Soap&Skin - Narrow

 

Narrow

 

Soap&Skin

Veröffentlichungsdatum: 10.05.2012

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 24.09.2016


Der zweite Abstieg in die Untiefen präsentiert einem unsaubere Qualen ohne Filter und kälter denn je.

 

Mancher mag es müßig nennen, doch das Graben in "Was wäre, wenn..."-Szenarien ist eines der Lieblingsspiele vieler Historiker, Philosophen und auch ganz normaler Menschen. Es hat so etwas befriedigend Unwiderlegbares, wenn solcherlei Thesen aufgestellt werden können, egal, ob sie jetzt die Nahostkrise oder den Mathe-Fleck betreffen. Und manchmal muss man sich ihnen auch einfach stellen, um der Ursache so manchen Unheils auf die Spur zu kommen. Im Falle Anja Plaschgs braucht es keine Suche, die Fragen sind rasch beantwortet. Der Vater starb, die mentale Stabilität war dahin und mit ihr ironischerweise jede Fähigkeit, Songs zu schreiben, die in irgendeiner Weise an die düstere Perfektion ihres Debüts heranreichen könnten. Ärztliche Behandlung sollte Abhilfe schaffen, doch die Musik wurde zu einer genauso wichtigen Therapie. Das Endprodukt, "Narrow", ist alles nur kein Meisterwerk. Und trotzdem bleibt man vereinnahmt und beeindruckt zurück.

 

Denn selbst der Perfektionistin, die Plaschg ist, gelingt es trotz noch einmal verfeinerter Arbeit nicht, der LP den Charakter eines emotionalen Parforce-Ritts, einer zur Musik gewordenen Gefühlswallung komplett zu nehmen. Obwohl aus den nur knapp 30 Minuten mitunter eine zurückhaltende Fokussierung und Reduktion spricht, die selbst die reinen Klavier-Tracks von "Lovetune For Vacuum" in den Schatten stellen kann, treten unter der peniblen Oberfläche Ecken und Kanten zu Tage. Die dominieren natürlich gerade die mutigeren, elektronisch dominierten Tracks, die eine perfekte Balance zurschaustellen. Jene ihrer beeindruckend genauen Arbeit, ihrer unablässig zielgerichteten Selbstkontrolle, und den teils ungefiltert wirkenden inneren Wirren, die herausströmen. Boat Turns Toward The Port soll als Beispiel herhalten, wenn auch als eines der anderen Art. Denn nicht die sanften Elektronik-Bausteine sind es, die in ihrer schleppenden und doch harten Tonart einen Ausbruch nahelegen, es sind die gequälten, langgezogenen Klänge ihrer Stimme, die lange Zeit wortlos ins Nichts hallen und in einer Mischung unendlicher Schwere und einem kaum zu ertragenden Vakuum erklingen. Man muss es beinahe ungewollt meisterlich nennen, weil sich irgendwann die Annahme aufdrängt, dass manches hier Dargebotene graziler und weniger belastet wirken sollte, als es letztlich der Fall ist. Andererseits passiert auch mit Deathmental ein erster genialer Schritt in Richtung elektronischen Terrors. Industrielle Kälte und abgehackte Rhythmen formen ein knöchernes, unförmiges, ans Beängstigende anstreifendes Korsett, das die Tiefen ihrer Stimme perfekt einbettet und ihrer ohnehin düsteren Aura noch einen eisigen Nachhall verleiht.

