MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Manu Chao Songs

Als lebende Legende dessen, was man gern flapsig als World Music bezeichnet, gebührt Manu Chao eigentlich weit mehr Ehre, als eine solche Top-10-Liste bedeutet. Allerdings stimmt das Timing, weil der Franzose sein Solodebüt vor 20, sein bisher letztes Studioalbum vor zehn Jahren veröffentlicht hat. Und weil sich sein Output seitdem auf durschnittlich einen Song pro Jahr beläuft, kann man auch gemütlich den Blick in die Vergangenheit und damit über eine Karriere des unberechenbaren Auf und Ab schweifen lassen. Chao hat in mehr Sprachen gesungen als die meisten von uns in ihren Musikregalen sonst so vorfinden, hat gleichzeitig Latin, Ska, Reggae und so manch anderes Genre auf unnachahmliche Art interpretiert. Dass er dabei für geniale Minuten gesorgt, sich aber genauso hin und wieder ins eigene Fleisch geschnitten hat, ist da beinahe unausweislich. Doch das Positive überwiegt und das verdammt Positive kommt jetzt.

 

erstellt am: 13.12.2018


10.

 

Me Gustas Tú

 

Próxima Estación: Esperanza
2001

 

Zwar war das zweite Album von Chao mit das Chaotischste - no pun intended -, was jemals die Form eines Longplayers annehmen durfte, Me Gustas Tú ist diesbezüglich allerdings äußerst zahm. Während rundum die Sprachfetzen entgegenfliegen, energiegeladene Bläsersätze warten oder Genreausritte gewagt werden, ist das hier eine lockere Latin-Rock-Nummer, wie es sie beim Franzosen eigentlich sehr selten gegeben hat. Fast zu geradlinig ist die für seine Verhältnisse, sowohl musikalisch als auch textlich. Die schier endlose Aufzählung von Dingen, die Chao so mag, finden sich aber in einem verführerisch simplen Zusammenspiel aus Drums und Gitarre wieder, in dem nur äußerst selten durch Soundeffekte oder ein eingestreutes Akkordeon andere Akzente gesetzt werden. Das Talent fürs Arrangieren zeigt sich aber auch da, weil die Backgroundstimmen immer genau dann einsteigen, wenn die Monotonie nahe ist.

9.

 

Día Luna... Día Pena

 

Clandestino
1998

 

Seiner Band Mano Negra entstiegen, war "Clandestino" für Chao gezwungenermaßen ein musikalischer Paradigmenwechsel. Die Rockabilly- und Punk-Einflüsse, die Jahre vorher noch überdeutlich waren, waren auf dem Debüt nicht zu finden. Stattdessen hat er das Konzept, sich dem Leben illegaler Einwanderer und gleichzeitig stilistisch der Straßenmusik zu widmen, bestens realisiert. Im Falle von Día Luna... Día Pena bedeutet das Reduktion. Zwar wird doppelstimmig gesungen, um die akustische Gitarre zu übertönen, genauso hört man einen Bläsersatz sich zunehmend ausbreiten, doch die Niedergeschlagenheit, die im Text durchkommt, überträgt sich auch auf die zurückhaltende und schleppende musikalische Auskleidung.

8.

 

Helno Est Mort

 

Sibérie M'Était Contéee
2004

 

Ohne irgendwem zu nahe treten zu wollen, ist es womöglich nicht essenziell, die dritte LP des Manu Chao, ihres Zeichens komplett in französischer Sprache und großteils Paris gewidmet, unbedingt gehört zu haben. Zumindest musikalisch ist es kein abenteuerlicher Ritt, sondern eher eine gemütliche Vorstellung, die er abliefert. Die Verwurzelung im Chanson, die versuchte Verbindung dessen mit Latin-Rock und damit verbundene Mangelerscheinungen an instrumentaler Front helfen weniger, auch wenn Chao selbst frisch wie eh und je klingt. Umso mehr tut er das bei der Hommage an den verstorbenen Musiker und Freund Helno, die sich nicht nur melodisch erstklassig zeigt, sondern mit den Orgelklängen aus dem Keyboard, der sporadisch aktiver werdenden Percussion und den kürzestmöglichen Posaunenparts auch eine verspieltere Seite offenbart. Die ist auch deswegen großartig, weil sie gleichzeitig nie der Gefahr einer klanglichen Überfrachtung ausgesetzt ist. Das Album an sich ist luftig instrumentiert, Helno Est Mort auch, nur besser.

