Chelsea Wolfe - Abyss

 

Abyss

 

Chelsea Wolfe

Veröffentlichungsdatum: 07.08.2015

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 10.02.2017


Welten treffen aufeinander, nur um gemeinsam in den Abgrund zu versinken.

 

Nach über drei Jahren könnte hier endgültig der perfekte Artist of the Week für uns beide gefunden sein. Denn Chelsea Wolfe scheint einiges von dem zu vereinen, was die gekrönten Damen sowohl des Kollegen als auch meinerseits zu bieten haben. Auf der einen Seite ein engelsgleiche, seidenweiche Stimme, wie sie heutzutage fast nur einer Angel Olsen attestiert werden darf, dazu mit einer folkig-romantischen Vergangenheit, die selbst in der neu gefundenen Düsternis noch für die ein oder andere zerbrechliche Melodie sorgt. Auf der anderen Seite eine eisige Kälte elektronischen Ursprungs, die einem Nico oder Soap&Skin in Erinnerung ruft, gleichzeitig aber nicht mit dröhnenden Riffs spart. Der Abstieg ins Düstere ist da nur noch Formsache.

 

Wobei das ein bisschen zu selbstverständlich klingt, um "Abyss" gerecht zu werden. Denn das Album ist zu schön und gleichzeitig zu nahe an der ummantelnden Dunkelheit, als dass man sich erwehren könnte, genau dort hineingezogen zu werden. Was einem Wolfe bietet, ist nicht nur einfach wohlgeformte Musik, schöne Klänge oder metallische Eiswelten, sondern letztlich elf Songs, die so klingen, wie sich unauslöschliche Verzweiflung anfühlt. Deswegen ist es gerade die harte Monotonie von Grey Days, gepaart mit grazilen Streichern und kaum zu hörenden Gitarrenakkorden, die die LP am besten zusammenfassen. Unerbittlich und auf effektivste Art farblos, weil am Boden angekommen, ohne aber dabei die stimmliche Formvollendung zu verpassen. Weil gerade die am allermeisten dafür sorgt, dass Atmosphäre und Emotion eine gespenstische Eindringlichkeit entwickeln, sind es folgerichtig auch die ruhigeren Minuten, die sich eher einbrennen. Die kargen Zupfer von Survive sind der grausamste Untergrund für das hohe, zurückhaltende Flehen Wolfes, das schon mit den ersten Zeilen seinen Höhepunkt erreicht:

 

"You said you won't break my heart
Unless you do
You said you won't fall apart
Until the end"

 

Seinen Höhepunkt findet das in den unbeschreiblich gravitationsstarken Minuten von Crazy Love, dessen Streicher wenig dafür tun, die fundamentale Tristesse des Songs zu lindern. Selten haben eine Frauenstimme und eine Gitarre so vernichtend geklungen, wie in diesen einsamen Minuten.

 

Jetzt wäre es ein Fehler, deswegen einfach die Härteeinlagen, die Riffwände und elektronischen Dissonanzen beiseite zu schieben. Denn die forsche Eröffnung Carrion Flowers mit dem dröhnenden Duett aus drückenden Synthesizern und röhrenden Gitarren trägt genauso viel zur Vollendung der LP bei wie die verdammt beklemmende Klaviermelodie des Closers The Abyss, die immer mehr in elektronischen Soundeffekten untergeht, um schließlich schrägen Streicherklängen Platz zu machen. Ein beängstigendes Gefühl macht sich breit in einem Maße, wie es wenigen Horrorfilmen gelingen könnte. Wie stark allerdings auch die gekonnte Verbindung beider Welten klingen kann, die aggressive mit Metal- und Drone-Charakter, die zurückhaltende Folk-Serenade, beweist schon früh Iron Moon, das spärlichste Strophen mit einem hämmernden Industrial-Refrain paart und so zeigt, dass Wolfes Stimme beidem gewachsen ist.

 

Wie die US-Amerikanerin nach dem etwas formlosen Vorgänger diesmal überhaupt eindrucksvoll darlegt, wie ungleich bei ihr das Verhältnis zwischen Stärken und Schwächen ist. Man möchte ihr fast nichts raten, weil die wenigen schwächeren Momente eher der Überstrapazierung eines ansonsten so wirkungsstarken Sounds geschuldet sind, als dass wirkliche Fehltritte zu finden wären. Während ich dem Kollegen das Vorrecht zugestehe, sich ebenden Schwachstellen zu widmen, schließe ich mit den Zeilen, die "Abyss" und seinen Untiefen am ehesten gerecht werden:

 

"Look at the place we're in
The hell we left it in"

 

K-Rating: 8.5 / 10

 


Morbide Klänge aus dem Reich der Unterwelt.

