Courtney Barnett - Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

 

Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

 

Courtney Barnett

Veröffentlichungsdatum: 15.03.2015

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 24.04.2019


Ein erstklassiger Rocksoundtrack für Desillusionierte, die doch irgendwie damit leben können.

 

Auch wenn manche besonders motivierten Zeitgenossen das womöglich anders sehen würden, muss man nicht mit jedem kurzweiligen Trend der Musikwelt auf Du und Du sein. Dass es zum Beispiel in Australien ein durchaus kurzlebiges Phänomen namens Dolewave gab, weiß in unseren Breiten wohl kaum einer. Das stört aber überhaupt nicht, weil es zum einen für den Genuss der daraus entstandenen Musik irrelevant ist, zum anderen aber ohnehin nur eine auf Melbourne begrenzte Szene bezeichnet, die sich in Indie-Rock nach Vorbild mancher Größe des Jangle-Pop verloren hat und ihren Namen allein der Idee zu verdanken hat, dass manche Künstler ihrer Arbeit hauptsächlich deswegen nachgehen dürfen, weil ihnen das Sozialleistungen ermöglichen. Absurd, als gäbe es so etwas wirklich... Naja, so oder so ist es ein rechtmäßig obskures Genre, das auch eigentlich kaum musikalische Eigenheiten kennt. Was Dolewave aber wieder wichtig erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass Courtney Barnett freiwillig oder auch nicht auch von diesem Genre beeinflusst worden sein soll und nachdem sie ein künstlerisches Juwel ist, kann da ja etwas nicht ganz falsch gelaufen sein. Zumindest will man es nicht glauben, hört man das Debüt der Australierin.

 

Natürlich ist eine gewisse Skepsis angebracht, wenn eine LP den schrägen Titel "Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit" trägt. Das ist erstens erschöpfend lang und versprüht außerdem den verzichtbaren Charme burgeoisen Humors fadester Prägung, auf dass die Bobos etwas zu lachen haben. Möglicherweise gehören die Songs, die Barnett hinter diesem unförmigen Titel verbirgt, auch wirklich in diese Kategorie, zumindest fühlt man sich sehr in der millennialen Welt beheimatet, wenn man ihr so zuhört. Das ist aber auch nicht das Schlechteste, weil diese Singer-Songwriterin eine Gabe dafür hat, ihre dezent depressive, hauptsächlich aber mit großartigem Sarkasmus vollgestopfte Desillusionierung perfekt zu umschreiben und sie noch dazu in wirklich starke Melodien einzubetten. Diesen imposanten Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass sie einen nach zwei Songs schon komplett um den Finger gewickelt hat. Was sie nämlich mit Elevator Operator ganz zu Anfang bietet, ist einer der besten musikalischen Momente des Jahrzehnts, der sich musikalisch locker gibt in seiner offensichtlichen Anlehnung an stampfenden Roots Rock und mit genialer Hook das erste Ventil für den alltäglichen Verdruss findet:

 

"Feeling sick at the sight of his computer
He dodges his way through the Swanston commuters
Rips off his tie, hands it to a homeless man
Sleeping in the corner of a metro bus stand and he screams
'I'm not going to work today
Going to count the minutes that the trains run late
Sit on the grass building pyramids out of Coke cans'"

 

Darauf folgt Pedestrian At Best und damit ein Song, dem man wohl auch auf dem Höhepunkt des Garage-Rock-Revival begegnen hätte können. Dieser gar nicht so dramatische anmutende, trotzdem aber glasklare musikalische Schwenk verdeutlicht sehr schnell die Versiertheit Barnetts und sorgt auch sofort für einen willkommenen Tempowechsel, der zugunsten eines maßvoll aggressiven Tons ausfällt.

 

Doch eigentlich ist sie relativ zahm. Entsprechend folgen auch gesittetere Minuten, über die man zwar gerne den ausladenden Schirm des Begriffs Indie Rock breiten darf, die aber bei genauerer Betrachtung ein feinsinniges Gemisch aus Blues, Surf Rock, Garage Rock und ein bisschen Folk sind. Das ist eine verführerische Mixtur, vor allem in den fähigen Händen Barnetts und ihrer Band. So reißt auch nicht wirklich der Faden, auch wenn ein ohnehin fast nicht zu toppender Anfang nicht getoppt wird. Trotzdem sind die beschwingten Riffs von An Illustration Of Loneliness (Sleepless In New York) und Debbie Downer genauso überzeugend wie die hohe Drehzahl von Aqua Profunda oder die lauteren Riffwände von Nobody Really Cares If You Don't Go To The Party. Es ist interessant, dass Barnett durchwegs mit konventionellsten Mitteln arbeitet, kaum aus dem Minimum an Rock-Instrumentierung ausschert und abgesehen von exzessiver Nutzung diverser Effect Pedals ohne Verzierungen auskommt, gleichzeitig aber die exakte Standortbestimmung des Albums trotzdem so schwierig bleibt. Eine gewisse, ganz schwer festzumachende Einzigartigkeit umgibt diese Songs, so deutlich der Verzicht auf klangliche Extravaganz auch ist.

