MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Soap&Skin Songs

Wenn es einen modernen heimischen Interpreten gibt, den man auf alle Fälle kennen sollte, dann ist zwar die Wahl gar nicht so einfach, wie man vielleicht meinen möchte, sie würde aber unweigerlich früher oder später auf Soap&Skin alias Anja Plaschg fallen. Es hat vor etwas mehr als einem Jahrzehnt nicht lange gedauert, bis man sich auch außerhalb Österreichs darin geübt hat, ein bisschen beeindruckt zu sein von ihr und nicht ganz unberechtigte Vergleiche mit einer gewissen Nico anzustellen. Der Rest ist in Wahrheit Geschichte zwischen erdrückend schwermütiger neoklassischer Romantik und mitunter erschreckendem, elektronischem Darkwave-Horror, zuletzt allerdings auch mit optimistischeren Tönen auf einer LP, die kaum weniger ausgefeilt gewirkt haben. Das bedeutet eine bisher quantitativ magere Diskographie, die aber qualitativ so überwältigend ist, dass eine Reduktion auf zehn Songs eigentlich schon eine unzulässige Verknappung darstellt. Gemacht wird's jetzt trotzdem.

 

erstellt am: 20.12.2018


10.

 

Fleischwolf

 

Lovetune For Vacuum
2009

 

Plaschgs vom ersten Album weg gezeigte Stärke, sich eben nicht der musikalischen Eindimensionalität hinzugeben und den zerbrechlichen Klaviermelodien karge Industrial-Härte gegenüberzustellen, hat mehr als einmal einen lange nachhallenden Eindruck hinterlassen. Einen solchen bekamen nur die US-Amerikaner, wenn es um Fleischwolf und damit den womöglich verstörendsten Track ihrer gesamten Karriere geht. Dafür bedarf es wenig, eigentlich zu Anfang nur aufgenommenem Schweinegrunzen, das mit latentem Surren im Hintergrund bereits unbequem genug wäre. Wobei sich etwaige Eindrücke in diese Richtung immens verstärken durch den nach einer Minute einsetzenen, sperrigen Beat, die nunmehr abgehackten Grunzgeräusche und eine dazu arrangierte elektronische Soundcollage, die ein unwirkliches Setting hinterlässt, zu dessen Wirkung auch der Titel ein gutes Stück beiträgt.

9.

 

Deathmental

 

Narrow
2012

 

Wir bleiben vorerst im elektronischen Bereich bewegen uns aber in Richtung Darkwave und gleichzeitig auf das zweite Album der Steirerin. Das war, den Umständen geschuldet, karg und kurz, wirkte im Zuge dessen aber vor allem in den Momenten fernab neoklassischer Elemente umso unwirtlicher. Die Härte von Deathmental ist das beste Beispiel dafür, wobei man dem abgehackt hämmernden Beat im Hintergrund auch mit noch so hymnischen Bläserklängen und industriell kalten, jeder Melodik beraubten Keyboard-Einsätzen seine dominante Rolle nicht nehmen kann. Ein wütendes Pochen ist, was am ehesten nachhallt, der für sich genommen bereits eindringliche Rest ist beinahe Beiwerk. Auch bedingt dadurch, dass sich selbst mit diesem vermeintlich vollen Arrangement ein in Wahrheit minimalistisches, zerrissenes Arrangement ergibt, das unglaublich gut zu Plaschgs majestätisch tonlosem Gesang passt.

8.

 

Surrounded

 

From Gas To Solid / You Are My Friend
2018

 

In der Gegenwart angelangt, ist wenig übrig von Minimalismus und in Wirklichkeit auch von abweisenden Klängen. Soap&Skins dritte LP, "From Gas To Solid / You Are My Friend" ist mit Sicherheit nicht fröhlich oder unbelastet, aber relativ betrachtet einlandend und ummantelt einen klanglich beinahe wärmend. Surrounded macht das deswegen eindeutig am besten, weil es mit einem Arrangement von unbestrittener Schönheit aufwartet und die zahlenmäßig ungekannt große Unterstützung an instrumenteller Front unglaublich gut ausnutzt. Insofern werden die langgezogenen, mitunter flehend wirkenden Gesänge Plaschgs unterstützt von einem voluminösen Aufgebot aus dramatischen Streicher- und Bläsereinsätzen, die das wiederum am Computer erstellte Grundgerüst des Songs ungewöhnlich organisch und hoffnungsfroh klingen lassen. Dass dem überzeugenden klanglichen Klimax dann noch ein dezentes Klavierfinale nachgelagert ist, schadet natürlich auch kein bisschen.