 

In Zeiten wie diesen, in denen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft dank Trump, Putin und Tom Cruise für die Menschen immer mehr zu einem vergessenen Mythos vergangener Tage auswuchert, sollten die wenigen Verbliebenen, denen selbst unkorrupte Psychologen den Hauch einer Vernunft attestieren würden, Einigkeit demonstrieren. Und wo der Kollege schon die einmalige Chance ausruft, den perfekten Artist of the Week gefunden zu haben, will man diesem selbstverständlich nicht in den Rücken fallen.

 

Dass man auf die Hoffnung aber nicht zu sehr bauen sollte, hat der Kollege beim euphorischen Rezensieren von Chelsea Wolfes modernem Goth-Klassiker Abyss im Eifer des Gefechts wohl verschwitzt. Dabei suggeriert kaum ein Album der letzten Jahre diese traurige These wie das vierte Album der im sonnigen Kalifornien geborenen Künstlerin. Und tatsächlich hält dieses eine finstere Stimmung parat, die es nicht von ungefähr zu einem der jüngeren Meisterwerke der unheilvollen Klänge avancieren ließ. Bestätigung dafür findet man bereits auf den ersten beiden Tracks der LP. Carrion Flowers eröffnet das einschnürende Spektakel mit wuchtig dröhnender Gitarrenverzerrung optimal, auch die erdrückenden Industrial-Anleihen tragen zum Erfolg des Openers bei. Letztere wirken auch beim folgenden Iron Moon alles andere als deplatziert und erschaffen zusammen mit den karg instrumentierten Strophen eine beeindruckende Dramaturgie, die sich wie der überwiegende Rest der LP am besten nachts konsumieren lässt. Generell funktioniert dieses eigenartige Konglomerat aus Metal-Power, Industrial-Krach und Wolfes glockenklarer stimmlicher Präsenz überraschend gut. Primär liegt das daran, dass die Sängerin schon ein verdammt gutes Händchen dafür hat, gemeinsam mit Produzent John Congleton Sounds zu finden, die ihrem nuancierten Gesang gut zu Gesicht stehen und in denen sich ihre trostlosen Songs entsprechend entfalten können. 

 

Was weniger gut gefällt ist der Umstand, dass sich abgesehen von den exzellenten Streichern von Grey Days, den exzentrischen Elektronikspielereien von After The Fall und den aufreibenden Drums von Survive in weiterer Folge zu wenig tut, um eine Länge von fast einer Stunde rechtfertigen zu können. Während man auf der ersten Hälfte der LP so von einem spannenden Moment zum nächsten gespült wird, ermüdet sich/mich das Konzept des hämmernden Industrial-Gepolters mit Fortdauer der zweiten. Was nicht an den Stücken per se liegt, denn die morbide Stimmung von Crazy Love, die sich hinter den aufdringlichen Streichern aufbaut, kann es mit jeder Nummer der ersten Seite aufnehmen. Meinetwegen, Color Of Blood trübt das Bild mit seinem lästigen Flimmern und Wolfes buchstäblich zahnlos anmutenden Gesang zwar, viel eher ist es aber ein generelles Gefühl der Erschöpfung, das sich spätestens beim träumerisch schlierenden, insgesamt aber ziellosen Simple Death einstellt - gepaart mit der traurigen Erkenntnis, dass die elegischen Geschichten von Frau Wolfe leider nicht dieselbe absorbierende Wirkung entfachen wie jene anderer Künstlerinnen dieser Sparte (und zurück zu Soap&Skin und Nico).

 

Das ändert natürlich nichts daran, dass Abyss ein gutes, ambitioniert ausgearbeitetes Stück Lebensmüdigkeit im positiven Sinne ist, dessen Summe überraschenderweise weniger ergibt als seine einzelnen Teile. Vielleicht bin ich aber auch nur eine beleidigte Leberwurst, die Chelsea Wolfe nicht mit einer enthusiastischen Bewertung in Angel Olsen-Sphären katapultieren will. Ihr werdet es nie erfahren.

 

M-Rating: 6.5 / 10

 

Anspiel-Tipps:

- Iron Moon

- Grey Days

- Crazy Love