Bad Religion - Suffer

 

Suffer

 

Bad Religion

Veröffentlichungsdatum: 08.09.1988

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.04.2014


Nicht die besten Musiker unter den Punkern, wohl aber die besten Punker unter den Musikern.

 

Ein bisschen hab ich mich ja mittlerweile schon mit dieser lauten, wenig grazilen Musikrichtung befasst, von der ich da fasele. Und immer wieder tauchen ein und dieselben drei Bands an vorderster Front auf: Die 'we never made it to LP 2' Sex Pistols, die 'we just want to be successful and cool, but mostly successful' Ramones und The Clash - denen lass' ich ihren Ruhm, weil sie einfach so viel mehr drauf hatten als Punk. Ich würde da aber viel lieber Namen wie Bad Religion, die Dead Kennedys oder Social Distortion oder, oder, oder lesen. Denn da ging wirklich die Post ab. Vielleicht nicht so sehr bei den Live-Shows wie bei Sid Vicious oder Joe Strummer, dafür auf den Platten umso mehr. Wer also pure Energie, verpackt in knapp einer halben Stunde und bis nahe an die Perfektion gebracht, hören will, der sollte sich an "Suffer" halten.

 

Denn als Bad Religion 1988 ihre erste LP seit fünf Jahren und plötzlich mit zweitem Gitarristen unter die Menschen brachten, da war es für manche das Album, das alles änderte (O-Ton NOFX-Frontmann Fat Mike). Warum, ist leicht ersichtlich. Denn die US-Amerikaner präsentieren nichts als präzise vorgetragene Power Chords in Form von dröhnenden Klangwänden, High-Speed-Drums, die meist noch langsam genug sind, um den Fuß ordentlichst in Bewegung zu setzen, und gewichtige Worte der herausfordernden Art. Ein Spektakel, das einen nach dem Closer schon etwas wehmütig auf die kurze Spieldauer von 27 Minuten blicken lässt.

 

Aber zuerst noch mal alles auf Anfang. Dass das Duo Graffin/Gurewitz - liebevoll auch als Lennon/McCartney des Punk bezeichnet - am Mikrofon und den geheiligten sechs Saiten perfekt arbeitet, wird nämlich sehr früh klar. Schon Opener You Are (The Government) lässt einem keine Verschnaufpause, läuft von der ersten Sekunde weg auf allen Zylindern. Ein Einstieg, der bereits alles über die restlichen Nummern verrät. Graffin zeigt sich mit seinem hohen, alles andere als perfekten Organ freudigerweise als eine der sympathischsten Stimmen, die der Punk überhaupt so zu bieten hatte, die Musik tut das, was sie tun soll, nämlich ohne wenn und aber laut loszupreschen. So lässt sich's leben als geneigter Genre-Freund.

 

Und die Jungs machen mir den Job eigentlich auch ziemlich leicht. Denn abgesehen davon, dass sie mit Ausnahme von ein, zwei Durchschnittsnummern eine überragende Konstanz an den Tag legen, belassen sie es auch musikalisch größtenteils bei dem, was schon zu Beginn großartig aufgeht. Langweilig könnte man es nennen, aber genau das ist es nicht. Denn so ähnlich sich die Songs sind und so geradlinig die Band auch hier durchmarschiert, das Riff-Repertoire von Brett Gurewitz ist groß genug, um einem das Hören ordentlich zu versüßen. Und so hört man 1000 More Fools, How Much Is Enough? oder Land Of Competition und weiß kaum, was man denn bekritteln soll. Vielleicht folgendes: Songs mit knapp zwei Minuten Länge sind mit all ihrer Energie und all ihrer lyrischen Güte keine Ohrwürmer und halten sich dezent von der Perfektion fern. Stört aber nicht weiter, wenn sich doch fast alles hier nur dezent von der Perfektion fernhält.

 

Zu verdanken ist das neben dem hohen Tempo, dem sympathisch rohen Sound und Graffins Gesang - durchaus auch mit ordentlicher Background-Unterstützung - vor allem dem, was er singt. Viele Favoriten könnte man in diesen Zeilen suchen und fast alles wäre es wert, mal genauer drüber nachzudenken. So viel Platz gibt's nicht, deswegen kann ich nur meine präsentieren:

 

"Someone’s gotta tell me, do you see

That everything around you has a hidden tragedy?

Seeds of happiness

have never found a way to grow […]

When, when will you know

That human life is so short and death is oh so slow?

I’ve tried to make things make sense but I can’t

I’m happy just to watch them all and laugh"

 

aus dem Albumfavoriten When?, der mit seinem etwas melodischeren Sound schneller den Weg ins Gedächtnis findet als das übrige Material, und:

 

"A misanthropic anthropoid with nothing to

Say what you must, do all you can

Break all the fucking rules and

Go to hell with Superman and

Die like a champion, yeah hey"

 

eindrucksvoll präsentiert in Do What You Want.

 

Es wird ein kurzer Review für ein kurzes Album. Warum? Weil das Quintett aus Los Angeles schon mit dem ersten Song alles sagt und eigentlich auch alles richtig macht. Danach ändert sich wenig. Das ist die große Stärke, gleichzeitig aber wohl für so manchen auch die Schwachstelle einer solchen LP. Wer aber dem Punk mit seinen Power Chord-Orgien, seinen aggressiven Texten und dem hohen Tempo etwas abgewinnen kann, der wird hier seine helle Freude haben. Bad Religion haben hier alles richtig gemacht und sorgen dafür, dass "Suffer" seinem Namen nicht gerecht wird. Gelitten wird hier als Hörer mit Sicherheit nicht.