Billy Talent - Billy Talent

 

Billy Talent

 

Billy Talent

Veröffentlichungsdatum: 16.09.2003

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 09.01.2015


Amüsanter, über weite Strecken kurzweiliger Ritt am souveränen quasi-Debüt der Kanadier.

 

Es wird Zeit, mal wieder ein altbekanntes Phänomen unter die Lupe zu nehmen. Ich nenne es liebevoll 'musikspezifische, interkontinentale Divergenz'. Denn eines ist klar: Was bei uns in Europa weggeht wie warme Semmeln, muss in den Staaten nicht zwangsläufig auch nur den Hauch von Interesse wecken. Die verrückten Asiaten (no offense!) mal beiseite, kennen wir das ja bereits. Nicht umsonst ist Country-Musik hierzulande nicht gerade populär, umgekehrt pfeift nach bei uns etablierten Acts wie Mando Diao, Robbie Williams oder den heute besprochenen Billy Talent im Westen kein Schwein.

Wir erinnern uns aber alle gerne an den beinahe kometenhaften Aufstieg der Kanadier. Zumindest hier im Dunstkreis des deutschen Sprachraums, in den Staaten mühte man sich gerade mal in die hintere Hälfte der Billboard 200.

 

Dabei ist der kommerzielle (Miss-)Erfolg wie schon so oft kein Qualitätsindikator. Denn was die Band auf ihrem offiziellen Debüt abliefert, wirkt schon sehr souverän. Obwohl die Produktion im Vergleich zu früheren Aufnahmen freilich glatter ausfällt, ist hier ordentlich Dampf dahinter. Frontmann Benjamin Kowalewicz krächzt in seiner unverkennbaren Stimmlage über die zwölf Tracks hinweg, ätzt über die Abgründe der Gesellschaft (Lies), beweint die Verflüchtigte (The Ex) und versetzt sich in die Lage einer Prostituierten (Standing In The Rain). Hierbei ist ihm besonders Gitarrist Ian D'Sa von großer Hilfe, räumt der mit seinen kraftvollen Gitarrenwänden sämtliche Hindernisse aus dem Weg und bietet dem Sänger eine ordentliche Bühne für dessen kriegerisches Geschrei.

Aber Spaß beiseite, die meiste Zeit der selbstbetitelten LP macht das Quartett seinem Namen durchaus Ehre, denn auch die Rhythmussektion weiß sich geschickt einzubauen. So liefern etwa der solide Opener This Is How It Goes oder die vergleichsweise zurückhaltende Ballade Nothing To Lose einen Bassisten (Jonathan Gallant), der nicht nur den unauffälligen Begleiter gibt.

Seine stärksten Minuten hat Billy Talent, wenn es seine Punk-Sensibilität in catchy Midtempotracks einbindet, so teilweise eine Art Hardcore-Pop-Punk erzeugt. Herzeigbare Ergebnisse sind etwa der angenehm beschwingte Trennungssong The Ex, das fast schon jangelnde Lies oder die Mitsinghymne River Below. Immerhin finden die Kanadier aber auch in der härteren Gangart ihr Heil. Was Try Honesty besser, Line & Sinker schlechter - weil in heftigem Geschrei untergehend - andeuten, findet im kraftvollen Riff von Closer Voices Of Violence schließlich noch einen dankbaren Abnehmer. Zwar kann der das hohe Tempo nicht ohne Spannungseinbußen halten, solange wie's geht macht er aber mit seiner dynamischen Performance einen durchaus gelungenen Eindruck.

 

Leider geht der Band zwischendurch aber immer wieder die Puste aus. Dies äußert sich nicht etwa in gemäßigteren Balladen, um mal kurz Luft zu schnappen und das Tempo zu drosseln - von dieser Sorte gibt es eben nur Nothing To Lose -, sondern in müden, austauschbaren Nummern. Cut The Curtains hat zwar ordentlich Power und einen mächtigen Riff, blendet man D'Sa allerdings aus, sieht's trist aus, Fanliebling Living In The Shadows bleibt nach einem vielversprechenden Beginn auch erschreckend blass und bei besagter Ballade wird auch ersichtlich, warum Billy Talent auf diese weitestgehend verzichteten.