 

Diese Eiseskälte macht es vielleicht umso schwerer, auch wirklich sanfte Klänge noch zur vollen Entfaltung zu bringen. Es liegt auch dort eher der Hund begraben, der letztlich phasenweise an der Güte der acht Tracks nagt. Das Verwundbare und Zerbrechliche des Erstwerks ist in Wonder oder Lost nur mehr bedingt zu finden, die Songs wirken dafür beinahe zu finalisiert, zu zielgerichtet. Wie sicher Plaschg ihre Stimme führt und wie punktgenau die Choräle in Wonder einsetzen, das entsagt der schauerlichen Intimität von Cynthia oder Mr. Gaunt Pt 1000. Man will sie nicht klinisch nennen, diese "Entgleisungen" in ein unerwartetes Mittelmaß, aber sie entbehren zweifellos der emotionalen Kraft, die Soap&Skin in ihren besten Momenten ausstrahlt. Das Klavier alleine kann allerdings immer noch die tiefschürfendsten Eindrücke hinterlassen. Es ist ausgerechnet die Neubearbeitung eines schlichten Synth-Pop-Hits der 80er, Voyage Voyage, der sich in den Händen der Österreicherin zur Manifestation ihrer zwiespältigen Natur entwickelt. Zerbrechlich und sanft, federleichte, zarte Akkorde. Und doch im Dunklen beheimatet, irgendwo dort, wo nur mehr die Dissonanzen wirklich nachhallen und Streicher jeglicher positiver Schwingungen entbehren. Dazwischen eine Sängerin, die des Französischen vielleicht nicht übermächtig ist, aber diese Schwäche gekonnt zu nutzen weiß.

 

Dass das wichtigste Stück ein anderes sein soll, ist aber schon davor klar. Welches andere als Vater könnte es sein? Gut, möglicherweise darf keines das wichtigste sein, doch die ungeschönte Aufarbeitung eines psychischen Zusammenbruchs kann kaum aus dem Zentrum von "Narrow" gerückt werden. Dass es ausgerechnet dann auf Deutsch sein muss, macht einem die Verarbeitung schwerer, als man denkt. Störrisch, wie nur das Deutsche es sein kann, klingt fast jede Zeile, auch dank der Melodik entsagender Intonation durch Plaschg. Das befördert die Emotion, die zweifellos im längsten Track des Albums verborgen ist, weniger gut. Erst der Abschied von der anfänglichen Ruhe des Klavierspiels entfaltet die Kraft, die man sich erwarten würde. Der klangliche Exzess gestaltet sich auf fabelhafte Art grandios und doch ansatzweise chaotisch. Zuerst gerät ihr Klavierspiel aus den Fugen, später wird noch die Elektronik in aller Unförmigkeit ihren Teil zur Finalisierung beitragen.

Und trotzdem bleibt abseits der standardisierten Muttersprache mehr, von dem zu schwärmen lohnt. Deswegen gelingt auch der Abschluss mit dem nur langsam einsetzenden Ticken von Big Hand Nails Down. Immerhin entwickelt sich, was mit kompletter Stille beginnt, zu einer Reprise des Deathmental-Konzepts. Und in der metallischen Kälte mutiert auch Plaschg dank ihrer Stimme zur Eisprinzessin, herrischer Ton und das Talent zur Ausfilterung jedes Anflugs von positiver Stimmung inklusive.

 

Wie überhaupt "Narrow" als Ganzes bedenklicherweise noch ernster, noch dünkler tönt als das Debüt. Die Ambivalenz zwischen in ihrer Essenz wunderschönen Melodien und der mitschwingenden Faszination für den Tod, sie ist einer unfassbaren Schwere gewichen, die zwar weniger mit Seelenpein spielt, sie dafür aber umso mehr repräsentiert. Der Qualität dessen sind naturgemäß Grenzen gesetzt, wird die Emotion allzu real, leidet letztlich die Fähigkeit zur künstlerischen Umwandlung. Jedoch, wenn von der meisterlichen Schönheit der allumfassenden Traurigkeit, die 2009 noch da war, vielleicht keine Rede mehr sein kann, auch drei Jahre später ist mit Soap&Skin noch eine Meisterin am Werk, die sich in beeindruckender Manier aus einem wahnsinnigen Tief empor bewegt. Es wäre eine Anmaßung, darüber zu spekulieren, wie ihr Werdegang ohne diesen Schicksalsschlag verlaufen wäre, man kann aber als der, der dieses Album hört, auf alle Fälle sehr zufrieden mit dem sein, was sich daraus entwickelt hat.