Manu Chao - Clandestino

 

Clandestino

 

Manu Chao

Veröffentlichungsdatum: 06.10.1998

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.03.2015


Des Vagabunden erster Streich als feines Zugeständnis an Latin-Folk, Melancholie und Gelassenheit.

 

Was fällt euch ein, wenn ihr an schlechte Musik denkt? Die Üblichen? Also Jürgen Drews, DJ Ötzi und so Zeug? Wenn ja, dann vergesst ihr dabei etwas: Die Straßenmusik. Mancher wird vielleicht Einspruch erheben, aber als Wiener weiß man, wie Grausamkeit gegenüber Musikinstrumenten aussieht, wenn man hier gescheiterte Möchtegern-Popstars in ihren 20ern schief singen und schlecht Gitarre spielen hört. Noch viel mehr weiß man das, wenn man gealterte Männer an ihren klassischen Werkzeugen, wahlweise Ziehharmonika, Klarinette oder gar Saxophon werkeln sieht. Die haben ordentlichen einen sitzen und wissen nicht, dass selbst angetrunkene Schrammelmusiker üblicherweise so etwas wie Rhythmusgefühl und Fingerfertigkeit brauchen, um irgendwas zusammenzubringen. Schlimm, schlimm. Wäre man anderswo auf dieser Erde, die Sache könnte sich ganz schnell anders anhören. Señor Chao weiß das und zeigt es uns sogleich.

 

Nachdem der nämlich jedes Jahr irgendwann in Lateinamerika vorbeischaut, kennt der die Straßenmusiker, die dort spielen und im Handumdrehen Mozart und Rachmaninow wie gehörlose Stümper aussehen lassen ... manchmal ... vielleicht. Na, sie können auf alle Fälle was und deswegen lohnt sich ein Blick in dieses Biotop der Folklore auch bestimmt. So nimmt Chao sich das nach dem Aus seiner Chaos-Punker von Mano Negra zum Anlass, um einen Gang zurückzuschalten und sich einem gemächlicheren Tempo hinzugeben. Doch hinter der entspannten, lockeren Fassade versteckt sich auch der Blick in die Unwelten verarmter Gegenden des Planeten auf der Suche nach dem "Clandestino", dem illegalen Einwanderer. Im eröffnenden Titeltrack widmet er sich genau dem, erzählt die Geschichte des ewig Flüchtenden, dem, der eigentlich nirgendwo sein dürfte. Das erzwungene Nomadentum wird allerdings begleitet von lockeren Akkorden an der Akustikgitarre und simplem Bass, sodass man ohne direkte Übersetzung des Textes gar nicht daran denken würde, dass die Welt darin keine gemütliche ist. Was auch damit zu tun hat, dass der Franzose nicht daran denkt, nach Bruce Darnells altem Leitsatz 'Drama Baby, Drama' zu handeln, sondern stattdessen auch da eher das Alltägliche mimt.

 

Und so entsteigt der Opener und auch der Rest des Albums in eine Mischung aus klanglicher Entspannung und textlicher Niedergeschlagenheit, die sich nur manchmal auch in der Musik wiederfinden soll. Das lohnt sich merklich, Songs wie Desaparecido oder La Despedida werden so schnell zu starken Nummern. Die überzeugen mit ihrer dezenten Inszenierung rund um spärliche Percussion, den unaufdringlichen Spielereien an der Gitarre und Chao's Charakterstimme, die zwar in theoretischer Monotonie eingefangen ist, dank der gut eingestreuten Tempowechsel und seiner oft aufopfernden Performance aber nicht einfach so im Nichts verklingt. Genau das drückt sich natürlich am ehesten in den ruhigeren Minuten der LP aus. Beginnend mit dem Wehklagen von Mentira... zeigt sich immer wieder eine aufs absolute Minimum reduzierte musikalische Ausmalung, die vor allem gegen Ende öfter für gedrücktere Stimmung sorgt. Dia Luna...Dia Pena wird so zu einer, leider sehr kurzen, Ode auf die Lebensmüdigkeit, in der selbst die zur Mitte langsam einsetzenden Trompeten wenig zur Aufhellung der Atmosphäre tun wollen. Closer El Viento vollendet ebendas mit seinen trockenen, kargen Akkorden und dem pfeifenden Wind im Hintergrund.