7.

 

Malegria

 

Clandestino
1998

 

Dieser E-Gitarrenriff...ein Traum. Malegria gehört mit der treibenden Rhythm Section einmal definitiv zu den lebendigsten Minuten auf "Clandestino", erfüllt so nebenbei alle Kriterien für einen rockigen Gassenhauer. Natürlich immer noch einer, dessen Herz und Nieren im Latin liegen, aber die Lunge klingt erdiger als überall sonst auf der LP und bringt über die Gitarre sogar einen Hauch Heartland-Rock in den Song, wobei der hier weniger nach Old South, sondern eher nach spanischer Fiesta klingt. Das macht aber rein gar nichts, der Track ist großartig arrangiert, was umso mehr fasziniert, wenn man etwas bedenkt, was auch mir bis heute nicht klar war, nämlich dass Chao bis heute am allermeisten seinem eigenen Laptop vertraut, wenn es um die Zusammenstellung seiner Songs geht. Ausgerechnet der Globalisierungskritiker war also schon früher digitalisiert als die meisten anderen und hat bereits früh am Computer herumgespielt, um mit Newsbeiträgen, Radioschnipseln und allerlei anderen Soundeffekten den erratischen Charakter seiner Alben zu kreieren. Solange so etwas dabei herauskommt, who am I to judge?

6.

 

La Marea

 

Próxima Estación: Esperanza
2001

 

Angeblich soll ja Manu Chao auch erst mit seiner Liveband der ultimative Genuss sein, während man auf seinen Studioalben - oder vielleicht besser Laptopalben? - nur eine abgespeckte Variante der Energie und Kreativität aufgetischt bekommt. Mir wäre das nicht aufgefallen, weil die Livealben zwar von Hyperaktivität und zig Tempo- und Rhythmuswechseln geprägt sind, aber kaum vollendete Songs im Angebot haben. La Marea dagegen, der ist trotz abrupten Ein- und Ausstiegs fertig und schafft es mit der aufgekratzten Zusammenstellung von Bläsern, Gitarre, Bass und Drums die Energie, die Live versprüht wird, möglichst auch auf CD zu bannen. Natürlich passiert auch das wieder nicht ohne einen Haufen Samples und Soundbits, die der Percussion und den Bläsern teilweise die Show stehlen, gerade das macht aber die Unwiderstehlichkeit dieses lauten Semi-Chaos aus, das man zu hören bekommt.

5.

 

Me Llaman Calle

 

La Radiolina
2008

 

Während "La Radiolina" an der eigenen Länge und hemmungslosem Soundrecycling langsam, aber sicher, zerbricht, gibt es trotzdem ein paar Songs darauf, die die besten Seiten des Franzosen aufzeigen. Me Llaman Calle zählt dazu und auch wieder nicht, weil zumindest mir kein anderer Song aus seiner Feder bekannt wäre, der so klassisch dem Latin-Genre entspricht. Insofern spart man sich hier großteils die klanglichen Spielereien, sieht man von ein bisschen Multilayering und der auf Baratmosphäre getrimmten Mehrstimmigkeit des Songs ab. Gleichzeitig zieht einen die Flamenco-Gitarre in ihren Bann und verdeckt ein bisschen die durchaus ernsten Lyrics, wobei die auch deswegen nicht wirklich zur Geltung kommen, weil Chao selbst selten so ausgelassen und locker geklungen hat wie hier.

4.

 

Bongo Bong

 

Clandestino
1998

 

Gibt es einen Song von Manu Chao, den jeder kennt? Wahrscheinlich weniger. Wenn es aber einen gäbe, wäre es dieser. Der große Durchbruch vor allem im deutschsprachigen Raum für ihn und musikalisch die Antithese zu seiner rauen, von rockiger Natürlichkeit und gleichzeitigen Genresprüngen geprägten Vergangenheit. Bongo Bong ist natürlich für sich genommen trotzdem ein solcher Genresprung, nur dass es keinen wirklichen Begriff für das gibt, was einem geboten wird. Chao rappt quasi, über einem Reggaebeat, der aber in einem elektronischen Minimalismus aufgeht, dass man eher wieder an Trip-Hop denken könnte. Das geht, definitiv, auch weil es der zur Abwechslung englische Texte - wiederum eine Reproduktion einer Mano-Negra-Single - nicht verzeihen lässt, wenn man still bleibt und ihn achselzuckend hinnimmt. Da gehört mitgesungen!