 

Allzu viel kann und will man aber nicht bemängeln, insgesamt ist das quasi-Debüt der Kanadier ein amüsanter und über weite Strecken kurzweiliger Ritt durch Pop, Hardcore-Punk und das, was man Mitte der Dekade unter 'Emo' verstand.

 

M-Rating: 7.5 / 10

 


Ein Hoch dem Post-Hardcore-Pop-Punk!

 

So, jetzt reicht's. Könnte die vereinigte M-Fraktion - also faktisch eh nur eine Person - wieder ein bisserl amateurhaftere Reviews schreiben, damit ich nicht einfach nur blöd daneben steh und abnicke? Danke, wirklich. Ich komm mir schon vor wie Werner Faymann, der hat auch nicht viel zu sagen. Und eigentlich haben ja die Kanadier auch nicht viel zu sagen. Das altbekannte Zeug eben rund um Liebe, Ruhm und etwas Politik drübergestreut. In diesem Sinne auch wieder passend zur Band mit faden Albumtiteln, fast notorisch fadem Cover und angeblich auch ziemlich faden Live-Shows. Wer Interviews gehört hat, weiß auch, dass die im echten Leben genauso fad sind. Also alles perfekt, wäre da nicht...

 

...ziemlich viel ziemlich gute Musik hier. Und wo der Kollege einem den Mischmasch aus Pop-Punk und Post-Hardcore schon in den Mund legt, kann man es gleich noch einmal betonen. Wildes Geschrei zumeist, aber mit Melodie. Power Chords ohne Ende, aber nicht ohne kurz gehaltenes leises Gezupfe. Manchmal viel Krach, aber nicht ohne den Bassisten ständig im Blick zu halten. Das sorgt fraglos für größtmögliche Unterhaltung. Tatsächlich von Anfang bis Ende, woran allerdings This Is How It Goes und Voices Of Violence nicht ganz unschuldig sind. Die ersten und letzten Minuten gehören mit zu den besten, zeigen auch ganz gut die beiden Gesichter der LP. Zum einen rhythmischer Bassantrieb rund um persönliche Lyrics und ausgezeichnete stimmliche Wutausbrüche in den Refrains. Zum anderen High-Power-Drums mitsamt starkem Riff und dem unverkennbaren Zusammenspiel von Kowalewicz und D'Sa als Gesangsduo.

 

Dazwischen gibt's genau das auf verschiedenste Art. Mal besser in Form des Riffs für die Ewigkeit von The Ex - einer nennt's "angenehm beschwingt", der andere wütend - oder der großartigen Midtempo-Vorstellung von Standing In The Rain, sozusagen das When The Sun Goes Down von Billy Talent, nur ohne erkennbaren Humor. Mal weniger gut, wenn man sich mit Prisoner Of Today und Living In The Shadows allzu soundkonform gibt, in Line & Sinker dafür Kowalewicz' Leine etwas zu locker lässt und deswegen die Ohrenschmerzen nahe sind. Selbst dort heißt es aber: Als Albumloser noch immer verdammt ordentlich.

 

Das gilt dann klarerweise auch für Live-Hymne River Below, aber auch für die zu Unrecht gescholtene Ballade Nothing To Lose, die das Album zwecks Abwechslung ohnehin wie einen Bissen Brot gebrauchen kann. Und zu guter Letzt tausche ich noch ein L für ein C. Während sich nämlich Lies auf Dauer ein bisschen zu sehr seiner gemächlichen Ohrwurmqualität hingibt, trifft Cut The Curtains mit seinem Monsterriff und dem 'Billy Talent meets AC/DC'-Gesamtbild schon eher ins Schwarze.

 

Ergo starker Auftritt, ergo starke Wertung, ergo gewisse Unnötigkeit meines Beitrags zu diesem Review. Aber um etwas positive Schwingungen hineinzubringen, klopfe ich mir auf die Schulter, bescheinige mir gute Arbeit und glaube an die weltbewegende Bedeutung meiner Worte. "Cause lies make it better, lies are forever!"

 

K-Rating: 8.5 / 10