blink-182 - Cheshire Cat

 

Cheshire Cat

 

blink-182

Veröffentlichungsdatum: 17.02.1995

 

Rating: 4 / 10

von Mathias Haden, 14.02.2016


Puberty rules oder Die bemerkenswerte Kunst, keinen Ton zu treffen.

 

Aller Anfang ist schwer. Kann schwer sein. Meistens jedenfalls. Wirft man ein paar Blicke zurück in der Geschichte, fallen prominente Beispiele ein, die diese dankbare These stützen: der dieser Tage omnipräsente David Bowie etwa brauchte etliche Anläufe und Imagewechsel, ehe ihm mit Space Oddity der Durchbruch gelang, die neulich besprochene Kacey Musgraves musste einige LPs aufnehmen, bevor sie mit ihrem offiziellen Debüt das anvisierte Rampenlicht erhaschen konnte und selbst die so makellosen Seattler Nirvana stießen erst auf taube Ohren, bis Nevermind der Welt klarmachte, dass Grunge das größte Ding seit den Beatles war. Wer in dieser langen Auflistung von den meisten achselzuckend ignoriert wird, aber eigentlich nicht fehlen darf, sind die frühen Skate-Punk-Abenteuer von Tom, Mark und Scott (später natürlich Travis) alias Blink-182. Bevor deren Stern mit dem Verlauf der zweiten Hälfte der 90er höher und höher steigen sollte, setzten sie erste Schritte mit schiefen Tönen, miesen Witzen und einer blauäugigen Grinsekatze am Plattencover. Cheshire Cat war geboren und mit ihr ein weiterer Big Player der aufschäumenden Pop-Punk-Welle.

 

Knappe sechs Minuten hört man auch, warum das Trio schon in seinen frühen Tagen einiges an Lob innerhalb der Szene einheimsen konnte. So lange dauert es nämlich, bis das exzellente Auftaktduo Carousel und M+M's vorbeigerauscht ist. Da zeigt Tom DeLonge, dass er mit der Gitarre tatsächlich mehr anfangen kann, als auf College-Parties Alkohol aus dem Schallloch zu schlürfen. Während er hier locker zwei seiner coolsten Riffs aus dem Ärmel schüttelt, gerät auch sein weinerlicher Gesang weniger zum Reibepunkt, als man das ursprünglich erwarten hätte können und sogar textlich kann man hier, im Anfangsstadium der LP, von Lichtblicken sprechen:

 

"Now as I walk down the street
I need a job just to sleep in sheets
Buying food every once in a while
But not enough to purchase a smile"

 

Wunderwerke darf man sich nach diesem erfolgreichen Beginn wirklich nicht erwarten, ja noch nicht einmal eine Handvoll guter Tracks. Können auf der ersten Hälfte noch ein paar dynamische Riffs und explosive Drums den furchtbaren Jokes, die selbst "American Pie" ziemlich beschämt hätten, Paroli bieten, übernehmen in der zweiten Halbzeit Toilettenhumor und Testosteron endgültig das Kommando. Besonders das in seinem unfassbar beschissenen Witz berühmt berüchtigte Trio vor der Ziellinie verkörpert diesen kreativen Niedergang wie nichts zuvor - Kostprobe gefällig? 

 

"She said, 'When I was a little girl my dad left my mom.
He used to always fart and sing this special song.
Now I wasn't quite so sure until your pants did fall.
'Cause now I know that your my dad because you use ben wah balls'"

 

Wem bei diesen herzerwärmenden Zeilen aus Ben Wah Balls nicht zumindest ein schmerzverzerrtes Gesicht entwischt, der sollte schleunigst ein paar Furzkissen aufblasen gehen und den Triumph über dankbare Opfer ordnungsgemäß mit einer Runde Klingelstreiche zelebrieren. Just About Done denkt den 'Gedanken' noch ein Stückchen weiter, entledigt sich gleich überhaupt der lästigen Lyrik und gibt sich ganz affigem Gegrunze mit leichten Metal-Anleihen im Arrangement hin und Closer Depends weiß mit Hoppus' fiesestem Gesang auch die letzten positiven Erinnerungen an die LP zu zertrümmern.
Zwischen feinem Ein- und erbärmlichen Ausstieg tummeln sich freilich noch ein knappes Dutzend Stücke, rangierend von räudig bis ganz gut. Bemerkenswert ist, wie DeLonge es über die knappe Dreiviertelstunde zu Wege bringt, keinen einzigen Ton zu treffen. Sein Peggy Sue wird mit starker Rhythmusabteilung und prima Riff trotzdem zu einem heimlichen Favoriten, hält mit der melodischen Hook auch die Blaupause für kommende Episoden bereit. Und was macht Hoppus? Der darf auch ab und zu ans Mikro, hat neben M+M's mit dem energetischen Strings immerhin noch einen der besten Cuts auf der Habenseite.

 

Die schwachen Momente befinden sich dennoch in der Überzahl. Was mit pubertär spitzbübischer Bewunderung und Touchdown Boy noch einigermaßen harmlos beginnt, steigert sich mit DeLonges ätzendem Gequäke am rotzigen Does My Breath Smell Bad?, auf dem die erste halbe Minute allen Ernstes nur ihm und seinem Gesang gewidmet wird, und schließlich im bereits besprochenen, abschließenden Trio kulminiert - ganz abgesehen davon, dass hier - wie könnte es auch anders sein - ohnehin fast jeder Track gleich klingt und auf die selbe Strategie von polternden Drums und kraftvollen Power-Chords setzt. Nichtsdestotrotz bleibt Cheshire Cat mit seinen offensichtlichen Schwächen, die auch Nachfolger Dude Ranch mit mehr Pop-Appeal nicht so recht zu kaschieren vermag, ein logischer erster Schritt in der Karriere der Kalifornier. Die Kritikpunkte sind wie so oft bei dem Dreiergespann der ungute Humor, die immerzu gleiche Gangart des Frühwerkes und teilweise furchtbare Gesangseinlagen. Im Gegensatz zu späteren Werken sind die hörenswerten Tracks doch arg in der Minderheit, auch sucht man die charakteristischen Killer-Hooks a la Dammit hier noch vergeblich. Somit klingt das Debüt von Blink-182 mehr als zwanzig Jahre nach Erscheinen genauso eintönig wie überflüssig - wenn auch nicht gänzlich beschissen. Musik für "Austin Powers"-Aficionados und Achselfurzgutfinder.

 

Anspiel-Tipps:

- Carousel

- M+M's

- Peggy Sue