Die Toten Hosen - Ein Kleines Bisschen Horrorschau

 

Ein Kleines Bisschen Horrorschau

 

Die Toten Hosen

Veröffentlichungsdatum: 31.10.1988

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 09.11.2016


Während das Uhrwerk tickt und die Gitarre singt, balanciert man zwischen Zynismus und Wut.

 

Die Welt verändert sich, ob wir das nun mögen oder nicht. Ich gehöre ja üblicherweise zur Nicht-Fraktion und bin deswegen schon einmal misstrauisch, wenn sich Historisches anzubahnen droht. Die Politik bietet naturgemäß oftmals Gelegenheit für sowas und selbst meine dicke Schale aus Zynismus und Misanthropie kann mitunter einen Anflug von Ernüchterung nicht verhindern. Jetzt ist in einem Szenario, das für mich nicht einmal in Paralleluniversen vorstellbar gewesen wäre, auf einmal Donald Trump US-Präsident. DONALD TRUMP. Das is a Kreuzung aus Lugner, Strache und Berlusconi. Nun suchte mein Gemüt nach einem klitzekleinen Ventil und wandte sich in Richtung Albumliste. Die Reviewwahl stand an und nachdem "American Idiot" schon geschrieben ist - es wäre auch eine unfaire geografische Eingrenzung -, "Reasonable Doubt" der Sache aber absolut nicht gerecht wird, ward eine deutsche Band gefunden, die Beethoven ein bisschen Farbe ins Gesicht gebracht hat.

 

Jetzt war der Anlass dafür kein milliardenschwerer Ungustl, sondern die musikalische Untermalung von "A Clockwork Orange" im Theaterstückformat. Allerdings sind die vermittelnden Emotionen oft genug beeindruckend nahe an dem dran, was auch der Ungustl in einem hervorruft, und außerdem passt der Titel und der Sound und der Opener. Letzterer dürfte bald auch den 30. Geburtstag in aller Frische überstehen, zumindest macht Hier Kommt Alex bisher nicht den Eindruck, als würde es irgendwie Staub ansetzen. Ganz im Gegenteil, der Anreißer reißt noch sehr ordentlich, vom ersten Ton der Beethoven'schen 9. Sinfonie über Campinos verzweifelten Urschrei bis zu dem Zeitpunkt, wo das zurückhaltende Gitarristenduo von den ersten Zeilen gestört wird. Und auch noch ein bisschen weiter, denn der druckvolle und doch dezent hymnische Charakter verlässt den legendären Refrain genauso wenig, wie es der wuchtigeren Bridge nicht an düsterem Unterton mangelt.

 

Während nun noch genug Songs da sind, die direkt dem Theaterstück entsprungen sind, immerhin die Hälfte der Tracks, und auch das oft nicht minder leidenschaftlich interpretierte Füllmaterial nicht gerade enttäuschend gerät, ist bald klar, dass das Herzstück und der wirklich geniale Part der LP nach fünf Minuten Geschichte ist. Was sonst bleibt, sind die ständig spürbare Überzeugung, die aus Campinos gewohnt ungelenken Texten trieft, und die konstante Frische, die aus der Mischung in Wahrheit lockeren Rocks mit archetypischen Punk-Riffs und immer mal wieder in den Vordergrund tretenden Metal-Anleihen spricht. Le-gen-där gerät deswegen wenig, aber die zynische Betrachtung des patriotischen Chauvinismus in 1000 Gute Gründe gestaltet sich ähnlich stark wie das kurz angebundene Keine Ahnung oder 35 Jahre mit der traurigen Geschichte monotonster Arbeitsjahre. Spätestens da fühlt man sich dezent an die DDR erinnert, aber es soll ja dort manch Parallele zwischen dem sozialistischen Traum und einer repressiven, dystopischen Gesellschaft gegeben haben.

