MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Billy Talent Songs

Vor allem in den ersten Jahren des aktuellen Jahrtausends haben Billy Talent wenige Gelegenheiten ausgelassen, einen mit ihrer Musik vollends zu überzeugen. Mehr noch als klanglich beeindruckend, waren und sind die Kanadier allerdings ein kommerzielles Phänomen. Gut für die Chartspitze sind sie nämlich in ihrer Heimat und sonst ausschließlich im deutschsprachigen Raum. Es gab bisher, soweit ersichtlich, keine Top-10-Platzierung außerhalb dieser Länder und auf die Spitze getrieben wird diese offensichtliche Inselbegabung in puncto Erfolg dadurch, dass sie es in den USA erst mit ihrer letzten LP aus den Heatseeker Charts herausgeschafft haben. Umso grotesker ist das, weil die Band zuerst mit Hardcore-Einflüssen, später mit zunehmend melodischerem und gesitteterem Alt-Rock oft genug großartiges Zeug abgeliefert hat. Was dazu führt, dass die Verknappung dessen auf nur zehn Songs nicht die allerleichteste Aufgabe ist.

 

Erstellt am: 02.12.2018


10.

 

Voices Of Violence

 

Billy Talent
2003

 

Ich weiß ja nicht, ob irgendwer Billy Talent kennt, bevor sie Billy Talent waren. Da hießen sie nämlich Pezz und haben von Rapcore bis zu Ska-Punk fast alles abgegrast. Diesen bescheidenen Klang hat man aber netterweise in den 90ern gelassen und ihn auf der ersten LP unter neuem Namen eben durch eine Mischung aus Post-Hardcore und Pop-Punk ersetzt. Voices Of Violence gehört weit eher in erstere Kategorie und kann von weniger wertschätzenden Ohren durchaus als Lärm wahrgenommen werden. Der Song galoppiert dementsprechend vor allem dank des Bass unablässig dahin, lässt Ian D'Sa an der Gitarre nicht zuallervorderst nach einer Melodie, sondern eher nach der Härte suchen - er findet letztendlich trotzdem irgendwie beides - und Ben Kowalewicz sich mit seinem unverwechselbar nasalen Stimmchen die Seele aus dem Leib kreischen. Das funktioniert beeindruckend gut, auch weil sich die Rhythm Section keine Blöße gibt und trotz Platz in der zweiten Reihe hinter den lauten Riffs eigentlich den Ton angibt.

9.

 

Dead Silence

 

Dead Silence
2012

 

Natürlich kam fast unweigerlich irgendwann der Zeitpunkt, an dem die Band weniger ihre Großartigkeit in die Welt hinausgeschrien, sondern ihr eher eine gediegene Ordentlichkeit entgegengesungen hat. Anders gesprochen: Es war irgendwann alles so gesittet und sowohl produktions- als auch kompositionstechnisch zu inkonsequent, um einen zu begeistern wie mit den ersten Alben. Geschafft hat man es trotzdem noch vereinzelt und "Dead Silence" hat sogar Anstalten gemacht, wirklich noch einmal auf breiter Front zu überzeugen. Gelungen ist das zu maßvoll, weswegen man sich mit dem atmosphärischen Titeltrack an der Spitze begnügen musste. Der ist allerdings auch auf seine Art großartig, wenn auch weniger durch unbändige Kraft, als mehr durch die gelungen triste Darstellung des Kriegseinsatzes. Der breitwandige Gitarrensound und die fast kitschigen Tribal Drums, die man immer wieder zu hören bekommt, bringen den Song zwar nicht in die Richtung, untypisch für die Band ist es allerdings der starke Text, der in puncto Stimmung verdammt viel herausholt.

8.

 

Tears Into Wine

 

Billy Talent III
2009

 

Der Abschluss der Trilogie mit dem Bandnamen als Titel war musikalisch durchaus fehlgeleitet. Warum man sich mit einem Schwenk in Richtung schleppenden Hard Rocks einem Großteil der eigenen Dynamik entledigt hat, bleibt genauso ein Rätsel wie das Vertrauen in Produzent Brendan O'Brien. Gefunden hat man dabei trotzdem noch einiges, das vorher nicht da war, so auch Tears Into Wine. Ganz zu entschlüsseln ist noch immer nicht, warum der so gut klingt, allerdings ist es das beste Exemplar der schnelleren und aggressiveren Tracks auf dem Album. Das hat vielleicht damit zu tun, dass dafür nicht gleich auf stolpernde, wuchtige Härte gesetzt wurde, sondern sich stattdessen eher dem melodischen und relativ hymnischen Liedgut zuwendet. Dass man gleichzeitig nicht irgendwie in größenwahnsinnige Melodramatik abrutscht, sondern eher erdigem Rock frönt, der noch dazu mit dem nötigen Tempo daherkommt, bügelt auch die schwierigsten Zeilen aus.