3.

 

13 Días

 

La Radiolina
2008

 

Wenn ich bei Mentira geschrieben habe, dass die Gitarre dort ein wenig nach Heartland klingt, dann sind wir mit dem Opener der vierten Studio-LP im Country? Greift man sich wirklich nur die Gitarre heraus, dann hat man eigentlich sauberen Country-Rock, der einem da geboten wird. Zugegebenermaßen weniger in der subtilen, poetischen Variante, sondern eher in der dahinrumpelnden, für jede Barschlägerei geeigneten. Allerdings scheint wenig dagegen zu sprechen, denn auf dem eher der E-Gitarre verpflichteten "La Radiolina" ist dieser klangliche Außenseiter ein wichtiger fliegender Start, um eine komplette Bruchlandung zu verhindern. Dass diese Aufgabe nicht zu viel ist, belegt schon hinlänglich, wie gut der Song ist.

2.

 

Luna Y Sol

 

Clandestino
1998

 

Das Intro meiner Träume und als solches ein Fundament, auf dem man nur mehr erfolgreich aufbauen kann. Diese großartige Mischung aus lockeren Akustikakkorden, dem Banjo, einem geschmeidigen Chao und dem einsetzenden, pochenden Beat, das ist großes Kino. Irgendwie läge es nahe, den restlichen Song als vergleichsweise unspektakulär zu bezeichnen, nur wäre das unfair und tatsächlich auch falsch. Der geloopte Bläsersatz ist nämlich genauso großartig wie der Gitarrenriff, der ihn begleitet, und die gesangliche Performance und die Soundcollage gegen Ende, die als quasi-Bridge fungiert. So nebenbei ist es tatsächlich der Song, der wohl am ehesten noch aus den Zeiten Mano Negras stammen könnte, einfach weil man ihn sich genauso gut mit ein wenig mehr Nachdruck in Form punkiger Riffs vorstellen kann. Gut, dass er erst 1998 herausgekommen ist, er klingt nämlich ohne sowas stark genug.

1.

 

Denia

 

Próxima Estación: Esperanza
2001

 

Schwer zu sagen, wie es kommt, dass der beste Song, den Manu Chao bis heute zu verantworten hat, ausgerechnet sein einziger in arabischer Sprache ist. Womöglich liegt es am gewichtigen Thema, das sich algerischen Kriegsopfern widmet. Andererseits ist diese Botschaft für alle Nicht-Araber nur mit Übersetzungen zu erkennen, insofern kann man das wohl ausschließen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die aufwändige Soundcollage, die sich einem Bolero gleich immer mehr in Richtung Ekstase steigert, die Begeisterung verursacht. Der trabende Beat als tragendes Fundament, darüber ein quasi-Duett, in dem gedämpfter Sprechgesang und geschmeidiges Singen aufeinandertreffen, dazwischen eine klangliche Kulisse, die die besten Eigenschaften aus der Gitarre, den Bläsern und den Congas hervorholt, zusätzlich noch mit schrillem Pfeifen unterstützt wird. Ein bisschen viel im ersten Moment, wohl auch zeitweise unmelodischer als nötig, andererseits ein Meisterwerk der Schichten, das Harmonie findet, wo eigentlich keine sein dürfte.

Schlusswort:

Ich persönlich habe Manu Chao so früh in meinem Leben "kennengelernt", dass es eigentlich komplett schwachsinnig wäre, wäre er nicht ein so guter Musiker. Denn Englisch, geschweige denn Französisch oder Spanisch, waren damals nicht im Sprachschatz, insofern gab es latente Verständigungsprobleme zwischen dem französischen Globetrotter und dem Wiener Volkschüler. Natürlich muss eingeräumt werden, dass die auch heute noch gültig sind und nur ein funktionierender Internetzugang das Verstehen der Texte garantiert. Insofern hat sich wenig geändert außer der Produktivität des Manu Chao, die zu wünschen übrig lässt. Imposant ist seine Karriere trotzdem, nicht zuletzt musikalisch. Und auch wenn das eine seltene Begebenheit war, sind ihm hin und wieder Songs gelungen, die die Zeiten überdauern sollten.

 

Kristoffer Leitgeb, ich nix Spanisch