 

Vielleicht ist es aber auch gerade das, kombiniert mit Barnetts Angewohnheit, ihre Texte so apathisch und gelangweilt wie möglich ins Mikro zu singen, die das Album so speziell macht. Denn lobenswerte Musikalität hin oder her, wirkt hier vieles wie eine Übung in Desinteresse und Leidenschaftslosigkeit, die allerdings doch in jedem Song aufs Neue erfolgreich untergraben wird. Als hätte man diese mitunter kindische Langeweile genommen, die Green Days "Dookie" auszeichnet, und sie zu einer Lebensphilosophie erhoben, die aus der Not der erschöpfenden Natur der Umwelt heraus geboren wurde. Das funktioniert, weil es eigentlich gar nicht so oberg'scheit daherkommt, wie man befürchten könnte, weil Barnett auch sich selbst nicht aus dem treffsicheren Humor ausspart und damit zum Beispiel in Debbie Downer nur wenige Zeilen braucht, um erfolgreich in alle Richtungen auszuteilen:

 

"I'm growing older every time I blink my eyes
Boring, neurotic, everything that I despise
We had some lows, we had some mids, we had some highs
Sell me all your golden rules and I'll see
If that's the kind of person that I wanna be
If I'm not happy I'll be glad I kept receipts"

 

Der gewinnende Charme dessen, kommt auch daher, dass hier keiner Stolz ist auf diese geistigen Schrammen und Wirrungen, die zum Vorschein kommen, sondern dass sie als mühsam, aber leicht erklärbar hingenommen werden. Unwiderstehlich wird es spätestens dann, wenn manche triste Zeile auf die zynische musikalische Idylle im Hintergrund trifft, wie es im großartigen Depreston durchgehend der Fall ist.

 

Mit den ruhigen Minuten tut sich Barnett zwar etwas schwerer, überzeugt intoniert sind sie aber zumindest im Fall der kargen Zupfer von Kim's Caravan, die zeitweilig in dröhnenden Dream Pop der Marke Mazzy Star ausarten, ohne Zweifel. Das ist allerdings etwas, das auch der einzigen spürbaren Schwachstelle des Albums nicht abzusprechen ist. Ändern kann das daran, dass Small Poppies über seine ausschweifenden sieben Minuten Länge hauptsächlich anstrengend ist, verdammt wenig. Womöglich ist es wirklich ausschließlich persönliche Präferenz, die hier den Ausschlag gibt, aber längliche bluesinfizierte Gitarrenspektakel, die sich in gemächlicher Gangart durch diverse Instrumentalpassagen kämpfen, sind irgendwie nicht das Wahre.

 

Barnett hat dieses allerdings an anderer Stelle verdammt oft gefunden. Zu verdanken ist es, so ehrlich muss man dann auch sein, zu einem sehr wesentlichen Teil ihrer Lyrik und dem darin eingebetten Humor, der den Anschein des Depressiven verscheut und stattdessen die desillusionierte Verlorenheit, die immer wieder zum Ausdruck kommt, zu leichterer Kost macht. Mit dieser Waffe ist "Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit" kaum zu schlagen. Courtney Barnett hat sich damit in aller Schnelle in die erste Liga moderner Singer-Songwriterinnen katapultiert und beweist auf elf Songs ohne größere Verschnaufpausen, dass sie problemlos starke Musik und großartige Texte anzubieten weiß, sich nicht auf eines davon verlassen muss. Womöglich täte es ganz gut, sich zukünftig musikalisch trotzdem ein bisschen breiter aufzustellen, zumindest was die Bandbreite an der Instrumenten-Front angeht. Bis dahin ist da aber ein Debüt, wie man es nur sehr selten vorgesetzt bekommt, so sehr es sich auch auf allen Ebenen mit dem Konventionellen spielt.