Aterciopelados - El Dorado

 

El Dorado

 

Aterciopelados

Veröffentlichungsdatum: 24.10.1995

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.07.2016


Die rockigen 90er lassen grüßen, Südamerika nicht so wirklich. Auch der Erfolg schaut nur halb vorbei.

 

Das Exotische ist auch nicht mehr, was es einmal war. Es gab Zeiten, da haben einfach die Klischees besser gepasst. Aber heute ist Maki genauso exotisch wie ein Apfelstrudel und Kängurus sind so faszinierend wie der x-te Collie, der irgendwo auf die Wiese...naja. Nur Schottenröcke sind noch nicht so wirklich in unserer Gesellschaft angekommen. Mag wer raten, warum dem so ist? Schottenröcke bringen uns aber nicht nach Kolumbien. Ein Land, das dank Shakira zwar musikalisch eh nur mehr bedingt eigenständig daherkommt, das aber auch viel mehr zu bieten haben sollte. Wahrscheinlich stimmt das auch, nur verträgt sich der Gedanke nicht so ganz damit, dass Aterciopelados als krönendes Beispiel der Vermählung von "westlichen" Einflüssen mit regional kolumbianischer Musik gelten. Den Status haben sie seit den 90ern, damals noch als Pioniere des dortigen Rock und deswegen irgendwie wichtig. Aber nicht so richtig, lässt man zumindest die Musik sprechen.

 

Diese Aussage ist gemein, so viel muss ich zugeben. Aber immerhin schreib ich, also darf da keiner überrascht sein. Auf alle Fälle besteht die Möglichkeit, dass mit "El Dorado" einfach daneben gegriffen wird, wenn es um die korrekte Aufsummierung der Karriere dieser Band geht. Es war das Zweitwerk und brachte den Durchbruch, vielleicht war aber die Erfolgsformel doch noch etwas gar roh. Und wohl auch etwas zu viel 90er. Die Musik passt dank manch röhrendem Riff hier, Akustik-Balladen oder allzu typischem, zwischen Indie und Garage steckendem Alt-Rock so perfekt in das Jahrzehnt, wie es auch das bedauernswert miserable Cover tut.

Doch man ist über jeden Zweifel bezüglich musikalischer Stümperhaftigkeit erhaben. Frontfrau Andrea Echevarri ist alles andere als ein Stimmwunder, doch rasche Tempo- und Lautstärke-Wechsel machen ihr genauso wenig wie der Sprung von der sanften Harmonie zum erratischen Pseudo-Rap. All das zeigt sich schon im Opener Florecita Rockera, der auch gleich die Instrumental-Front in Stellung bringt und illustriert, dass es mit einem Stil nicht getan sein wird. Es ist ein gemütlich-melodischer Start mit Riff, den die Red Hot Chili Peppers Ende der 90er genauso hätten heraushauen können, der sich aber auch ansatzlosen punkigen Ausbrüchen und der komplett schrägen Reggae-Bridge - Colombia Conexion bietet allen Reggae- und Ska-Fans noch mehr davon - geschlagen geben muss. Das kann schon was, fad wird einem gleich zu Beginn auf alle Fälle nicht. Aber bereits da beschleicht einen das Gefühl, einen musikalischen Fleckerlteppich vorzufinden, der in Anbetracht der Soundwechsel suboptimal rau produziert ist.

 

Ein Gefühl, das den Opener nicht weiter am guten Gelingen hindert und auch irgendwie das Übrige nur über drei Ecken beschreibt. Denn die Songs werden mitunter markant geradlinig und streichelweich, lassen auch bei Zeiten nur noch durch die pflichtschuldig eingestreuten akustischen Zupfer erkennen, dass das Album nicht in Kalifornien oder London aufgenommen wurde. Zumindest wenn man den Affront begeht zu vergessen, dass da eine Dame recht überzeugend auf Spanisch dahinträllert. An ihrer Stimme scheitert auf alle Fälle nichts. Viel mehr weiß man nicht, warum man sich eigentlich den sonnigen Allerweltsrocker Sueños Del 95 oder das träge, zupfertechnisch unbeholfen an der regionalen Prägung anstreifende Akustik-Stück Las Cosas De La Vida anhören sollte. Aterciopelados sind da wunderbar unaufdringlich und auf wunderbare Art nicht schlecht, aber auch so verdammt unanziehend, wie es sonst nur zu spät gekommenen Soft-Rockern möglich wäre.

