Coldplay - X&Y

 

X&Y

 

Coldplay

Veröffentlichungsdatum: 06.06.2005

 

Rating: 4.5 / 10

von Mathias Haden, 18.10.2013


Langweiliger Pop-Pathos und eine dichte Synthiedecke - das neue U2?

 

Das ist immer so eine Sache mit diesen britischen Pop-Rock-Bands. Jedes Jahr tauchen neue vielversprechende Gruppen auf, nur um zwei Jahre später wieder komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Oft hat man dieses Phänomen im frischen Jahrtausend schon beobachten können. Natürlich bestätigen Ausnahmen wie immer die Regel. So sind Bands wie die Arctic Monkeys, Franz Ferdinand oder aber auch Coldplay mit jeder Veröffentlichung wieder in aller Munde. Letztere sind seit ihrem Debüt im Jahr 2000 praktisch gar nicht mehr aus der populären Musikszene wegzudenken und gelten nicht umsonst als eine der größten Bands ihrer Generation. Mit ihrem mit achtfach-Platin ausgezeichnetem dritten Album X&Y katapultierten sie sich endgültig in luftigste Höhen und unterstrichen ihre eigenen Ambitionen eindrucksvoll, zumindest kommerziell. Mit etwa 8,3 Millionen verkauften Exemplaren war es nämlich das meistverkaufte Album des Jahres 2005.

 

Nach dem eher eintönig klassischen Coldplay-Sound der Vorgänger sollte mit X&Y eine musikalische Weiterentwicklung erfolgen. Die Band, die bis heute (Stand: Oktober 2013) immer noch aus demselben Line-Up aus Sänger Chris Martin, Gitarrist Johnny Buckland, Bassist Guy Berryman und Drummer Will Champion besteht, wollte ihrem eigenen Sound noch einen frischen Hauch mitgeben und bediente sich bei Kraftwerk und Brian Eno und deren elektronischen Klang. Dazu wurde mit Ken Nelson wieder jener Produzent an Bord geholt, der die Band schon auf den vergangenen zwei Veröffentlichungen unterstützte.

 

Und so klingen Coldplay im Jahr 2005 immer noch nach Coldplay, aber irgendwie anders. Nichtmehr komplett mit Balladen überfüllt aber dennoch häufig sehr sanft. Eine der schönsten dieser Zunft zaubert die Band mit Fix You, dem durch Martins zuckersüßen Gesang eine wirklich wunderbare Tiefe verliehen wird und der sich schon in den traurigsten Serienmomenten (beispielsweise 'Scrubs' oder 'O.C. California') wiedergefunden hat.

Ansonsten sind großteils die schnelleren, dynamischeren Songs die gewinnbringenden. Die Singles Talk (großartiger Synthie-Refrain) oder Speed Of Sound hat man ja ohnehin schon hundertmal im Radio gehört. Letzteres, aufgebaut auf starkem Keyboard und mit dichten Synthesizern versehen, ist mit Sicherheit einer der solideren im mittlerweile recht ansehnlichen Repertoire der Band.

Auch die softere Single The Hardest Part kann sich sehen lassen, obwohl sie sich ohne das geniale Musikvideo nicht ganz entfalten kann (Nein echt, das muss man gesehen haben!). Man kann Chris Martin ohnedies nicht wirklich viel vorwerfen, er ist ein begabter Sänger und auch ein gefestigter Songwriter mit dem Gefühl, aus einer Mischung aus radiofreundlichem Pop und zu Tränen rührender Ballade, einen erfolgreichen Song zu schreiben.

 

So, jetzt wären die Singles mehr oder weniger besprochen. Alles gut soweit, wären da nicht insgesamt über 60 Minuten, die einem Pop-Rock-Hybriden nicht immer in die Karten spielen. Aufgeteilt auf 13 Stücke kommt bei X&Y dann leider zu wenig Abwechslung auf. Immer wieder wiederholt sich das Konzept aus Up-Tempo Songs mit klirrend aufbrausenden Gitarrenwänden, die sich mit gefühlvollen Balladen abwechseln. Auf Dauer langweilt das aber eher, daran ändert auch der Umstand nichts, dass die meisten Tracks für sich betrachtet eigentlich ganz solide zusammengesetzt wurden. Als Gesamtkonzept funktionieren sie allerdings umso weniger. Auch die Vorgänger haben schon unter einem Mangel an Spannung gelitten, das dritte Album allerdings hat mit seiner überdurchschnittlichen Gesamtlänge aber umso mehr zu kämpfen. Außerdem nerven die mit Synthesizern zugekleisterten Passagen dann ziemlich.

 

Der Band merkt man die Bemühung an, die Songs am Leben erhalten zu wollen, aber diesmal mag das einfach nicht ganz funktionieren. Buckland holt aus seiner Gitarre raus was er nur kann und Martin säuselt mit seiner Kopfstimme weiter von Track zu Track. Ganz nett, aber irgendwie auch nicht mehr. Während Songs wie Low oder Twisted Logic (die beide praktischerweise eher am Ende platziert sind und die ganze Angelegenheit noch etwas in die Breite ziehen) an Langeweile kaum zu überbieten sind, ist es ausgerechnet der stets unterschätzte Hidden Track Til Kingdom Come, der zum Schluss mit seiner sympathischen, erfrischend Synthie-freien akustischen Gitarre aufwarten kann und mit Sicherheit einen Höhepunkt auf diesem elektroniküberbeladenen Blockbuster darstellt. Nicht einmal die Texte überzeugen großteils nachhaltig wie jene, die man noch vor 3 Jahren lesen durfte. Zuviel Pathos und Weltschmerz sind es anno 2005.

 

Auch sonst ist das hier eine sehr zweischneidige Klinge. Neben den bereits erwähnten ordentlichen Singles und dem Hidden Track gibt es nicht mehr viel Positives hervorzuheben. Vielleicht noch White Shadows, der ist tatsächlich nicht übel und kommt mit den Zeilen "I see it in the new sun rising / I see it break on your horizon / Oh come on love, stay with me" immerhin zu einem schönen Fazit. Passabel wäre dann auch noch Swallowed in the Sea, das zwar nicht wirklich überrascht oder gar aus den Socken haut, aber auch seine Momente hat.

Ansonsten überwiegt dann doch mehr Schatten als Licht. Die Produktion, die immerhin 18 Monate gedauert hat, wirkt dann doch oft zu viel des guten. Besonders auffällig werden diese 'Schwächen' in Momenten wie dem Ooooooh-Refrain in dem öden What If oder dem abwechslungsreicheren Ohhh-Ohhh-Ohhh-Refrain des Titeltracks.

 

Mit X&Y gelingt Coldplay nur bedingt eine musikalische Weiterentwicklung. Während sie ihre Vergangenheit nur teilweise hinter sich lassen, sind es genau die schnelleren, ungewohnteren Stücke, die besser funktionieren. Einige starke Songs und ein Haufen uninspirierter Tracks später, ist man fast schon erleichtert, mit dem letzten Fünkchen Geduld und einem starken Kaffee noch am Ende angekommen zu sein. Obwohl das Album an sich recht zugänglich ist, bleib dann doch erstaunlich wenig hängen, sieht man mal von den massenfreundlichen Singles ab. Somit bleibt die Band im Endeffekt dann doch unter ihren Möglichkeiten und liefert ihr schwächstes, weil zu bombastisch und glatt produziert, Album der 00er-Jahre ab. Schade eigentlich, hier wäre bestimmt mehr drin gewesen.

 

Anspiel-Tipps:

- Fix You

- Talk

- Til Kingdom Come