7.

 

Voyage Voyage

 

Narrow
2012

 

Womöglich eine Überraschung für alle, die Soap&Skins Arbeit kennen, ist doch das Cover des 80er-Hits von Desireless nicht unbedingt eine der beliebtesten Performances, die die Österreicherin bisher geboten hat. Doch die Kombination ihres vereinnahmenden Klavierspiels, das sich zwischen schwerer Düsternis und zerbrechlich hellen Akkorden ausbreitet, des wiederum theatralischen Streichereinsatzes und Plaschgs äußerst kantiger Interpretation der französischen Sprache geht auf ganz besondere Art unter die Haut und schafft es innerhalb von fünf Minuten jegliche Skepsis in einen riesigen Knoten im Hals und erdrückende Stille zu verwandeln.

6.

 

Me And The Devil

 

Sugarbread
2013

 

Respekt, wem er gebührt, und somit eine ganz besondere Verbeugung vor der Leistung, ein Loch von sieben Jahren zwischen zwei Alben rückblickend mit einer einzigen EP/Single adäquat auszufüllen. Nun, in puncto Menge wäre mehr gegangen, doch Sugarbread ist nicht weniger als ein auf drei Songs verdichtete Zusammenfassung aller Stärken und eindrucksvollen Eigenschaften, die Plaschg bis dahin an den Tag gelegt hat. Und nicht nur das, es klingt auch im Fall von Me And The Devil souveräner denn je. Wiederum ein Cover, diesmal vom alten Bluesklassiker aus Robert Johnsons Feder, wird in Plaschgs Händen daraus kaum näher zu definierender, irgendwo zwischen Darkwave, Chamber Pop und cineastischer Theatralik trabendes Spektakel, das durch ihre ausdrucksstarke gesangliche Performance und den prägnanten Streichereinsatz sowie dem gleichzeitigen Pizzicato eine gespenstische Aura entfaltet.

5.

 

Mr. Gaunt Pt. 1000

 

Shitkatapult Empfiehlt!
2006

 

Wenige werden dagegen argumentieren, wenn man "Lovetune For Vacuum" und also Soap&Skins Debüt als ihr bei weitem schönstes Album bezeichnet. Vielleicht hat es geholfen, dass die Songs darauf über einen Zeitraum von etwa vier Jahren und bei beinahe komplettem Fehlen von irgendwie gearteter Öffentlichkeit stattgefunden haben. In diesem künstlerischen Vakuum ist der Österreicherin allein schon deswegen Beeindruckendes gelungen, weil sie als 16-Jährige einen Song wie Mr. Gaunt Pt. 1000 zu einer kleinen Compilation beizusteuern hatte. Diese neoklassische Komposition ist möglicherweise mit Blick auf die einzelnen Bestandteile unscheinbar, allerdings ultimativ herzzerreißend. Reduziert auf Plaschg und ihr Klavier, ist mit den kristallklaren, hohen Tastenschlägen nach wenigen Sekunden die Stimmung des gesamten Songs eingefangen. Die verstärkt sich natürlich noch weiter, weil gesanglich ein zerbrechliches Hauchen und letztlich kaum wahrgenommene Streicher der einzige Zusatz zum fragilen Klavierspiel bleiben und damit wenig die Wirkung der zerbrechlichen Melodie stören könnte.

4.

 

Marche Funèbre

 

Lovetune For Vacuum
2009

 

Da durfte man das erste Mal ein bisschen Angst vor ihr haben. Todesmarsch nennt er sich auf Deutsch, dieser neoklassische, mit Elektronik der Wirklichkeit und Schönheit komplett entzogene Koloss, dessen drückende Klangwände und verzerrten Samples eine ungemütliche Brücke von New-Age-Gesang zur finsteren Darkwave-Soundcollage spannen. Irgendwann inmitten der ohnehin nur knapp drei Minuten geht einem da das Gefühl für eine irgendwie geartete positive Umwelt verloren und man versinkt in diesem majestätischen Meisterwerk, das eine eisige Ausstrahlung besitzt und sich trotzdem die erhabene Schönheit des eigentlich klassischen Unterbodens erhalten hat.