Und dann wird plötzlich wieder ein anderes Liedchen gespielt und das Tempo hochgeschraubt. Dort soll ja manchmal der Heilige Gral zu finden sein. Die Kolumbianer finden nur blöderweise nichts dergleichen, auch wenn sie mit dem offensichtlich von Latin und Flamenco inspirierten Getrommel Candela Beine machen oder No Futuro zum ruhelosen quasi-Grunge erklären. Es sind so nette Stückerl, die fast die ganze LP ausmachen. Aber nett ist eben auch nicht unbedingt alles. Ob die Produktion Schuld ist an der mangelnden Vehemenz oder ob es einfach die ständige Suche nach neuen Melodien und dem nächsten Mini-Stilbruch bedingt, dass wenig wirklich aufgeht, ist schwer zu beurteilen.

 

Wie auch immer das genau ist, die rockige Konventionalität und die durch Lateinamerika streifende Probier-Wut trifft sich nur selten am richtigen Punkt. Während einiges will, aber nicht kann, zeigt der Breakthrough-Hit Bolero Falaz, wie es anders geht. Das inspirierende Genre spuckt schon der Titel aus und tatsächlich wird aus der so gemächlich beginnenden Latin-Ballade ein fein abgestimmter Harmonie-Beweis, der die dezenten Riffs und die Brücken schlagende Percussion gekonnt vereint und so langsam, aber sicher den Weg in Richtung vollmundigen Latin-Rocks bewältigt. Und wem ist's zu danken? Allen natürlich, wo käme sonst die Harmonie her? Ein kurzes Extra-Lob trotzdem für Echevarri, deren nicht ganz einfaches Charakter-Stimmchen nirgends so gut zur Geltung kommt. Dürfte manchmal auch nicht das Ziel gewesen sein. Zumindest macht das starke Pilas! nicht den Eindruck, als wären die treibenden Drums und die frenetischen Riffs wirklich dafür gedacht, Echevarri den roten Teppich auszurollen. Sie kämpft erfolgreich dagegen an und beweist damit, dass sie auch im energiegeladenen Latin-Punk der Marke Mano Negra nicht am falschen Platz wäre. Im Gegensatz dazu ist es wohl meiner Charakterschwäche zu verdanken, dass der gut intonierte, aber allzu formelhafte Alt-Rock von El Diablo - strukturell davor und danach hunderte Male gehört - auch als positives Beispiel durchgeht.

 

Könnte auch daran liegen, dass "El Dorado" sonst allzu oft als brave LP daherkommt. Gar nicht so sehr musikalisch, für Abwechslung und zwischendurch auch mal ordentlich Power ist durchaus gesorgt. Aber in der Hinsicht, dass nichts so wirklich voll aufgeht, nichts so ganz den Effekt hat, den sich die Kolumbianer wohl wünschen würden. Zu deren Verteidigung sei anzumerken, dass ein Aterciopelados-Album ob textlicher Gewichtigkeit ohne Spanisch-Kenntnisse schon von vornherein nur ein halbes Abenteuer ist und deswegen nichts abheben will. Dann hieße das für beide Seiten: Dumm gelaufen. Bis allerdings der Beweis dafür erbracht wurde, bleibt einem ein einziges Urteil: "El Dorado" könnte an allen Fronten etwas mehr Finesse und Nachdruck vertragen und klingt weit weniger nach Kolumbien, als man das von den Parade-Rockern des Landes gern hätte. Wer trotzdem noch nicht genug 90er-Alt-Rock gehört hat und dazu mehr Spanisch kann als Si, wird die damals noch vierköpfige Band allerdings ziemlich sicher liebgewinnen.

 

Anspiel-Tipps:

- Bolero Falaz

- Pilas!

- El Diablo