Angels & Airwaves - We Don't Need To Whisper

 

We Don't Need To Whisper

 

Angels & Airwaves

Veröffentlichungsdatum: 23.05.2006

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 26.01.2018


Aufgeblähtes Vakuum im bombastischen Rock-Mantel.

 

Diese Einleitung wird eine einigermaßen lahme, was schlicht damit zusammenhängt, dass die felsenfest im Wege eines Reviewbeginns stehenden Statements eines Tom DeLonge an seinem geistigen Tiefpunkt eher Meme-Qualität besitzen und daher zu einem totgewalzten Gleichnis für alle Schwächen von Angels & Airwaves geworden sind. Diese Geschichte mit dem Album, das eine ganze Generation prägen und ein neues Rock-Zeitalter anbrechen lassen sollte. Hat alles dramatisch an Humor eingebüßt. Trotzdem ist zumindest die Genese von Angels & Airwaves und der ersten LP dieses Pet Projects von DeLonge elementar, weil sie letztlich die Basis für die Botschaft all dieser zehn Songs ist. blink-182 war zusammengebrochen, weil der Sänger mit dem schiefen Stimmchen die Selbstverwirklichung und den Weltschmerz in seiner kitschigsten Form für sich entdeckt hatte, und irgendwie musste mit der durch diese Entdeckung freigesetzten Energie Neues geschaffen werden. Am besten gleich noch etwas, das Seelenqual und -erwachen des Frontmanns treffend einfängt. "We Don't Need To Whisper" scheint nicht einmal das wirklich zu können.

 

Wobei von Beginn weg schon alles schön kitschig und weltschmerzig ist, eben nur nicht auf die sonderlich bekömmliche Art und schon gar nicht mit einer wirklich wahrnehmbaren persönlichen, berührenden Komponente. Diese Tatsache hätte auch allen Beteiligten im Vorhinein klar sein können, weil DeLonge eher wenig innovativ irgendwo zwischen Pink Floyd (produktionstechnisch), The Police (hooktechnisch) und U2 (größenwahnsinnstechnisch) eingeparkt hat. Jetzt haben die alle ihre emotionalen Momente im Repertoire, nur bedarf es eines verdrehten Hirns, um einen Mischmasch aus diesen Vorbildern zu kreieren und zu glauben, man könnte dann irgendwo ein Wish You Were Here, Every Breath You Take oder auch nur ein Sunday Bloody Sunday herzaubern. Sowas geht sich nicht aus. Die Bemühungen sind nichtsdestotrotz offensichtlich, von den ersten, unheilvoll bombastischen Tönen in Valkyrie Missile weg. Nur ist es so, dass man mit großspurigen Orgelklängen, pseudo-spaciger Mischung aus flimmernden Synthesizern und sperrigen Elektronik-Beats und Wortfetzen stammend vermutlich von der letzten Apollo-Mission eher schwer zu tiefschürfenden Botschaften kommt. Man baut Atmosphäre auf, ziemlich ordentlich sogar. Man setzt aber genau der auch relativ gut zu durch das bemüht bedeutungsvolle, effektiv aber leichtgewichtige Jangle-Pop-Gedudel ab der Songmitte, dem weder der dürre Beat noch die gequälten Gesänge von DeLonge helfen.

 