7.

 

Fallen Leaves

 

Billy Talent II
2006

 

Zum ersten Mal, aber bei Gott nicht zum letzten Mal öffnet sich jetzt der Vorhang für die zweite LP von Billy Talent. Gleichzeitig ihre erfolgreichste und beste, stellt das Dutzend an Songs eine Art Machtdemonstration, zumindest aber das Meisterstück für das kanadische Quartett dar. Fallen Leaves führt dahingehend schon genug Gründe an, warum dem so ist, verbindet dafür die Vorzüge des harten, geradlinigen Debüts und des wuchtigen, voluminöseren Sounds vom Nachfolger. Beides zusammen ergibt einen Song, dessen Introriff bereits alle Vorbehalte wegwischt, dem aber durch die großartige Hook und einen genialen Refrain noch einiges nachfolgen lässt. Das groteske, kunstvolle Video ist da nur das Sahnehäubchen, das es bei einem so kurzen wie knackigen Gitarrensolo eigentlich gar nicht mehr bräuchte.

6.

 

Devil In A Midnight Mass

 

Billy Talent II
2006

 

Man nehme Fallen Leaves, mache es härter, schneller und garniere das noch dazu mit einem der besten Texte der Bandgeschichte und das ist dann so ungefähr Devil In A Midnight Mass. Das ist nicht nur ein imposanter Einstieg ins Album, es ist auch eine ziemlich eindringliche Vorstellung, die durch die Zeilen vom kirchlichen Kindesmissbrauch aus Kindessicht nur noch mehr an Gewicht erhält. Von den musikalischen Gepflogenheiten rückt man ob dieses delikaten Themas trotzdem nicht ab, es wird vor allem gegen Ende mit Volldampf musiziert, wobei einem der verzerrte Gitarrensound so oder so nicht mehr aus den Ohren geht.

5.

 

Saint Veronika

 

Billy Talent III
2009

 

Möglicherweise ist es bezeichnend für diese LP, dass ihre Krönung ausgerechnet eine Art Powerballade ist, die sich noch dazu eher einer verschrobenen, märchenhaften Größe hingibt. Dass die Flucht eines jugendlichen Mädchens so melodramatisch klingt, muss zwar nicht so sein, interessanterweise stört es einen aber nicht weiter, weil einerseits die Bassline grenzgenial ist, noch dazu einen großartigen Paarlauf mit D'Sas Gitarre hinlegt und Kowalewicz immer schon gut geklungen hat, wenn er sich stimmlich ein wenig der Theatralik hingeben darf. Passiert hier zur Genüge in den Refrains, die allerdings nicht unbedingt das sind, was den Song ausmacht. Die rumpelnden Strophen sind weit eher der musikalische und qualitative Motor des Ganzen.

4.

 

Standing In The Rain

 

Billy Talent
2003

 

Lange, lange - also ganze drei Jahre - bevor sich die Arctic Monkeys dem Schicksal so mancher Bordsteinschwalbe angenommen haben, waren Billy Talent schon beim ältesten Gewerbe der Menschheit angelangt. Der Sexverkauf auf den Straßen der Welt ist wohl ziemlich ungemütlich, den Kanadiern gelingt es allerdings, genau das nicht notwendigerweise in dramatischer Form darzustellen. Zwar klingt da textlich nichts nach einem sonderlich beneidenswerten Leben, die Gefahr lauert an der nächsten Kreuzung, vertrauen darfst du sowieso keinem. Aber sie machen mit ihren hellen Power Chords und dem trabenden Bass einen ziemlich lockeren Up-Tempo-Track daraus, der die beneidenswerte Eigenschaft hat, gleichzeitig zum Mitsingen und ein bisschen zum Mitleiden mit der Protagonistin einzuladen.

3.

