MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Avril Lavigne Songs

Ich glaube, Avril Lavigne war der erste Teenie-Weltstar, den ich bewusst als solchen wahrgenommen habe. Und so sehr ich jedem recht gebe, der korrekterweise feststellt, dass meine musikalische Sozialisierung qualitativ reichlich durchwachsen abgelaufen ist, so ist die Kanadierin definitiv keine schlechte Wahl, wenn es eben um die jugendlichen Musikstars der neueren Tage geht. Immerhin ist sie nicht Britney Spears, nicht Kylie Minogue und nicht Miley Cyrus. Niedrige Maßstäbe womöglich, aber Avril hat als gerade einmal 17-Jährige ein bisschen die Welt gerockt und sich dafür weder als versautes Püppchen darstellen, noch von jeglicher musikalischer Eigenheit verabschieden müssen. Das ist schon einmal keine schlechte Leistung in dem Alter. Musikalisch war zwar nicht alles rosig, aber dann doch genug beachtlich, dass man ihr über Jahre zuhören konnte und sich immer wieder neu hat überzeugen lassen.

 

erstellt am: 09.12.2018


10.

 

Losing Grip

 

Let Go
2002

 

Zugegebenermaßen eröffnet Losing Grip die Karriere der Kanadierin weit vielversprechender, als es durch den Rest des Debütalbums wirklich fortgesetzt werden konnte. Andererseits ist das egal, weil die Frau meiner 8-Jährigen-Träume gekonnt den Umstand ausnutzt, dass mein 8-Jährigen-Gedächtnis hoffnungslos überfordert gewesen wäre, hätte es sich ein ganzes Album solcher Songs merken müssen. Insofern ist so ein kleiner, dem Post-Grunge entstiegener Happen zum Einstieg, der ein paar weniger freundliche Riffs mit der hellen, einladenden Stimme Lavignes paart und sich dabei nicht zu schade ist, eine ordentliche Melodie in den Refrain zu packen, eine sehr gute Sache. Das Urteil bleibt auch eineinhalb Jahrzehnte später bestehen, weil es ihr selten danach gelungen ist oder bequem war, sich ein bisschen auf eine solche Härte und drückende Schwere einzulassen.

9.

 

Smile

 

Goodbye Lullaby
2011

 

In der rundum unfertigen, von Verwundbarkeit und dementsprechend oft akustischen Arrangements geprägten Fehlkalkulation, die "Goodbye Lullaby" dargestellt hat, war Smile ein so offensichtlicher Ausreißer, dass der Song eigentlich gar keinen Platz dort hätte finden dürfen. Das gilt zwar auch für die zähe Leadsingle What The Hell, im Gegensatz zu deren schrillem Synth-Sound und redundanter Bitch-Attitüde punktet Smile allerdings mit einer der besten Hooks ihrer gesamten Karriere, dem lockeren, nicht zu trocken produzierten Riff und Lavigne selbst. Deren energiegeladene Performance wirkt hier weniger nervig und dafür weit eher der Harmonie zugewandt, was so nebenbei den Vorteil hat, dass die schräge Rechnung aus Schimpferei und Pseudo-Rap in den Strophen einerseits, der kitschigen Romantik im sonnigen Refrain andererseits komplett aufgeht.

8.

 

Give You What You Like

 

Avril Lavigne
2014

 

Wiederum im Kontext der LP latent deplatziert, ist das düster dahinbrodelnde Give You What You Like eigentlich genau der Typ Song, der "Goodbye Lullaby" ausmachen hätte sollen. Zwar zuckt man kurz zusammen, wenn im Refrain Lavignes Stimme an den unguten Tonhöhen zerschellt, ansonsten ist es aber eine atmosphärisch gespentische Performance, deren karges, auf Akustikgitarre, nachhallende Claps und leblos pochenden Drums fokussiertes Arrangement eine tödliche Aura ausstrahlt. Lavigne scheint in den Strophen genau die verinnerlicht zu haben und macht die selbstzerstörerischen Anwandlungen, die das Liebeslied der ganz anderen Art dominieren, auf eindringliche Art spürbar.

