Coldplay - A Rush Of Blood To The Head

 

A Rush Of Blood To The Head

 

Coldplay

Veröffentlichungsdatum: 26.08.2002

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 06.05.2017


Die Kunst der gepflegten Langeweile in elf hochpolierten Akten.

 

Bevor Chris Martin, Johnny Buckland, Will Champion und Guy Berryman mit ihrer Band Coldplay zur spießigsten Band der altenglischen Inselwelt seit U2 avancierten, waren die Briten einfach nur ein wohlgeachtetes Quartett, das gut gemeinte, aber langweilige Musik mit Hang zu transzendenten Melodien spielte. Gut, das perfekte Schwiegersöhne-Image hatten die braven Jungs aus London schon damals inne, als sie pünktlich zum Millennium antanzten, um die größte Band des 21. Jahrhunderts zu werden. Die großen Gesten und der Faible für unheilschwangeren Pathos nahmen jedoch erst später in der heute bekannten Form Gestalt an. Ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, das haben wir trotz vorangegangener Tendenzen vor allem A Rush Of Blood To The Head zu verdanken.

 

Wie könnte man sich sonst erklären, dass der apokalyptische Opener Politik jenen Bombast vorweg nimmt, der die Band alsbald in die Stadien der Welt katapultieren sollte. Wäre nicht ganz so wild, würde Martin in seinem Fistelstimmchen nicht folgende, einleitende Zeilen in seiner Raumkapsel vor sich hin raunzen: "Look at earth from outer space / Everyone must find a place". Es kommt sogar noch dicker, widmen wir uns aber lieber auch anderen Sünden der Platte. Eine davon ist, dass hier 8 von 11 Tracks tatsächlich die 5-Minuten-Grenze knacken. Wäre wiederum kein Beinbruch, würde sich wie beim späteren Viva La Vida innerhalb der Stücke etwas tun. Selbst der herrlich atmosphärische Anstrich von Daylight, erzeugt von einem wohldosierten Potpourri aus Synthesizern, Gitarre und Streichern, verliert sich über seine lange Distanz irgendwo in Ermüdungserscheinungen. Ganz zu schweigen von dem zerfahrenen Mittelteil, der neben dem unglaublich unterschätzten Daylight und dem unfassbar überschätzten, X&Y-ankündigenden Piano-Gejammer Clocks noch einen Warmduscher wie Warning Sign, der in den trägsten Sphären schwelt, offenbart. Und selbst dem bemühten Rock von A Whisper gelingt es nicht, aus seiner Komfortzone auszubrechen. 

 

Man kann Coldplay selbstverständlich auch einige wichtige Dinge zugutehalten. Einerseits ist die musikalische Vision der Band, so sehr sie hier an Radiohead angelehnt zu sein scheint, erkennbar. Man muss Martins suchende Stimme sicher nicht mögen, hier macht der Sänger aber einen tadellosen Job, den großspurigen Songs eine adäquate Vertonung zur Seite zu stellen. Zumal die Briten für ihr zweites Album einige wirklich tolle Melodien geschrieben haben, wie etwa auf In My Place, das mit hellen Gitarren punktet, oder am monotonen, aber lieblichen Hit The Scientist, der elegant davon schwebt. So oberflächlich sich diese Rezension liest, so oberflächlich ist auch mein Interesse an A Rush Of Blood To The Head. Kaum ein Hördurchgang birgt neue Erkenntnisse, kaum ein Song hallt über mehrere Minuten nach und doch sind Coldplay hier viel zu abgeklärt, um ihre Stücke in der Luft zerreißen zu können. Die Kunst der gepflegten Langeweile irgendwie. Eine traurige Kunst - aber Kunst bleibt Kunst. 

 

M-Rating: 6 / 10

 


Wenn man ein nettes Häuschen baut und es wie der Buckingham Palace bejubelt wird.