 

The Navy Song

 

Billy Talent II
2006

 

Vielleicht sollte bei der gegebenen, oftmaligen und zumeist negativ konnotierten Verwendung des Wortes (Melo-)Dramatik einmal angemerkt werden, dass die jetzt nicht unbedingt einen Song zum Scheitern verurteilt. Im Gegenteil, ein bisschen Drama hat noch niemandem geschadet, genauso wenig wie Theatralik. Insofern ist es gerne gehört, dass sich die Kanadier in The Navy Song dem Schicksal so mancher Seestreitkräfte annehmen und das nicht ganz emotionslos, aber auch nicht ohne eine dezente kitschige Übersteigerung tun. Das ist auch und insbesondere deswegen kein Nachteil, weil Kowalewicz ohnehin nicht so wahnsinnig viel Raum gegeben wird, er stattdessen das Rampenlicht schon brüderlich mit der perfekt zur Geltung gebrachten Rhythm Section und der mal dröhnenden, mal durch dezentes Picking eingesetzten Gitarre teilen muss. Das ergibt ein äußerst harmonisches Gesamtbild, dem klanglich etwas Endzeitliches anhaftet, das sich als ideal für die Todesfalle Marineeinsatz erweist.

2.

 

Surrender

 

Billy Talent II
2006

 

Surrender war und wird immer kitschig bleiben. Deswegen ist es ein schwieriger Song, der in Verbindung mit seinem Video nur noch schwieriger wird. Aber es ist eben doch auch ein großartiges Lied, dem der beinahe auf kindische Art romantische Text nicht unbedingt schadet. Während D'Sas gesetzte Riffs ungewohnt melodisch und dezent die musikalische Szenerie ein bisschen ausfüllen und Aaron Solowoniuks Drums fast einen Tick zu laut klingen, macht die starke Gesangsperformance viel aus und bewahrt den Song davor, ein schmalziges Ende zu nehmen. Stattdessen ist es eine Rockballade, die einen eher unterschwellig berührt und vor allem die Eigenschaft hat, einen auch nach der x-ten Wiederholung nicht ganz kalt zu lassen. Und wenn das gelingt, ist viel erreicht.

1.

 

This Suffering

 

Billy Talent II
2006

 

Die Englischsprachigen unter uns würden es wohl einen "grower" nennen, ich sage dagegen, erwartet euch beim ersten Anhören nicht zu viel. This Suffering braucht ein bisschen, um einzusickern. Man muss es auch zuerst einmal über den unmelodisch dahinstolpernden Anfang hinweg schaffen, um irgendwann zu erkennen, dass dieser rhythmisch aberwitzige Riff das Kernstück eines großartigen Songs ist. Der nimmt aber zugegebenermaßen erst mit dem Refrain so wirklich Fahrt auf und bietet einen druckvollen hymnischen Ausbruch, der nur dadurch ein klein wenig angekratzt wird, dass der mehrstimmige Prechorus eigentlich noch besser klingt. Danach weiß man auch bald den störrischen Stop-and-Go-Riff der Strophen zu schätzen und findet darüber hinaus in der zweiten Songhälfte noch einen großartigen Rhythmuswechsel, der die Band in melodischeres Terrain zurückbefördert. Mit all dem kommt man erst relativ spät drauf, dass die im Song gestellte oder eigentlich schon beantwortete Vertrauensfrage, also Kowalewicz leidenschaftlich gegen die musikalische Übermacht angesungener Text, ziemlich viel kann. Also alles in allem ein Song ohne Schwachstellen, der sich zwar erst auf den zweiten Blick im besten Licht präsentiert, dann aber so richtig.

Schlusswort:

Auch wenn die Hochzeit der Kanadier mittlerweile lange genug beendet zu sein scheint, kann man sich also darauf verlassen, dass man auf ihren Alben genug an starkem Material findet, um über die Runden zu kommen. Natürlich gehört dazu eine gewisse Vorliebe für diesen von Post-Hardcore und Pop-Punk abgeleiteten Sound, selbst ohne werden aber wohl schon genug Rockfreunde damit glücklich geworden sein. Dass sich das in den letzten Jahren ein bisschen gewandelt hat, soll auch nicht automatisch bedeuten, dass da nichts mehr zu holen gewesen wäre. Nur ist alles etwas weniger "Wow!" und mehr "Gut so." Nachdem in der Liste aber noch eher ersteres seinen Platz hat, sei darüber der respektvolle Mantel des Schweigens gebreitet.

 

Kristoffer Leitgeb, unter MusicManiac-Anhängern Saint Kristoffer