7.

 

Everything Back But You

 

The Best Damn Thing
2007

 

Schwierig ist gar kein Ausdruck, möchte man die Girlie-Exzesse beschreiben, die zu einer LP wie "The Best Damn Thing" geführt haben. Manche dürfte es gefreut haben, dass sich die ursprünglichen punkigen Ambitionen der Kanadierin hier zumindest in ihrer poppigsten Form gezeigt haben, wirklich gut geklungen hat das aber allein schon wegen der oft unterirdischen Lyrics nur gelegentlich. Everything Back But You ist so ein Fall, der nicht nur mit dem höchstmöglichen Tempo und starkem Riff überzeugt, sondern auch textlich einen Weg findet, diese Ausflüge in die Gedanken einer 13-Jährigen einigermaßen humorvoll und unterhaltsam klingen zu lassen. Dass sich Lavigne wiederum stimmlich im wenig subtilen, äußerst geradlinigen Setting pudelwohl fühlt, muss wohl nicht dazugesagt werden.

6.

 

Things I'll Never Say

 

Let Go
2002

 

Es gibt ein Zuviel an Kitsch, keine Frage. Aus einem nicht ganz ersichtlichen Grund überschreitet Things I'll Never Say diese Grenze allerdings nicht, obwohl die Geschichte vom schüchternen, unsterblich verliebten Mädchen, das sich nichts sagen traut, diesbezüglich auch die junge Taylor Swift ein bisschen verlegen machen würde. Vielleicht sind es nur die luftigen Akkorde an der Gitarre und Lavignes mühelos lockerer Performance, die dafür sorgen, dass man den Track dementsprechend nicht als schmalzigen Müll, sondern als kindisch-naives Liedchen wahrnimmt, dem eine unglaubliche sympathische Qualität anhaftet.

5.

 

Fall To Pieces

 

Under My Skin
2004

 

Ohne "Under My Skin" würde die bisherige Karriere von Avril Lavigne um einiges blasser und uninteressanter aussehen, soviel ist sicher. Dass sie auf ihrer zweiten LP mehr gereift zu sein scheint als nur die zwei seit dem Debüt vergangenen Jahre, wird vielleicht ein bisschen dadurch verdeckt, dass sie trotzdem klingt wie eine Mischung aus Alanis Morissette und Amy Lee. Das wiederum macht nichts, weil Lavigne mit ihren Songwriting-Helfern ein bisschen schneller und öfter zu starken Pop-Hooks findet und gleichzeitig doch nicht auf die Emotion verzichtet. Fall To Pieces gehört eindeutig in diese Kategorie, ist aber als gitarrenbasierte Ballade, der man nur in den Refrains mit ein bisschen härteren Riffs zu relevanter Lautstärke verholfen hat, viel eher ein starker Beweis dafür, wie gut Lavigne ihre Stimme manchmal einsetzen konnte. Gelungen ist ihr das immer dann, wenn sie nicht zu viel gewollt und stattdessen ein bisschen zurückhaltender gesungen hat. Eben genau so wie hier.

4.

 

Nobody's Home

 

Under My Skin
2004

 

Entgegen der vorherigen Kritik, ist es bei Nobody's Home gerade der dramatische Touch, der die Erzählung von der einsamen Obdachlosen ausmacht. Der sorgt nämlich dafür, dass die so oder so emotionale Powerballade noch ein wenig großspurige Eleganz mitbekommt, die sich wohl durch ein dezenteres Soundgewand nicht ergeben hätte. Ohne den markanten Streichersatz und Lavignes großartige gesangliche Performance würde dem Refrain nämlich die nötige Extravaganz fehlen, die den Track ausmacht. Nun ist das eigentliche, eben auch stimmlich vollbrachte Kunststück, das ihr mit dem Song gelingt, dass die Atmosphäre eben nicht diesem größeren Sound zum Opfer fällt.