 

Vielleicht muss man, um die komplette emotionale Regungslosigkeit des Kollegen und meinerseits beim Genuss dieser LP ausreichend zu begründen, ein wenig ausholen und Coldplay als ein Opfer der nonlinearen musikhistorischen Betrachtung verstehen. Kurz umrissen beschreibt das den Umstand, dass das, was in einem (Sub-)Genre zuerst da war, keinen Bonus mehr genießt, wenn man es Jahre und manchen Nachfolge-Interpreten später hört. Mag sein, Chris Martin und seine Kumpanen haben den Piano-Pop in seiner 00er-Form erfunden, es kamen aber eben genug Leute hinterher, die effektiv genau Identisches gemacht haben. Deswegen unspektakulär als passendes Adjektiv für ein Album, das immerhin die Verkäufe auf seiner Seite hat.

 

Und die klangliche Balance. Das schon. Also musizieren können die alle und zwar so, dass man nach dem elendiglich anstrengenden Opener Politik nicht mehr viel zu bemängeln hat an der Art, wie die klangliche Melange in Szene gesetzt wird. Angenehm hört sich das Ganze auf alle Fälle, wobei dieses Adjektiv wiederum einer zum Grabausheben prädestinierten Schaufel gleichkommt. Angenehme Musik will man ziemlich selten, vielleicht überhaupt nur dann, wenn eine irische Maid New-Age-Fabrikate zimmert. Verschuldet wird all das dadurch, dass "A Rush Of Blood To The Head" gerade einmal an der Oberfläche kratzt, wenn es an die großen Gefühle geht. Abseits des einen genialen Moments, The Scientist, und dessen drückender Schwere findet sich lediglich ein wohlgeformtes Vakuum, aufgefangen von einer Stimme, die Emotionen wenigstens zu imitieren weiß, wenn es an das zu Unrecht abgestrafte Clocks und In My Place geht.

 

Mit Erwähnung dieser beiden betreten wir auch das Feld einer noch nie dagewesenen kollegialen Diskrepanz in der Bewertung. Nicht in absoluten Zahlen, nur songtechnisch kommen wir beide da nicht mehr zusammen. Den albuminternen Hook-Krösus Clocks geschasst, dafür das lähmend britpoppige In My Place einer tollen Melodie bezichtigt. Also ich weiß ja nicht. Wo wäre die? So ineffektiv pseudo-schmerzbeladen funktioniert Chris Martin auch einfach weniger, da geht ihm das leichtgewichtige God Put A Smile Upon Your Face schon leichter von der Hand, wie überhaupt die Absenz des Klaviers fernab der Erfolgssingles eigentlich ein Plus ist. Daylight geht nicht nur deswegen, sondern auch wegen der unsäglichen Kombination aus Synth-Klängen und Martins Höhenexperimenten die Luft aus, Amsterdam bekommt nur recht kurz die Gravitation zusammen, die man sich von einer Piano-Ballade eigentlich erwarten würde. Konträre Schwingungen bekommt man vom lockeren Green Eyes, dessen verliebte Ode sogar einen dezenten Country-Touch entwickelt, oder von A Whisper, bei dem die Band auf der Suche nach sphärischen Klängen zwar zwischen Radiohead und Snow Patrol steckenbleibt, aber immerhin den Gitarren das Rampenlicht überlässt.

 

Bevor aber in puncto Songkritiken noch weiter aneinander vorbei geredet wird, kommen wir doch lieber zurück zu einem Blick auf das große Ganze. Der ist nämlich wunderbar harmonisch. Gut, Coldplay sind jetzt nicht wirklich langweilig im engeren Wortsinn. Aber sie sind unspektakulär und in viel zu vielen Fällen wenig erinnerungswürdig, so kanten- und emotionslos, wie ihre Songs daherkommen. Ein Prototyp eben für so manche spätberufene Schnulzentruppe, nur dass die Briten es gemeistert haben, der Schnulze ihre tödliche Komponente zu nehmen, indem schlicht stimmig musiziert wird. Das ist ja schon etwas, aber eher keine Kunst. Und schon gar kein Buckingham Palace, sondern bestenfalls ein Exempel für alle, die ein stabiles Haus haben wollen.

 

K-Rating: 6.5 / 10

 

Anspiel-Tipps:

The Scientist

Daylight

Green Eyes


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