 

Dass er es mit der Emotion anderweitig nicht so sehr hat, wird aber auch bald klar. Die Liebe besingt er nicht so gern, er besingt sie dann auch nicht wie üblich auf Spanisch, sondern 'nur' auf Französisch. Ebendas gibt sich in La Vie A 2 weniger, in Je Ne T'Aime Plus weit eher sperrig. Im Spanischen ist weit mehr Fluss, weit mehr Authentizität. Und das später von Robbie Williams gecoverte Je Ne T'Aime Plus gibt sich auch musikalisch wenig passend mit seiner komplett elektronischen Auskleidung, die weder ihm, noch der weiblichen Assistentin Anouk so wirklich für eine ergiebige Darbietung zu helfen scheint. Ähnlich wenig gibt auch das platte Mama Call her, das einfach zeigt, dass textlicher Minimalismus gleich mal weniger zündet, wenn er auf Englisch und damit verständlich daherkommt. Zumal auch die träge Mischung dahinter wenig Anlass zum Feiern gibt.

 

Womit wir endlich bei der anderen Seite von "Clandestino" angelangt wären, nämlich jener, die aufs Gas steigt und das Tempo ordentlich anzieht. Es passiert aus Stimmungsgründen nicht oft, wenn aber, dann immer in guter Ausführung. Malegria zeigt sich zwar mit seiner E-Gitarre etwas weniger organisch als der große Rest, kann aber zuallermindest mit dem treibenden Beat und Chao's starkem gesanglichen Auftritt punkten. So wirklich durchstarten kann er aber dann mit Luna Y Sol. Mit einem genialen Intro rund ums Banjo wird nur auf glänzende Art der rote Teppich ausgerollt, zuerst für einen stampfenden Elektronikbeat, gleich danach für ein klangliches Gewirr aus Bläsersätzen, Percussion aller Formen und mehr als nur einer Gitarrenspur. Ein Partyhit quasi, auch wenn ihn die Dancefloors dieser Welt ob seiner Qualität nicht annehmen werden.

Irgendwas war da noch... ach ja,

 

"Mama was queen of the mambo

Papa was king of the Congo

Deep down in the jungle

I started bangin' my first bongo

 

Every monkey liked to be

In my place instead of me

Cause I'm the king of bongo baby

I'm the king of bongo bong"

 

Chao's großer Hit Bongo Bong, der mit seinem simplen Elektroniksound - übrigens genau der von Je Ne T'Aime Plus - und der leichten Percussion ganz schnell ins Ohr findet, mit seinem schrägen Humor für den lockersten Moment des Albums sorgt und uns zum Ende gleich wieder dorthin bringt, wo wir schon am Anfang waren, zu gescheiterten Straßenmusikern nämlich.

 

Unser Franzose des Vertrauens - nein, es ist nicht Jacques Chirac - gehört nicht zu denen, sondern zu den Musikschaffenden der feineren Sorte. Das beweist er auf seinem Solodebüt ganz eindeutig. Mit seiner erfolgreichen Symbiose von Latin-Folk und modernem Pop, von ausgelassener Lockerheit und nicht endenwollender Melancholie erschafft er ein Album, das einen auf ganz unterschiedlichen Ebenen ansprechen kann. Da präsentiert er sich gleichzeitig als wandlungsfähig und doch konsequent, auf alle Fälle aber als einer, der einem eine Dreiviertelstunde ganz locker mit feinstem Material ausfüllt. Zumindest fast die ganze Dreiviertelstunde.

 

Anspiel-Tipps:

- Clandestino

- Bongo Bong

- Luna Y Sol