Avril Lavigne - Goodbye Lullaby

 

Goodbye Lullaby

 

Avril Lavigne

Veröffentlichungsdatum: 02.03.2011

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden, 22.12.2013


Lavignes neuerlicher Stilbruch wird zu einer gefühlsbetonten Achterbahnfahrt zwischen gesanglichen Glanzleistungen und songschreiberischen Schwächen.

 

Man sinniert ja gerne und stellt sich die Fanbases aller möglichen Interpreten vor. Nun ja, zumindest mir geht es oft so. Da wären z.B. die Metalheads, die ihre Köpfe zu Rammstein mehr oder wenig rhythmisch auf und ab wedeln. Oder die alternativen Studenten, die sich mit Green-Tea und ihren Umhängetaschen bewaffnet bei Indie-Acts wie den Shins zusammentreffen. Wie sieht es eigentlich mit Kanadas hellstem Popsternchen des letzten Jahrzehnts aus? Mit ihren ersten beiden Alben, bei denen besonders Under My Skin die verletzliche Seite der Sängerin zur Schau stellte, baute sie sich wohl einen Kern aus sensiblen, pubertierenden Emo-Mädchen auf, nur um wenig später mit The Best Damn Thing die Sau rauszulassen und gemeinsam mit ihrem Gatten zu der Zeit (Derrick Whibley von Sum 41) den Fun ihres Lebens zu zelebrieren. Und was bekommt man als treuer Fan, gemeinsam mit ihr vom Sensibelchen zur Partymaus gereift, dafür, gemeinsam durch dick und dünn gegangen zu sein?

Den nächsten Stilbruch. Weg vom Teenager-Pop Punk, hin zum ruhigen, abgespeckten und vor allem persönlicheren Sound von Goodbye Lullaby. Egal, ob nun die Scheidung von Whibley daran schuld ist oder nicht, Lavigne zeigt ihr bisher introvertiertestes Album.

 

Denn abseits von den Singles What The Hell, dem einzigen Stück, das dank Synthie-Sound und lockerer Stimmung an den Vorgänger erinnert, und Smile, eines der wenigen Male, dass E-Gitarren einen Song großartig klingen lassen, findet sich nichts wirklich Positives, geschweige denn Oberflächliches. Mit Ausnahme vielleicht von Stop Standing There, das mit den akustischen Gitarren und den dauernden Claps im Hintergrund stark wirkt, und der insgesamt nervigen Nummer I Love You.

 

Das war's aber wirklich. Sonst dominieren Trennungsschmerz, Hilflosigkeit und latente Traurigkeit. Das umzusetzen gelingt ihr mal besser, mal schlechter. Großes Highlight ist eindeutig die Akustik-Ballade Everybody Hurts, in der Lavignes Gesang einen bescheideneren Part einnimmt, deswegen aber umso besser passt. In den übrigen Tracks versucht sie nämlich allzu sehr über ihre Stimme zu punkten. Keine Frage, spätestens mit dem Closer Alice, ihr Beitrag zum Soundtrack des Films 'Alice in Wonderland', weiß man, was sie stimmlich drauf hat. Hier liefert sie die bis zu diesem Zeitpunkt beste Performance ihrer Karriere ab und auch davor gefällt die Fokussierung auf ihre Darbietung ab und an. Herausheben sollte man an dieser Stelle auch Black Star, für einen Werbespot zu ihrem gleichnamigen Parfüm aufgenommen und kurzerhand als Opener aufs neue Album gesetzt, auf dem Lavigne innerhalb von 94 Sekunden allein durch ihren schönen Stimmeinsatz und das perfekt an den Gesang angepasste Klavier so viel ausdrückt und die triste Stimmung der kommenden 50 Minuten ausgezeichnet einfängt.

Dennoch ist nicht alles Gold was glänzt und so vermiest gerade ihre im Fokus stehende Stimme auch einmal den Auftritt. Bei Songs wie Push oder Goodbye wirkt ihr Einsatz nämlich etwas übertrieben und nimmt der ruhigen Musik ein wenig ihre Wirkung.

 

Zweiter Kritikpunkt sind ohne Frage die Texte, wobei diesmal nicht nur der Inhalt, sondern besonders der Aufbau stört. Allerdings nur dann, wenn Lavigne sich daran macht, ihre Songs gänzlich allein zu schreiben. So geschehen bei den letzten Tracks, die beinahe allesamt textlich eintönig und einfach missglückt geschrieben wirken. Sie profitiert diesmal merklich von der Hilfe anderer was Writing, aber, wie man bei 4 Real merkt, auch was Produktion anbelangt (andererseits stammt auch Stop Standing There gänzlich von ihr und ist nicht wirklich enttäuschend). Ihr fehlt das Feingefühl für die Ausgestaltung, das andere mitbringen.

Damit verbunden, liefert sie nach einer passablen ersten Hälfte eine recht verkorkste zweite. Zwischen die beiden großen Highlights der LP, Everybody Hurts und Hidden Track Alice setzt die Sängerin nämlich mit dem eben angesprochenen 4 Real ("'Cause I'm for real / Are you for real?") die unbedeutendsten, nichtssagendsten Minuten. Dazu noch das überlange Goodbye, das sich trotz nettem Arrangement insgesamt mühsam hören lässt und die beiden passablen Nummern Darlin und Remember When, bei dem ersteres eigentlich sogar ganz anständig tönt und sich Gesang und akustische Gitarre gut zusammenfügen.

 

Irgendwie muss man Goodbye Lullaby aber doch mögen. Denn die Schwächen, die Lavigne zweifelsohne zeigt, macht sie durch den insgesamt sympathischen musikalischen Stil und ihre im Ganzen betrachtet durchaus starken Gesangseinlagen wett. In Songs wie Alice oder Everybody Hurts klingt sie nämlich schlicht perfekt. Bedingt auch dadurch, dass ihre Entscheidung, sich großteils auf akustische Gitarren, Klavier und ansonsten nur marginale zusätzliche Instrumentierung zu verlassen, durchaus funktioniert. Dass gerade der E-Gitarren-Klang von Smile so gut kommt, ist ironisch, dank der starken Riffs aber nicht weiter verwunderlich.

 

Das Urteil fällt also zwiespältig aus. Einerseits gefällt die Musik insgesamt, auch wenn öfter mal der Wiedererkennungswert fehlt. Dazu kommt Lavignes bislang überzeugendste Leistung als Sängerin und die interessante persönliche Seite, die ihre Songs diesmal bieten. Andererseits scheint das Album handwerklich unfertig und das Gesamtbild der Tracks ziemlich durchwachsen. Vor allem im letzten Drittel kommen die Lieder sowohl musikalisch als auch textlich zu unausgegoren daher. Deswegen kommt nicht das große Hörvergnügen auf, das es eigentlich bieten hätte können. Dennoch, ein schönes Album für melancholische Herbsttage und vermutlich das sympathischste der kleinen Kanadierin.

 

Anspiel-Tipps:

- Black Star

- Everybody Hurts

- Alice