blink-182 - The Mark, Tom & Travis Show

 

The Mark, Tom & Travis Show
(The Enema Strikes Back)

blink-182

Veröffentlichungsdatum: 07.11.2000

 

Rating: 3 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 27.10.2017


62 Minuten, unzählige Gehirnzellen & ein Stück Hoffnung in die Menschheit, die man nie zurück bekommt.

 

Drei Jahre nach dem Eingeständnis, vor langer Zeit im Vollbesitz meiner altersbedingt beschränkten geistigen Fähigkeiten ein Album des Crazy Frog käuflich erworben zu haben, kann ich nun stolz verkünden, diesen zur LP geformten Schwachsinn hab nicht ich angeschafft! Ich hab ihn nur, in Ermangelung fundierter Kenntnisse über die Alternativen, als 12-Jähriger rauf und runter gehört. Womit zumindest die längst vergangene Version meiner Selbst in dieser Beziehung als Zielgruppendillo gelten muss, wie es sonst nur der heimische Herr Knieweich (©EAV) kann, wenn es an die regelmäßig wiederkehrenden Wahlen geht. Denn die Zielgruppe von Mark, Tom und Travis, das waren anno 2000 zu 99% die Pubertierenden, zu ungefähr zwei Drittel weiblicher Form, das andere Drittel hormongesteuerte Kotzbrocken mit Faible für tiefsten Humor. Dass mit dem Auftritt vor so einer Meute ganz schnell auch jegliche Intelligenz aus der heiligen Dreifaltigkeit des millennialen Pop-Punk verschwindet, ist eine beinahe logische Folge. Und dann kann nichts anderes daraus werden als diese Show.

 

Die übrigens dem Vernehmen nach archetypisch für die Band sein soll und also keinen schändlichen Ausreißer darstellt. Schändlich deswegen, weil man Schattenseiten von blink-182 zu hören bekommt, die auf den Studioalben sonst fast gänzlich versteckt, zumindest aber ausreichend klein gehalten werden. Dort wird für die Mädls gearbeitet und also hauptsächlich Süßholz geraspelt und adoleszent gekriselt. "The Mark, Tom & Travis Show" ist dagegen die Flucht aus diesem Alltag und bestückt die Songs, die man ohnehin zumeist in besserer Form nur wenige Monate bis Jahre davor veröffentlicht hat, mit Auszügen aus der Gedankenwelt von Hoppus und DeLonge. Die beiden bekommen zwar ihrerseits berechtigterweise Kongenialität zugeschrieben, trotzdem aber regiert in ihren Köpfen zumeist ein Maß an dämlicher Infantilität, das nur dann schlagbar wäre, würde man ihnen Adam Sandler - noch so ein zur wandelnden Erfolgsleiche gewordenes Relikt der späten 90er - zur Seite stellen. Auch ohne den reicht es aber zu nicht mehr Ertrag, als ausgerechnet dem Anfang und Ende des Konzert, den Renditions der Bandklassiker Dumpweed und Dammit. Die waren damals keine Klassiker, weil noch nicht einmal im Kindergartenalter, kommen dafür aber, noch schneller runtergespielt als in ihren Studioformen, als starke, dynamische Rückversicherungen für sonstige Schandtaten daher und verlieren nichts von ihrer unwiderstehlichen Eingängigkeit.

 