Man könnte jetzt in ähnlicher Art und Weise über jeden Song schreiben und würde den Nagel oft recht gut am Kopf treffen. Vielleicht abgesehen davon, dass es einige Songs nicht weit genug bringen, irgendwo Atmosphäre aufzubauen. Die elementaren Bausteine dieses gewollt epochalen Weltretter-Albums sind aber eigentlich immer die gleichen. Atom Willard wird dazu verdonnert, die undynamischsten Drum-Parts einzubauen, die er aus seinen Händen holen kann, meistens noch unterstützt durch spröde Claps oder fade Elektronik-Spielereien. Ryan Sinns Bass stolpert ähnliche träge dahin und musikalisch muss so alles über DeLonges Domäne, die hellen Pop-Riffs geregelt werden, so nicht irgendwo ein paar Synthesizer dazwischen funken. Das ist eine dermaßen ertraglose Mischung, dass man bei Distraction oder A Little's Enough hauptsächlich im Kopf behält, dass andauernd irgendetwas ins Nichts nachhallen muss und irgendso ein Typ mit heraufdämmerndem Gottkomplex schwülstigen Müll ins Mikro jault, ohne auf Tonhöhen oder Gesangsmelodien wert zu legen. Letzteres war zwar auch Spezialität mancher Rock-Ikonen, die haben aber selten wie gefolterte Katzen geklungen.

 

Ob hier nun wirklich auf rein instrumentaler Ebene schon so viel im Argen liegt, dass nichts mehr gelingen will, ist trotzdem etwas fraglich. Tatsache ist nämlich, dass kompositorisch bereits wenig Potenzial da ist, ruft man sich die spärlichen und doch wieder brachial eingebauten Tempo- und Stimmungswechsel der LP ins Gedächtnis und kombiniert diese mit dem bestenfalls durchschnittlichen Angebot erinnerungswürdiger Hooks. Erstickt man den Rest dann noch in einer leblosen Produktionshölle des Bombasts, ist nicht mehr viel vom Hörgenuss zu spüren. Selbst in den eher rar gesäten starken Momenten, der Leadsingle The Adventure zum Beispiel, ist von wirklicher Dynamik und einem lebhaften Ganzen kaum zu reden. Natürlich, da packt er die guten Melodien aus, da flutschen die Übergänge so richtig und das Gitarrengeschredder im Intro lässt einen an die guten Seiten von U2 denken. Aber Triumphzug sind spätestens die lethargischen Refrains nicht mehr. Da wird jedes Momentum abgetötet und in enttäuschende Gefühlsduselei verwandelt. Mit Aggressivität hätte er es als Gegenpol zu solchen Auswüchsen vielleicht öfter probieren sollen, die schwingt nämlich beim apokalyptischen Anti-Kriegs-Song The War mit und sorgt mit dem chronisch unterrepräsentierten, trotzdem aber erfreulichen harten und spröden Riff für die besten Minuten der LP. Es sind auch die beinahe untypischsten, weil sich da eine Geradlinigkeit andeutet, die einen nicht bereits bei Songhalbzeit ans Ende denken lässt. Eine seltene Leistung hier, die sonst eigentlich nur mehr It Hurts hinbekommt, monotonste und schmalzigste Vorstellung hin oder her.

 

Ansonsten sind es verdammt zähe Minuten, die man da zu hören bekommt. Minuten vor allem, die so nichts mehr von der vitalen, vielgesichtigen Kreativität in sich tragen, die Tom DeLonge ins self-titled Album von blink-182 einfließen hat lassen. Gleichzeitig ist von der rohen Dramatik einer Box-Car-Racer-LP auch kaum etwas zu spüren, auch wenn sich DeLonge wenigstens um die Dramatik redlichst bemüht. Die findet er in dem Sinne auch, anstatt sie aber zu kanalisieren und intensivieren, lässt er sie verenden in ewiggleichen, dahinplätschernden Arrangements, deren Bedeutung einzig und allein durch ihre Texte entstehen soll. Und diese Texte sind viel zu oft zum Kopfschütteln. Dass das ausgerechnet dann passiert, wenn die lebende One-Man-Show DeLonge am persönlichen Tiefpunkt ist, überrascht jetzt weniger. Es kommt nur ein wenig blöd, dass sich das mit der Ankündigung einer musikalischen Revolution und dem Beginn eines neuen Langzeitprojekts überschneidet. Beides stand vom ersten Tag an unter keinem guten Stern, soviel ist spätestens mit "We Don't Need To Whisper" sicher gewesen.

 

Anspiel-Tipps:

- The Adventure

- The War

- It Hurts