Soap&Skin - Lovetune For Vacuum

 

Lovetune For Vacuum

 

Soap&Skin

Veröffentlichungsdatum: 13.04.2009

 

Rating: 10 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 05.09.2014


Über die Schönheit des Dunklen und Traurigen.

 

Also, ich trau mich da jetzt nicht. Das kommt sicher nicht im Kurs 'Review schreiben leicht gemacht' vor. Zum allerersten Mal fürchte ich, mit meinem Geschreibsel dem Akustischen nicht einmal im Ansatz gerecht zu werden. Zu schwer die Aura einzufangen, die emotionale Tiefe widerzuspiegeln. Anja Plaschg gehört da zu diesem Raritätenkabinett, das durch eine alles erdrückende Schwere besticht, die einen ungerührten Durchlauf fast unmöglich macht. Irgendwo zwischen Nico, Björk und Joy Division nimmt sie Platz und macht ihr Debüt zur schaurigen Schönheit, zum wunderbar Verwundeten, kurz: Zu einer Machtdemonstration auf allen Ebenen.

 

Man verzeihe mir, wenn ich ins Schwärmen gerate, aber so schnell zu beeindrucken vermochte doch noch kein Artist. Diese perfekt inszenierte Darbietung mit ihrem Gemisch aus karger Klavierperformance, teilweise beklemmend manipuliertem Gesang und elektronischen Verfeinerungen aller Art trifft einfach in jeder Facette, von der ersten Sekunde bis zur letzten. Die ersten markiert Sleep, dessen Intro mit drückenden Klavierakkorden und den entgegen spielenden ersten Stimmeindrücken überzeugt, wird zum ersten Auftritt düsterer Seelenpein, die hier nie daran denkt nachzulassen. Zur Songmitte vervollständigt durch den brachialen, kalten Beat ergibt sich eine unheilvolle Mischung, die einen vollkommen vereinnahmt. Ein gruseliges Schauspiel, möchte man meinen, dabei liegt in den Arrangements der Steirerin eine grazile und bei Zeiten träumerische Eleganz, die auch ganz andere Emotionen beherbergen könnte. Cry Wolf veranschaulicht ebendas, bietet eine Melodie, die direkt einer Spieluhr entstammen könnte, schlägt eine beinahe befremdliche Brücke zwischen kindlicher Freiheit und einem erdrückenden emotionalen Rucksack.

 

Bereits hier, nach gerade sechseinhalb Minuten, ist man beeindruckt und ratlos ob einer gewissen Undefinierbarkeit der musikalischen Ausrichtung, des Gesungenen und der darin eingebetteten Stimmungslage. Die Höhepunkte, so man sie denn als solche bezeichnen soll, warten aber noch. Thanatos, treffend benannt nach dem griechischen Gott des Todes, gleicht einem Requiem, steigert sich aus dem eklektischen Beginn, lediglich ausgefüllt von einer großartigen Piano- und Gesangsperformance, fortlaufend, wird zu einer kraftvollen Vorstellung, die aber in ihrer Einfachheit nie pompös wirkt, sondern nur einen unvergleichlichen Nachdruck entwickelt. Gleiche Voraussetzungen, andere Richtung heißt's dagegen für die genialen Minuten von Cynthia und Mr. Gaunt Pt 1000. Beide zur Gänze aufs Klavier gestützt, entwickelt sich dabei eine niedergeschlagene Zerbrechlichkeit, die ihresgleichen sucht. Im ersten intensiviert durch das Lamento rund um den Satz "I'm waiting for this test to end" und ein lupenreines Solo zur Mitte des Songs, im anderen dafür die glasklar gespielten Noten zu Beginn, die auf keine erdenkliche Art zu toppen wären.

 

Eine Fehlersuche würde anstehen, sie gestaltet sich aber schwierig, wenn überhaupt auch ziemlich kurz. Eine beeindruckende Konstanz liegt dem Album zu Grunde, nur selten kann man von dezenten Fehlgriffen der Solistin sprechen. Die Klangwände von Extinguish Me, in dem der Computer mit Streicher- und Akkordeonklängen unterfüttert wird, geraten einen Tick zu drückend, widersprechen dem sonst einheitlichen Gebot dezent arrangierter Tracks. Eine Stufe weiter geht Fall Foliage, ein beeindruckend guter Tiefpunkt für Plaschg, in dem nach großartigem Beginn die elektronischen Spielereien Überhand nehmen und so weniger für Beklemmung als doch eher leichte Verwunderung sorgen. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass diese computergenerierten Ergänzungen ein gewichtiges Wort mitzureden haben, wenn es an die Atmosphäre der Songs geht, entsteht doch durch sie eine fast unwirkliche Kälte, die zwar nicht an die reinen Klavier-Tracks heranreicht, aber zur Tiefe des Albums nur Gutes beiträgt.

 

Das manifestiert sich in ihrem Marche Funèbre, zu Deutsch: Todesmarsch, einer beeindruckend inszenierten Vorstellung, in der düstere Beats und ein in dunkelsten Tönen klingender Streicher-Loop alles vereinnahmen und einer mysteriösen, fast in Enya-Sphären entgleitenden Gesangsperformance einen würdigen Rahmen bieten. Es bleiben die wohl gewöhnungsbedürftigsten Minuten des Albums, die einen wohl auch mit erschrockener Miene zurücklassen können, aber gleichzeitig ein mächtiges Beispiel für die Fähigkeiten von Plaschg bieten. Ganz abgesehen davon, dass die fesselnde Aura dieser Frau wohl nirgendwo sonst ein solches Ausmaß erreicht wie hier. Kaum zu glauben eigentlich, dass im Anschluss daran The Sun schon fast blass wirkt. Als eigenständiger Track ist es, trotz eher banaler Inspiration durch einen Jahre zurückliegenden Fahrradunfall, jedoch nur ein weiterer Baustein in dem Gebäude, das letztlich diesen sehr schwierigen, etwas beängstigenden, aber eben insgesamt beeindruckenden Charakter zeichnet. Ein Gesamtkunstwerk ist sie sozusagen, lediglich mit dem faszinierend bizarren Elektronikgewirr des Instrumentals DDMMYYYY scheint's nicht so ganz zu klappen, bei der Einordnung ins Bild von Plaschg, immerhin aber mit einer weiteren eindrucksvollen Facette.

 

Auch ein Album ist ja üblicherweise nur die Summe seiner Teile. In diesem Fall lässt das nur einen Schluss zu: "Lovetune For Vacuum" ist perfekt. Ein musikalisches Glanzstück einerseits, ein emotionales Schauspiel andererseits, allenfalls aber ein eindrucksvolles Debüt. Ob der Review dem Werk gerecht wird, die Entscheidung obliegt letztlich dem werten Leser. Im Angesicht des von Soap&Skin Geschaffenen wäre es allerdings ein Kompliment höchster Güte, wenn es so wäre. Um zum Abschluss dem mir nicht innewohnenden Patriotismus Rechnung zu tragen: Österreich hat keinen Weltstar, Österreich braucht aber auch keinen, solange wie in diesem Fall Qualität in so erdrückendem Maße über Quantität gestellt wird.