Was so nebenbei vielleicht hilft, ist die Tatsache, dass beiden Tracks der sprachliche Zubau fehlt, der sich sonst überall wie der Müll in Neapel auftürmt. In Anbetracht dessen, dass die gebotenen Songs im Hyperspeed abgearbeitet werden, damit wie im Falle des gehetzt wirkenden Aliens Exist ihren ursprünglichen klanglichen Charme verlieren und kaum auf die altbekannten Texte setzen können, bleibt eigentlich nur das komödiantische Zwischenspiel, um der LP ihre Daseinsberechtigung zu geben. Nur sind das so elendiglich peinliche Holzköpfe, die da auf der Bühne ihren unsäglichen Sprechdurchfall zelebrieren, dass man es nicht fertig bringt, die rüden Unterbrechungen der Performances einfach auszublenden. Und so ist es jedes Mal ein mühsamer Zieleinlauf, weil selbst im Vergleich zum Original kaum schlechtere Darbietungen wie die von Voyeur, Pathetic, Carousel oder Going Away To College extrem darunter leiden, dass auf die ordentliche Musik unerträglicher Dreck wartet, der nur die zum Lachen bringt, die bei "The Waterboy" noch intellektuell überfordert sind. Zitationen wären an dieser Stelle verfehlt, weil einerseits kein einzelnes Beispiel die ermüdende, ernüchternde und doch aufreibende Qualität des ganzen Haufens wiedergeben kann, außerdem das Abtippen der Wortmeldungen vielleicht noch schlimmere Folgen haben könnte. Nur so viel sei gesagt, selbst der bis zum damaligen Zeitpunkt und möglicherweise überhaupt emotionalste Song der Band, Adam's Song, findet ein unrühmliches Ende, indem sich Tom einmischt und lautstark "I want you all to say 'Fuck' with me!" in die Menge brüllt.

 

An der Live-Aufbereitung der Songs selbst ist dagegen im Großen und Ganzen wenig auszusetzen, klammert man die überspannende Fragwürdigkeit einer Live-LP aus, die zu einem Gutteil aus der Tracklist eines einzigen, im Jahr davor veröffentlichten Albums besteht. Das wirft die Sinnfrage auf, wobei immerhin die doch noch zugelassenen Beiträge von "Cheshire Cat" und "Dude Ranch" fast besser klingen als in ihrer damals aufgenommenen Form. Die miserabelste Neubearbeitung erfährt dagegen ausgerechnet Adam's Song, was ihn nicht seines starken Texts beraubt, aber doch dank Hoppus' wackliger Gesangsperformance, des unnötig lauten Geschredders von DeLonge und dem auch hier angezogenen Tempo alle atmosphärischen Qualitäten einbüßt. Die kreischenden Fans tun da das Ihrige. Die fehlen netterweise zum Schluss bei Single Man Overboard, der ans Ende geklebten Studioproduktion, die aber trotz passablen Inhalts und untypisch präsentem Bass kein großer musikalischer Wurf ist. Umso mehr, da sich der Song nach all der Live-Musiziererei überproduziert anhört, was auch der unvorteilhaften Glätte bei gleichzeitig doch äußerst geradlinigem Power-Chord-Pop-Rock zu verdanken ist.

 

Über den Rest könnte man den Mantel des Schweigens breiten, andererseits wäre die Untat, die das Album darstellt, nicht ausreichend eingefangen, würde man nicht zumindest erwähnen, dass es drei zunehmend grässlicher werdende Joke Songs auf die LP geschafft haben, die trotz aller Kürze ihren nachhaltigen Eindruck hinterlassen, und dass den eigentlichen Abschluss ein über zehnminütiges Konglomerat aus den sprachlichen Armutszeugnissen von Mark und Tom bildet. Das ist grässlich, also eigentlich grässlicher. Es bringt einen zurück zum Crazy Frog.

Weil die LP in ihrer Gesamtheit dann allerdings doch irgendwie durchzustehen ist, vor allem aber einzelne, wenige Tracks durchaus für mehrmalige Wiederholungen herauszupicken wären, hätte man nicht die besseren Studioversionen bei der Hand, kann man zumindest ein halbes Auge zudrücken, damit die Verbrechen nur mehr verschwommen zu sehen sind. Eine Daseinsberechtigung bekommt "The Mark, Tom & Travis Show" dadurch trotzdem nicht, aber das muss ja auch nicht unbedingt sein, oder doch?

 

Anspiel-Tipps:

- Dumpweed

Dammit