Courtney Barnett - Tell Me How You Really Feel

 

Tell Me How You Really Feel

 

Courtney Barnett

Veröffentlichungsdatum: 18.05.2018

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 16.01.2021


Der Emotion auf der Spur, dabei aber mit dem Rücken zur Genialität unterwegs.

 

Während imposante Debüts gar nicht so selten sind, wie man eventuell vermuten würde - immerhin überrascht man beim ersten Mal leichter positiv als bei jedem weiteren Album -, sind die wirklich herausragenden, die auch über Jahre und womöglich sogar Jahrzehnte einen bleibenden Eindruck in der Musikwelt hinterlassen, nicht allzu zahlreich. Gelungen ist ein solcher in der näheren Vergangenheit wohl allen voran Courtney Barnett, die trotz ihrer angeblich schüchternen, medienscheuen Art mit "Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit" genug Eindruck gemacht hat, um gleich einmal in allen denkbaren Bestenlisten zu landen. Sodann wurde auch in den vereinigten Rückblicken der Musikfachwelt oder jener, die sich dazuzählen, dieses auf mittlerweile so ungewohnte Art beeindruckende Album zu einem der imposantesten Erstwerke der 10er-Jahre gekürt. Und womit? Mit Recht!

Auch wenn die Australierin selbst wohl weniger damit zu kämpfen gehabt haben dürfte, lastet mit diesem Einstieg in die Musikwelt aber selbstverständlich der Druck des Nachfolgers auf dem, was folgte. Das heißt "Tell Me How You Really Feel", fühlt sich atmosphärisch dem Titel verpflichtet, verspielt damit aber die geniale Leichtigkeit und den lyrischen Witz des Debüts.

 

Eine Katastrophe ergibt sich daraus dennoch noch lange nicht. Von dem hohen Ausgangsniveau aus wäre es für die Singer-Songwriterin wohl auch schwieriger geworden, ein wirklich schlechtes Album abzuliefern als ein gutes. Denn ihre ureigenen Qualitäten, der unprätentiöse und schnörkellose, gitarrenlastige Sound, ihre textliche Direktheit und ihr Gefühl für Melodien, die sind selbstverständlich nicht einfach im Nichts verschwunden. Immer noch schwingt hier und da ein Hauch von Genialität mit, auch wenn sie sich deutlich seltener in voller Songform manifestiert. In Wahrheit kommt sie nur einmal wirklich erstklassig zur von Wurschtigkeit und nonchalanter, herausfordernder Direktheit flankierten Geltung. Dabei beweist Barnett ein Händchen für die Singlewahl, denn es ist ausgerechnet Leadsingle Nameless, Faceless, die als wunderbar melodisches, locker-flockiges Rock-Ständchen an die (vornehmlich männlichen) eloquenten Kritiker insbesondere aus der Onlinewelt in einer Reihe mit den besten Minuten des Debüts genannt werden darf. Das Geschichtenerzählen kommt bei dem zumindest im Refrain ordentlich krachenden Statement zwar etwas kurz, an der Güte dieses zwischen Garage Rock und Indie Rock tingelnden Liedchens ändert das aber wenig.

 

Die durchdringende Direktheit und gleichzeitige beschwingte Melodieseligkeit in Verbindung mit Barnetts erstklassig unemotionalem Gesang vermisst man an anderer Stelle aber leider zumindest in dieser Qualität. Zwar ist "Tell Me How You Really Feel" unbestreitbar offener als das Debüt, zeigt persönlichere und emotionalere Seiten, scheint aber gleichzeitig etwas an musikalischem Punch eingebüßt zu haben. Das muss gar nicht heißen, dass nur ja keine Ruhe herrschen darf. Immerhin ist das eröffnende Hopefulessness als zurückhaltend trister, intim gestalteter Opener einer der positivsten Eindrücke und lässt einen an Angel Olsens "Burn Your Fire For No Witness" denken. Während hier aber die Diskrepanz aus der musikalischen Marschrichtung und Barnetts stimmlichen Fähigkeiten markant an der Tiefenwirkung nagt, ist es an anderer Stelle eher ein Gefühl der Zurückhaltung, das stört. Songs wie das ähnlich gefühlvolle, bedrückende Need A Little Time oder das im Gegenteil sonnig-poppig anklingende Crippling Self Doubt And A General Lack Of Self Confidence offenbaren zwar großes Potenzial und starke Ansätze, aber auch merkliche Schwächen. Hier die fehlende Konsequenz, den Song atmosphärisch wirklich in der anfänglichen schmucklosen Ernsthaftigkeit durchzuziehen, dort eine die Nerven strapazierende Monotonie. Beides hemmt auf dem Weg zum Volltreffer und lässt einen mit starken Songs mit deutlichen Macken zurück.

 

Während einem immerhin noch Charity als ein Song bleibt, bei dem zwar das Potenzial weniger in die Höhe schießt, dafür das solide Fundament fehlerlos zu einem geschmeidigen Mid-Tempo-Rocker geformt wird, ist insbesondere die zweite Hälfte eine, der die positiven Eindrücke auszugehen drohen. Im Falle von I'm Not Your Mother, I'm Not Your Bitch findet man sie noch, weil der dröhnende, abweisende Gitarrenlärm und die stampfend galoppierende Gangart mitsamt den kratzigen Verzerrungen an "In Utero" erinnern, auch wenn in Sachen Substanz Abstriche zu machen sind. Was danach folgt, beschränkt sich aber auf das erwähnte Crippling Self Doubt... und eine Ansammlung der akzentarmen bis -freien Zurückhaltung. Da bleiben keine Eindrücke, sondern das Album beginnt, auf unscheinbare Art an einem vorbeizulaufen.

 

Und wenn sowas passiert, ist es zwangsläufig vorbei mit der Herrlichkeit und es beginnt die schnöde Durchschnittlichkeit. Courtney Barnett bringt allerdings Fähigkeiten mit, die verhindern, dass das hier in die Nähe eines Dauerzustands käme, sodass man immer noch meist angetan ist von dem, was hier passiert. Die Australierin kann schon noch beeindrucken, sie kann einen vielleicht sogar mehr denn je berühren und ist nicht um pointierte Zeilen verlegen. Und weil sie nicht urplötzlich das Gefühl dafür, wie man einen geschmeidigen Rocksong arrangiert und die Gitarre zu klingen hat, verlernt hat, ist eigentlich alles beieinander, was es für eine Fortsetzung des großen Debüts bräuchte. Sie will nur nicht mehr oder hat das mit Ausbalancieren nicht mehr ganz so heraußen, dass sie die erstklassigen Tracks einfach so aus dem Ärmel schüttelt. Für eine solche Single reicht es, ansonsten muss man die Ansprüche etwas zurückschrauben und sich mit einem Album anfreunden, das oft gut, oft atmosphärisch, aber selten glänzend ist.