellen Explosion ausgestiegene Bernie Leadon, Randy Meisner bzw. die später eingestiegenen Joe Walsh, Don Feldner und Timothy B. Schmit in unseren Breitengraden nicht annähernd jenen Stellenwert haben, der ihnen in den Vereinigten Staaten entgegengebracht wird.

 

Vielleicht aber auch, weil zumindest meine Wenigkeit nicht umhin kommt, die Eagles mit den wahren Wegbereitern dessen zu vergleichen, was die Staaten in den 70ern als Country-Rock im Sturm erobern sollte, den einzigartigen Erfolg der Adler überhaupt erst möglich machten. Bestes Beispiel natürlich die Flying Burrito Brothers, die auch zeitweise augmentiert vom erwähnten Leadon wurden und gemeinsam mit Interpreten wie den Beau Brummels, den Everly Brothers oder auch dem guten alten Mike Nesmith alles ausloteten, was die Vermählung von Country mit Rock, R&B und Soul so hergab.

 

Im Gegensatz zu den größten Nutznießern dieser Entwicklung, die zumindest das Erstwerk einer konventionellen und ausgeglichen dosierten Melange aus Country und Rock verschrieben. Pate dafür steht der einleitende Track, Signatursong der Prä-Hotel California-Ära und Startschuss in eine amerikanische Ära friedvoller Harmonien, schunkelnder Gitarren und melodischer Einfachheit. Take It Easy mag zwar als Motto nichts taugen, als Debüt-Single ist der von Frey mit dem kurz vor seiner kreativsten Phase stehenden Jackson Browne geschriebenen Nummer aber nichts vorzuwerfen. Dieser einmalige Harmoniegesang, der in einer Genealogie mit jenem der Byrds und Crosby, Stills, Nash & Young steht, in Verbindung mit hellen, gediegenen Gitarren und einem rastlosen Banjo und vollbracht ist der gediegene Einstieg ins Musikgeschäft. In die selbe Kerbe schlägt auch die dritte und letzte ausgekoppelte Single der LP, Peaceful Easy Feeling. Erneut mit einer angenehmen Nähe zum melodiösen Folk-Rock der 60er und wie die Debüt-45 von Glenn Frey vorgetragen, fließt auch diese in einem unaufgeregten Tempo dahin und reüssiert mit den positiven Tugenden des Quartetts.

 

Da sich die Band, zumindest der wesentliche Teil um Henley und Frey, als Rockband verstand und nicht wie der unwesentliche um Leadon und Meisner als Countryband, wird auf Eagles immer wieder einem unnötig harten Rock-Sound gefrönt, der nicht wirklich in Einklang mit seinen Songs und dem Fluss der LP steht. So befindet sich mit Chug All Night einer dieser breitbeinigen Rock-Reißer samt röhrendem Riff und affigem Gesang im Repertoire, den man später auch von Kiss in dieser Form hätte erwarten dürfen. Auch das ebenfalls von Kumpel Browne verfasste Nightingale und Meisners Tryin’ flirten noch mit dem Genre, können sich aber bestenfalls nur durch brauchbare Hooks kurzfristig rehabilitieren. Generell driftet das Debüt immer wieder in Gefilde der Beliebigkeit ab, erinnert dann nur gelegentlich durch die charakteristischen, hier in seiner Wirkungskraft aber noch nicht perfektionierten Harmonien daran, dass hier eine der handwerklich kompetentesten Bands der 70er am Werk ist, die vor allem Live im Dunstkreis Country-Rock ihresgleichen suchte.

 

Immerhin hatten die Eagles ja noch Bernie Leadon an Bord, dessen Zusammenarbeit mit Gene Clark bei dessen Dillard & Clark-Projekt das gemeinsam verfasste, wundervolle Train Leaves Here This Morning zur Folge hatte, das in der gemäßigteren Interpretation der Eagles zwar nicht die Strahlkraft des Originals besitzt, auf der Debüt-LP aber ohne Umschweife zu den ultimativen Highlights zu zählen ist und mit seinem Text zumindest in meinen Ohren zu den größten Songs dieser Ära gehört, zu dem man in jeder Lebenslage immer wieder zurückkehren kann. Allein der Einstieg:

 

"I lost ten points just for being in the right place

At exactly the wrong time

I looked right at the facts there, but I may as well have

Been completely blind..."

 

Classic Clark. Leider nicht classic Leadon, sonst wäre das hübsche, aber unspektakuläre Earlybird mit seinem lästigen Vogelgezwitscher trotz vitalem Zusammenspiel von Banjo und Drums eine ganz andere Hausnummer. Und weil die übrigen Stücke von Henley und Meisner, darunter der kleine Klassiker Witchy Woman vom Erstgenannten mit Leadons Unterstützung, ebenfalls bis zu einem gewissen Grad zu gefallen wissen, ist das Debütalbum der erfolgreichsten amerikanischen Band aller Zeiten durchaus eine nette Angelegenheit.

 

Zwar erfinden die Adler mit ihrem risikobefreiten Mix aus erdig trockenem Rock und zurückgelehnten Country-Impulsen nicht das Rad neu, das haben schon andere wenige Jahre davor für sie erledigt, doch gelingt es ihnen im Gegensatz zu diesen Pionieren, ein Genre salonfähig zu machen, das bisher große Schwierigkeiten hatte, eine Hörerschaft zu generieren. Behutsam versteht sich. Die Eagles mögen zwar eine ungleich fähigere Live-Band gewesen sein als so mancher Vorläufer, im Studio mangelte es ihnen aber schon beim Debüt ein wenig an guten Ideen. Es sollte immerhin noch besser werden.