Das Zurückbringen längst verblichener Staaten ins Gedächtnis ist aber nur eine kleine Nebenqualität, die im Schatten von Campinos jeglicher Finesse beraubten Energieausbrüchen und den simpel gebauten, aber umso effektiveren Kompositionen steht. "Ein Kleines Bisschen Horrorschau" funktioniert, weil man gerne hört, dass der kleine Mann nach Jahrzehnten der Arbeit niemanden mehr zum Reden hat außer seinen Wellensittich. Es funktioniert genauso, weil die Band solcherlei und ähnliches in Melodien verpackt, die oft auf sehr effektive Art die Brücke vom harten, aggressiven Punk zum melodisch-eingängigen Up-Beat-Pop-Rock schlagen. Quasi mehr Ramones, weniger Dead Kennedys. Was für sich kein gigantischer Vorteil sein muss, aber trotz aller Versuche, die Texte möglichst ausdrucksstark und politisch gewichtig zu gestalten, wird im Falle der auf mehr Atmosphäre abzielenden 180 Grad oder Mehr Davon überdeutlich, dass ohne starke Hook leicht einmal Fahrt und Effekt verlorengehen.

 

Die Ursachen dafür sind schnell gefunden. Auch wenn man nämlich gegen den trockenen Sound sicher nicht rebellieren muss, scheinen die etwas ziellos eingebauten Beethoven-Passagen noch die raffiniertesten der LP zu sein. Der Rest ist zumeist an Geradlinigkeit nicht zu überbieten, auch wenn man sich in Ein Schritt Zuviel auch zu ruhigeren Tönen und unheilschwangerer Mehrstimmigkeit hinreißen lässt. Die Band und insbesondere ihre Gitarristen haben zwar durchaus dort ihre Stärken, wo man eben möglichst schnell nach punkiger Art von A nach B will, mangelt es an Geistesblitzen und nicht zu entfliehenden Rhythmen, um daraus auch umfassend Kapital zu schlagen. Kurios ist dann nur, wie wenig das dem Gesamtbild schadet. Das Konzept wirkt so oder so, auch wenn man Alex' Weg durch die Kriminalität und die gewaltsame Resozialisierung auf den ersten Blick etwas störrisch mit konventioneller Gesellschaftskritik unterbricht. Dem Fluss schadet das weniger, als das qualitative Loch, das zwischen starken Punk-Nummern aufzureißen droht, als ausgerechnet mit Die Farbe Grau und Alex' Gefängnisaufenthalt auch die Musik etwas gräulich und müde zu werden scheint.

 

Man findet natürlich wieder heraus und wenn mit Bye, Bye Alex das Ende eingeläutet wird, darf man sich zwar dem aufgewärmten Beginn nochmal hingeben, behält aber im Blick zurück genug positive Eindrücke. "Ein Kleines Bisschen Horrorschau" fängt die Hosen an einem Punkt ein, an dem sie gerade zwischen dem mitunter amateurhaften Geschrammel der frühen Tage und dem vielseitigeren Sound der aufpolierten 90er stehen. Dieses Zwischendasein spürt man, das Album ist musikalisch weder Fisch, noch Fleisch. Thematisch ist man dagegen sehr fleischig und also gut unterwegs, wobei mehr noch als in späteren Jahren Campinos Schwierigkeiten mit dem Texten auffallen. Und auch wenn das alles so wirkt, als würde ich dem Album einfach unglaublich viel verzeihen, ist hier die Summe einfach mehr als die oft plumpen Teile. Manche behaupten, beim neuen US-Präsidenten könnte das auch so sein. Wobei schon ein Unterschied ist zwischen plump und plump, insbesondere wenn man bei Trump noch eine Handvoll negativere Adjektive addieren muss. So oder so bleibt uns eigentlich nur mehr eines mulmig zu skandieren:

 

"Hey, hey, hier kommt Donald....."

 

Anspiel-Tipps:

- Hier Kommt Alex

- Musterbeispiel

- Testbild