3.

 

Everybody Hurts

 

Goodbye Lullaby
2011

 

Bei Avril Lavigne wurde und wird zunehmend klarer, was im Pop immer gilt: Massentaugliche, glitzernde Produktion und Drama sind Trumpf. Tatsächlich war das bei ihr zwar immer schon zwangsläufig so, selbst auf dem ernsteren "Under My Skin" und tatsächlich auch zu einem guten Teil auf "Goodbye Lullaby". Dessen abgespeckte Arrangements schaffen zwar theoretisch Raum für zurückhaltenden und gefühlvollen Sound, effektiv landet aber das allermeiste im Tal entweder poppigsten oder dann doch theatralischsten Balladentums. Everybody Hurts entzieht sich dem insofern gekonnt, als dass der antreibende Akustikriff fragil genug wirkt, um der starken, von melodramatischen Tendenzen befreiten Darbietung Lavignes ein zerbrechliche Note mitzugeben, gleichzeitig aber weiter den Song auf Trab zu halten. Dass außerdem die Streicher nur im Hintergrund und mit der gesanglichen Mehrstimmigkeit zusammen ein wenig für die klangliche Auskleidung sorgen, schadet genauso wenig.

2.

 

Take Me Away

 

Under My Skin
2004

 

Ähnlich wie das Debüt wird auch die zweite LP in durchaus harter Gangart eröffnet. Take Me Away ist in dieser Hinsicht erfreulich schnörkellos und sorgt mit den voluminösen Metalriffwänden für eine drückende Eröffnung des Albums. Dementsprechend ist es dann auch die Gitarre, die vieles ausmacht und sich gut mit Lavigne kraftvollem Auftritt verträgt, auch ihren hohen Gesang stark konterkariert. In diesem Sinne hilft es, dass darauf verzichtet wird, irgendwo großartig auszuschmücken und stattdessen die depressive Avril ihren Schmerz in die Welt hinausschreien darf, ohne dabei wirklich mehr um sich zu haben als die harte Rockausstattung.

1.

 

My Happy Ending

 

Under My Skin
2004

 

Versucht man all das, was Avril Lavigne in ihrer Karriere bisher richtig gemacht hat, in einen Song zusammenzupacken, kommt wahrscheinlich in etwa das heraus, was My Happy Ending darstellt. Effektiv ist das dann ein Mittelweg aus dem Pop-Rock des Debüts, der ernsteren Mischung aus Post-Grunge- und Alt-Metal-Einflüssen, die "Under My Skin" teilweise prägen, der effektvollen Produktion späterer Jahre und vor allem der zunehmenden Sicherheit, die Lavigne stimmlich an den Tag legt. Abzüge gibt es dabei eigentlich für nichts Relevantes, weil die Single zwar ziemlich kompromisslos chartfreundlich daherkommt, das aber durch die großartige Hook und ein rundum stimmiges Arrangement abfedert.

Schlusswort:

Avril Lavigne gehört ja zu den mittlerweile vielen Top-10-Geehrten dieses Advents, deren Karriere zwar noch am Laufen ist, aber dann doch nicht mehr so ganz. Und während das durchschnittliche Comeback effektiv schon passiert ist, allerdings noch auf die Langform durch ihr sechstes Studioalbum wartet, bleibt der Blick zurück auf eine Diskographie, die so durchwachsen ist, dass es sich kaum wirklich erklären lässt. Gerade das bedeutet aber auch, dass den häufigen Patzern und Geschmacksverirrungen der Kanadierin einige großartige Songs gegenüber stehen und für die hat es sich dann doch ganz eindeutig gelohnt. Irgendwann einmal, beinahe schon in einem Land vor unserer Zeit, war da auch noch ein Sympathiebonus, weil die Avril ziemlich erfrischend dahergekommen ist. Davon ist wenig übrig, die Songs bleiben aber, am besten in Listenform.

 

Kristoffer Leitgeb, giving you what you don't like