3.

 

Thanatos

 

Lovetune For Vacuum
2009

 

Thanatos darf, unwirtliche Elektronik hin oder her, womöglich als das dunkelste Kapitel des Debütalbums gelten. Die voluminösen, schweren und nachhallenden Klavierakkorde, die immer wieder ihre monotonen, hellen Counterparts ablösen, schaffen eine endzeitliche Atmosphäre, in die sich nicht nur das Video, sondern auch der von Plaschg gleichermaßen ungerührt wie dramatisch vorgetragene Text einreihen. Das Gesamtbild ist schließlich das eines Requiems, bedingt im Reinen mit dem eigenen Schicksal, definitiv aber erhobenen Hauptes darauf zuschreitend.

2.

 

Sugarbread

 

Sugarbread
2013

 

Tipp für Fortgeschrittene: Song inklusive Video allein in der nächtlichen Dunkelheit hören.

 

Nicht-Fortgeschrittene sollten allerdings gewarnt sein vor diesem Song. Beginnend mit einem hämmernden, in die Leere nachhallenden Beat und Plaschgs verstörendem, gequältem Geschrei, wurde Sugarbread von mir einmal durchaus treffend als musikalischer Terror beschrieben. Zumindest diese eröffnenden Sekunden sind es, daran lässt die einem grausamen Horrorfilm ähnelnde Soundkulisse keinen Zweifel. Die Annahme, das könnte nicht so weitergehen, wird auf gleichermaßen beeindruckende wie erdrückend dunkle Art widerlegt. Zwar kommt mit einem der besten Übergänge der Musikgeschichte nach ungefähr einer Dreiviertelminute mehr Tempo in den Song, die unwirklichen Bläsersätze, der monton pulsierende Beat und die zusätzlich eingeflochtenen lateinischen Choräle erzeugen eine im richtigen Moment erschreckende Erfahrung. Dass Plaschg das gegen Ende abrupt abwürgt und durch pastoral-hymnische Orgelklänge konterkariert, hilft stimmungsmäßig nicht unbedingt. Im Gegenteil, es wird einfach nur immer und immer ungemütlicher.

1.

 

Cynthia

 

Lovetune For Vacuum
2009

 

Vielleicht kann man über Cynthia weniger sagen als über manche der vorangegangenen Songs. Es ist diesmal tatsächlich nichts außer Plaschg und einem Piano. Diese Reduktion hilft allerdings, den Song auf einen emotionalen Kern zurückzuführen, der trotz kaum überhörbarer Stimmmanipulationen eine berührende und zerbrechliche musikalische Darbietung ergibt, die sich eigentlich nicht mehr steigern lässt. Dafür mitverantwortlich ist natürlich auch der halb gehauchte Gesang, der um den, einem düsteren Mantra gleichenden Satz "I'm waiting for this test to end" kreist. Doch Plaschgs gestalterisches Mittel der Wahl ist in diesem Fall ihr Klavierspiel und das in puristischer, fragiler Form, deren Wirkung spätestens mit einem kurzen Solo zur Songmitte ins Unermessliche steigt. Der Effekt ist ein vernichtender.

Schlusswort:

Es fällt einigermaßen schwer, über Soap&Skin zu schreiben, ohne in Superlativen zu verfallen. Zumindest mir... Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem ihr die Fähigkeit, so beständig zu beeindrucken und emotionale Tiefe mit musikalischer Schönheit oder aber selbstgewählter Unschönheit so mühelos zu verbinden, abhanden kommt - und er ist, ehrlich gesagt, bereits abzusehen. Ein bisschen wurde dieser Status einer immerwährend genialen Musikerin angekratzt, weil nicht mehr nur in einzelnen Momenten auf dem Album die Genialität gefehlt hat. Nichtsdestoweniger ist Anja Plaschg eine Ausnahmemusikerin, die in puncto Atmosphäre und emotivem Arrangieren kaum zu toppen ist. Die hier vereinten zehn Songs sind da wirklich nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs, den sie mit nicht einmal 30 Jahren bereits angesammelt hat.

 

Kristoffer Leitgeb, both me AND the devil